Grüne Gentechnik Was der Bauer nicht kennt

Auf den Feldern tobt ein Glaubenskrieg um genveränderte Agrarprodukte. Die Gegner setzen mehr auf Stimmung als auf Fakten und haben Landwirte, Politiker und Verbraucher auf ihre Seite gebracht. In den Laboren kämpfen die Forscher fast schon auf verlorenem Posten.

Von Sebastian Beck

Für einen Bauernaufstand ist dieser Sommerabend fast zu schön. Auf den Wiesen rings um Salzburg muss noch schnell das Heu eingefahren werden, der Wetterbericht hat für die nächsten Tage Regen angekündigt. Trotzdem sind 2000 Bauern aus Bayern und Österreich in die Salzburger Messehalle gekommen. Denn hier geht es um viel mehr als nur um eine trockene Heuernte. Es geht um Gut und Böse, um Armut und Hunger, um Freiheit oder Knechtschaft.

Es geht um die Zukunft der Kinder, die Fruchtbarkeit des Mutterbodens und die Ordnung Gottes - kurzum: Es geht um den Kampf gegen die grüne Gentechnik. Und um die Revolution im Alpenraum, um eine kleine jedenfalls. Sie wird von Christoph Fischer aus Söchtenau ausgerufen, einem Mann in grüner Trachtenjoppe, der sich seiner Wirkung sehr bewusst ist. "Diese Region steht unter Beschuss, wenn sich die Strategien der Agrartechnik durchsetzen", warnt er seine Zuhörer.

Hier muss er niemanden mehr davon überzeugen, dass große Gefahr im Anzug ist. Fischer ist zwar eigentlich nur der Vorredner für Vandana Shiva und Percy Schmeiser, die beiden Träger des alternativen Nobelpreises. Doch seit der Landwirtschaftsberater 2006 im Nebenzimmer des Sießlbräus in Halfing die Arbeitsgemeinschaft Zivilcourage gegründet hat, ist er zu einem Bauernführer aufgestiegen, vor dem sogar die CSU in Deckung geht. Wenn Bayerns Umweltminister Markus Söder neuerdings die "Bewahrung der Schöpfung" als sein politisches Herzensanliegen entdeckt hat und sich gegen Agrar-Gentechnik wendet, dann ist dieser Sinneswandel auch auf den Druck von Leuten wie Fischer zurückzuführen. Kirchliche Gruppen, frustrierte Mitglieder des Bauernverbands, Landhändler, Naturschützer, selbst Trachtenvereine - sie alle haben sich zusammengeschlossen, um den gemeinsamen Feind von den Äckern zu jagen.

Der sieht so unscheinbar aus, wie Kartoffel, Mais oder Raps eben aussehen, doch sein Innenleben stammt aus den Labors von Saatgutkonzernen wie Monsanto, BASF und Syngenta. Er heißt Mon810, BT-Mais oder Amflora, trägt Gene von Bazillen in sich, widersteht dem Maiszünsler ebenso wie dem Unkrautvernichter Roundup. Es ist ein unheimlicher Feind, einer, der im Auftrag seiner Erfinder die Welt erobern und die Bauern in Abhängigkeit bringen soll. So jedenfalls stellt es Fischer in seinem Vortrag dar, einer Grusel-Show im Powerpoint-Format, nach der sich die Luft in der dunklen Messehalle noch ein wenig kühler anfühlt. Mutmaßungen verkauft er als Gewissheiten: Als er Roundup und Gentechnik für die Ausbreitung des tropischen Dengue-Fiebers verantwortlich macht, da raunt einer seiner Unterstützer, der Christoph sollte an der Stelle vielleicht ein bisserl vorsichtiger sein. So ganz geklärt sei der Zusammenhang noch nicht.

Doch rationales Abwägen und Differenzierung spielen ohnehin keine Rolle mehr, wenn es um grüne Gentechnik geht. Wissenschaftler und die große Mehrheit der Bevölkerung stehen sich in dieser Frage unversöhnlich gegenüber: Die Diskussion sei extrem emotional und so aggressiv wie nie zuvor, sagt eine Mitarbeiterin von BASF. In den Labors des Unternehmens wurde unter anderem die Stärkekartoffel Amflora entwickelt. Selbst Umweltschützer halten ihren Anbau für ökologisch unbedenklich, behalten diese Erkenntnis aber lieber für sich. Denn zwischen 70 und 80 Prozent der Deutschen lehnen Gentechnik in Lebensmitteln ab.

Und trotzdem schleicht sie sich unaufhaltsam in immer mehr Produkte ein. Vor einigen Wochen erst entdeckte die Zeitschrift Ökotest gentechnisch verändertes Material in Nougat-Cremes, in Senf und Honig. Aus dem weltweiten Nahrungskreislauf kann und will sich niemand mehr heraushalten. So nehmen es die Konsumenten klaglos hin, dass die Europäische Union im großen Stil gentechnisch veränderte Futtermittel aus Nord- und Südamerika einführt. Allein im Jahr 2007 waren es fast 34 Millionen Tonnen Mais und Soja, die in der EU zur Produktion von billigem Fleisch und Eiern benötigt wurden. Die Energie für Schnitzel und Braten, sie stammt von Feldern in Brasilien und Argentinien, auf denen schon seit Jahren fast ausschließlich gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden. Fischer und seine Mitstreiter von der Arbeitsgemeinschaft Zivilcourage wollen nun erreichen, dass für Futtermittel in Zukunft wieder herkömmliches Saatgut eingesetzt wird. Der ökologische Nutzen dieser Aktion ist fraglich: Denn mit seinen Monokulturen, Dünge- und Spritzmitteln verursacht auch der konventionelle Anbau massive Umweltschäden.

Derzeit sieht es aber danach aus, als ob die Gegner der grünen Gentechnik zumindest in Europa die Oberhand gewinnen würden. Nachdem Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner im April den Anbau der Monsanto-Maissorte Mon810 verboten hat, sind in Deutschland lediglich ein paar kleinere Versuchsflächen übrig geblieben. Einige davon wurden inzwischen von sogenannten Feldbefreiern zerstört, in Pillnitz bei Dresden beispielsweise, wo das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen 274 transgene Apfelbäume herangezogen hatte, um ihre Auswirkungen auf die Umwelt zu untersuchen. Aktivisten sägten nachts die Stämme ab und machten damit sieben Jahre Arbeit zunichte. Die Forscher des Instituts schweigen dazu - aus Furcht vor persönlichen Diffamierungen und Angriffen durch militante Gentechnik-Gegner. Ihre schriftliche Erklärung klingt wie eine Entschuldigung: Sie hätten doch bloß Sicherheitsforschung betrieben und nie im Sinn gehabt, gentechnisch veränderte Äpfel zu züchten.

In Magdeburg läuft vor dem Landgericht unterdessen ein Zivilverfahren gegen sechs Gentechnik-Gegner. Sie hatten vor einem Jahr ein Weizenfeld des Leibniz-Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung zerstört. Jetzt sollen sie 104000 Euro Schadenersatz zahlen, zusätzlich droht ihnen eine Strafe wegen Sachbeschädigung. Susanne Meyer-Mähne ist eine der Angeklagten. "Ich bin kein radikaler Typ", sagt sie über sich. Doch die Versuche mit dem Weizen seien dermaßen riskant, das könne man sich einfach nicht bieten lassen. Und ja, es sei ihr klar gewesen, dass sie an den finanziellen Folgen der Aktion womöglich ihr Leben lang zu tragen habe. Dennoch bereut sie nichts: "Ich würde das immer wieder machen."

Auch das Feld von Karl-Heinz Kogel wurde in diesem Jahr wieder einmal zerstört. Kogel ist Professor für Pflanzenkrankheiten und Pflanzenschutz an der Universität Gießen. Im Lichthof vor seinem Büro gedeihen Bananen aus den Anden und Kakteen aus der mexikanischen Halbwüste. Die wirklich interessanten Pflanzen wachsen jedoch in fensterlosen Laboren heran. Auf dem Weg dorthin erzählt Kogel eher beiläufig, dass er sich an die ständigen Beschimpfungen bereits gewöhnt habe. Sogar seine Tochter hat schon einmal Ärger bekommen: In der Schule hielt sie ein Referat, in dem sie mögliche Vorteile der grünen Gentechnik herausstellte. Ihr Religionslehrer war darüber ziemlich erbost. "Wenn wir nicht alle Wissenschaftsorganisationen hinter uns hätten, dann wären wir absolut frustriert", beschreibt Kogel die Lage. So aber ist er trotz aller Anfeindungen optimistisch: "Die Wahrheit setzt sich immer durch."

Die Wahrheit - für Kogel ist das der unaufhaltsame Vormarsch der grünen Gentechnik und deren riesiges Potential. In Gießen beschäftigen sich die Wissenschaftler unter anderem mit Gerste aus den USA. Ihre Zellwände wurden gentechnisch verändert, weshalb sie sich hervorragend zum Bierbrauen, aber auch als Hühnerfutter eignet. Oder die etwas schrumpeligen Möhren unter den UV-Lampen: In ihnen wurde ein Enzym ausgeschaltet, gegen das vor allem Menschen in Südeuropa allergisch sind. Trotzdem werden solche Pflanzen nicht auf die Felder kommen, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit.

Die wissenschaftliche Literatur jedoch, die spreche "überwältigend eindeutig" für die Gentechnik und die Unbedenklichkeit der bisher zugelassenen Pflanzen. Das gilt nach Ansicht von Kogel auch für den BT-Mais Mon810, dessen Anbau in Deutschland jetzt untersagt wurde. Kogel hat sich die Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich durchgelesen, auf die sich Landwirtschaftsministerin Aigner bei ihrem Verbot berief: "Für das normale Ökosystem sind die Ergebnisse völlig irrelevant", fasst er sie zusammen. BT-Mais produziert zur Schädlingsabwehr das Gift des Bazillus Thuringienesis - ein Bakterium, das überall im Boden vorkommt und tödlich auf Larven wirkt. In den Rheinauen werde aus Hubschraubern jedes Jahr tonnenweise BT-Gift gegen Mücken versprüht, sagt Kogel. Selbst in der ökologischen Landwirtschaft finde BT als Pflanzenschutzmittel Verwendung.

Er hat den Verdacht, dass die Politik nur auf der Suche nach Argumenten sei, um die Anwendung der Gentechnik zu verhindern. Das ärgert ihn: Denn wer die Technik nicht alleine internationalen Konzernen wie Monsanto überlassen wolle, der müsse an den Hochschulen wissenschaftlichen Nachwuchs ausbilden. In Deutschland aber, sagt Kogel, sei trotz der Erfolge in der Biotechnologie die Weiterentwicklung gestoppt: "Die Versuchsgegner sind sehr effektiv."

Georg Planthaler kann sich darüber nur freuen. Bevor er über seine Abneigung gegen die grüne Gentechnik sprechen will, führt er seinen Besucher erst einmal hinauf auf die Anhöhe über seinem Hof. Von hier oben öffnet sich ein Panoramablick auf die Berchtesgadener Alpen und das Salzburger Land. Hinter den Hügeln spitzen ein paar Dächer hervor. Ungefähr 40 Bauern gibt es noch in Heiligkreuz, einem Dorf unweit der Stadt Trostberg. Viele von ihnen bauen hier Getreide an, auf Feldern, die nicht viel mehr sind als schmale Streifen. Weizen, Mais, Bohnen, Grünland, das alles wächst hier dicht nebeneinander.

Was bliebe denn von dieser Vielfalt übrig, fragt Planthaler, wenn hier gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut würden? Wo doch die einzelnen Felder kaum breiter sind als die gesetzlich vorgeschriebenen Abstandsflächen. Und was solle dann aus seinem Biobetrieb werden, wenn der Wind die Pollen aus der Nachbarschaft zu ihm herüberträgt? Die Gentechnik benötige nun einmal große Flächen, sagt Planthaler. Schon allein deshalb leiste sie der Monokultur und der Agrarindustrie Vorschub. Und daher ist er prinzipiell gegen Freilandversuche und gentechnisch optimierte Möhren, gegen BT-Mais und Stärke-Kartoffeln. Er will das ganze Zeug einfach nicht. Er misstraut den Beteuerungen der Wissenschaft, wonach die Angst vor resistenten Superunkräutern aus den Laboren und vor Gesundheitsrisiken völlig unbegründet sei. Die Saatgutkonzerne, davon ist Planthaler überzeugt, die hätten mittlerweile an allen wichtigen Stellen ihre Leute sitzen.

Früher war er Ortsobmann des Bauernverbands, jetzt kämpft er mit Fischers Arbeitsgemeinschaft Zivilcourage gegen diese gefühlte Bedrohung durch die Industrie und ihre transgenen Pflanzen. Die Zahl der Unterstützer wächst ständig. Als im Februar Christoph Fischer zusammen mit Vandana Shiva in der Rosenheimer Inntalhalle auftrat, kamen 3500 Zuhörer. In Bayern können selbst CSU-Politiker von einem solchem Zuspruch nur träumen. Die verunsicherten Biowissenschaftler haben sich ohnehin in ihre Labors verkrochen: Mit dem Erklären von schwierigen Zusammenhängen taten sie sich schon immer schwer.

Die Verkündung der Wahrheit über die Gentechnik bleibt daher ausschließlich ihren Gegnern überlassen. In der Salzburger Messehalle sind es an diesem Abend neben Christoph Fischer wieder einmal Percy Schmeiser und Vandana Shiva, die beiden Träger des alternativen Nobelpreises. Für Gentechnik-Gegner sind sie zugleich Stars und Heilige: Schmeiser, der 78-jährige Farmer aus Kanada, der sich mit Monsanto vor Gericht angelegt hat; Shiva, die sich in Indien für Frauenrechte und Umweltschutz engagiert. Im Kampf zwischen Gut und Böse repräsentieren sie die Guten - auch wenn Vandana Shiva von dem britischen Umweltautor Fred Pearce schon mal als "Mao Zedong der grünen Bewegung" bezeichnet wurde: Glücklicherweise gebe es kein Land, in dem sie ihre Rezepte ausprobieren könne, schrieb er über Shiva.

In Salzburg haben Shiva und Schmeiser ein klare Botschaft: Die Bauern müssten ihr ureigenes Recht auf den Nachbau ihres Saatgutes gegen die Gentechnik-Konzerne verteidigen. Es gehe darum, die Diktatur von Unternehmen über die Nahrungsmittel zu verhindern. Bei den Zuhörern kommt das gut an, auch wenn die Sache mit dem Saatgut in Wirklichkeit ein bisschen komplizierter ist, als Schmeiser und Shiva glauben machen: Denn in Deutschland und anderen Ländern ist es nun mal auch ein ureigenes Recht der Züchter, für den Nachbau der von ihnen gezüchteten Sorten Geld zu verlangen. Mit Gentechnik hat das nur wenig zu tun.

Der Pflanzenforscher Kogel überlegt nun, ob er mit den Freilandversuchen aufhören soll: "Selbst wenn nach dem hundertsten Versuch klar rauskommt, dass es keine negativen Effekte hat, können wir niemanden überzeugen, der nicht will." Auch Kogel sieht die gravierenden Folgen der weltweiten Landwirtschaft. Deshalb habe er schon immer für eine Synthese aus Biolandbau und Gentechnik plädiert. Das wäre ein echter Sprung nach vorne, glaubt er. Aber Kogel weiß nur zu gut: Bei einem Vortrag über dieses Thema, da wäre die Messehalle leer.