Eine Kolumne von Celal Özcan

Aus Döner wird "Döööna", aus Selçuk Selsuk: Um es im Alltag leichter zu haben, passen viele Türken ihre Sprache der deutschen Aussprache an.

Italiener sind unerreicht in der Kunst der Selbstdarstellung. Dazu gehört auch ihr Umgang mit der Sprache. In einem italienischen Restaurant wird der Gast mit "buon giorno" und "buona sera" begrüßt, "grazie" und "prego" versteht in Deutschland jedes Kind. Aber ein Türke in der Dönerbude hat sich längst an den hiesigen Zungenschlag angepasst und sagt "Dööönä". Das würde in der Türkei kein Mensch verstehen, das "ö" wird kurz und betont gesprochen, das "er" klingt wie in "Erwin".

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Schwer auszusprechen für Deutsche: Der Name des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Der Trick: Das "g" wird nicht gesprochen. (© Foto: AFP)

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Der Name des italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi bereitet hierzulande niemandem Probleme, der des türkischen Premier Erdogan scheint eine unüberwindbare Hürde zu sein. Deutsche Politiker drücken sich gern davor, den Namen auszusprechen. Man nennt ihn einfach "türkischer Ministerpräsident". Der Nachrichtensprecher im Fernsehen dagegen sagt "Erdogan" .

Dabei ist im Türkischen das "g" mit Häkchen ein "weiches g", das gar nicht gesprochen wird und nur zwei Vokale verbindet. Wenn hiesige Sportmoderatoren die Namen türkischstämmiger Bundesligaspieler eindeutschen, grinsen türkische Fernsehzuschauer heimlich darüber, dass auch Deutsche Fehler machen.

Richtig lustig wird es, wenn beim Einwohnermeldeamt oder beim Arzt die Besucher per Lautsprecher aufgerufen werden. Bei einem türkischen Namen hört man zuerst ein tiefes Luftholen, ein kurzes Stocken - endlich folgt ein Kauderwelsch. Der Türke schaut sich erst mal vorsichtig um. Vielleicht steht ja doch ein anderer auf? Oder war man tatsächlich selber gemeint? Und Türken helfen kräftig mit, ihre Namen in die deutsche Sprache zu integrieren. Aus Selçuk (Seltschuk) wird Selsuk, aus Incel (Indschel) Insel. Bei der Schreibung verzichten sie gleich ganz auf die Häkchen.

Einige Türken haben daraus Konsequenzen gezogen und ihren Namen assimiliert, um sich das Leben zu erleichtern. Ich kenne vier Brüder mit Nachnamen Yücetürk (der erhabene Türke), die jetzt die Nachnamen der Ehefrauen tragen - ein Schmerz für ihren Vater, der stolz auf seinen Namen ist. Aus einem dieser "erhabenen Türken" wurde Herr Fröschl, nicht mal Frosch.

Eher unwahrscheinlich ist andererseits, dass jeder Türke mit seinem Nachnamen zufrieden ist. Bei deren Einführung 1934 hing es oft von der Laune der Beamten ab, welcher Familienname eingetragen wurde. Jemand wollte gern Dörtkardes, also "Viergeschwister" heißen, aber der Beamte machte daraus Dörtkas, "vier Augenbrauen". So blieb es bis zum heutigen Tag.

Eine Türkin mit Vornamen Resmiye nennt sich kurz Rosi. Was aber macht man, wenn man Gülay heißt, "Rosenmond", schön ist wie eine Rose und hell wie der Mond? Oder Dursun ("Er soll bleiben")? Es ist ein Vorname, der vom Schicksal der Familie erzählt: Andere Geschwister waren gestorben, und die Eltern wünschten sich, wenigstens er möge am Leben bleiben. Hierzulande haben die Türken zwei Namen, den echten und den eingedeutschten. Sie denken in zwei Sprachen und haben zwei Namen für ihre Umgebung: Josefsplatz heißt Yusufplatz, Hasenbergl Hasanberg. Integration ist eben keine Einbahnstraße.

Vier Auslandskorrespondenten schreiben an dieser Stelle jeden Samstag über Deutschland. Celal Özcan arbeitet für die türkische Zeitung Hürriyet.

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(SZ vom 08.08.2009/ag)