Die Kritik an den modernen Formen der Krebstherapie teilen viele SZ-Leser nicht: Krebskranke und ihre Ärzte können sehr wohl mit dem Sterben umgehen.

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Ein Krebspatient sollte die Chance bekommen, die Todesstatistik zu überlisten, finden SZ-Leser. Foto: dpa

Zur Kritik an den Krebstherapien ("Der Preis des Fortschritts" und "Die Fakten und die Toten"):

"Als betroffene Patientin hat mich die Kritik von Werner Bartens an neuen Krebstherapien und ihren Erfolgsstatistiken aufgebracht.  Auch wenn die Behandlungen keine Wunderwaffen sind, auch wenn sie höchstwahrscheinlich überteuert sind, auch wenn sie nicht bei jedem lebensverlängernd wirken - für den Kranken zählt nicht die Statistik, sondern die individuelle Lebenszeit und deren Qualität. Über die Anwendung soll natürlich jeder einzelne Patient mit seinem Arzt nach genauer Information selbst entscheiden. Doch jeder hat eine Chance verdient, zum rechten, flach auslaufenden Teil der Mortalitätsstatistik zu gehören.

Ich selbst habe Avastin neun Mal erhalten, danach wurde es wieder abgesetzt, da das Medikament nicht anschlug. Das heißt: Nicht jeder erhält diese teuren Medikamente, bis er stirbt, koste es, was es wolle, sondern nach reiflicher Abwägung. Neue Therapien sind doch auch immer nur ein Prozess. Sie kommen nicht unbedingt der jetzigen Generation der Krebskranken zugute, sondern sind ein weiterer Entwicklungsschritt in die richtige Richtung.

Wir Krebskranke und unsere Ärzte wollten den Tod nicht wahrhaben, stellt Bartens zum Schluss fest: ein Hohn für die meisten Patienten und Therapeuten, die ich kennengelernt habe. Wir sind Spezialisten im Umgang mit dem Tod. Ich schreibe diesen Brief, während der Tod neben mir sitzt, ebenso aber die Lust auf mehr Leben - auch mit Pickeln, Mundentzündungen und Durchfall, wenn es anders nicht geht."

Sabine Weber
Neufahrn


Schwierige Gespräche in der Hausarztpraxis

"Wie sieht mein Alltag als Hausarzt aus? In langen und manchmal schwierigen Gesprächen mit schwerkranken Tumorpatienten versuche ich mit ihnen eine gute, nebenwirkungsarme Therapie zu finden, die ein Höchstmaß an Lebensqualität ermöglicht und trotzdem die Chance auf eine Lebensverlängerung oder (in seltenen Fällen) auch Heilung beinhaltet. Marketinginteressen der Pharmaindustrie spielen absolut keine Rolle, und in diesem Sinne beraten auch die meisten meiner hausärztlichen Kollegen ihre Tumor-Patienten. Genau hierzu sollte jeder Patient einen Hausarzt haben, damit er nicht nur die Meinung des Spezialisten hört, der vielleicht nur auf die Tumorgröße schaut."

Dr. Wolfgang Dämmer
Emmering


Es zählen nicht nur die Zahlen

"Statistik kann tatsächlich schwierig sein: Wenn eine Abnahme von vier auf drei pro Tausend als Senkung von 25 Prozent bezeichnet wird, ist das mathematisch eine korrekte Angabe. Wenn man aber wie Herr Bartens im Umkehrschluss die Steigerung von drei auf vier als Steigerung um 25 Prozent verkauft, ist das falsch. Es liegt hier eine Zunahme um 33,3 Prozent vor. Eine Reduzierung der Infarkthäufigkeit um 34 Prozent ist immer ein sehr guter Erfolg, selbst wenn die Gefahr "nur" von 3,9 auf 2,5 Prozent gesunken wäre. Die Senkung beträgt im Übrigen hier auf keinen Fall 1,4 Prozent, allenfalls 1,4 Prozentpunkte.

Würden wir immer nur die absolute Risikominderung betrachten, wäre jede Verbesserung der Therapie bei seltenen Erkrankungen irrelevant: Wenn von einer Million Menschen an der Krankheit X statt zwanzig nur noch zehn Menschen sterben, hätte das nach den Maßstäben des Artikels eine Senkung von 0,01 Prozent zur Folge. Für die Betroffenen sieht das aber doch ganz anders aus. Statistiken müssen nicht gefälscht sein, um falsch zu informieren, es genügen verzerrte Maßstäbe in Graphiken, Scheinkorrelationen oder selektierte Stichproben. Damit sind nicht nur Ärzte leicht zu täuschen, selbst die akademisch gebildete Bevölkerung.

Ob hier auch eine gewisse Arroganz der Statistiker eine Rolle spielt, die anscheinend nicht willens oder nicht fähig sind, ihre Ergebnisse allgemeinverständlich darzustellen, wäre wieder eine ganz neue Diskussion. In jedem Falle besteht kein Ausbildungs- sondern ein Kommunikationsproblem. Es gehört eben nicht zum Allgemeinwissen, über Signifikanzniveaus, Konfidenzintervalle und Korrelationskoeffizienten Bescheid zu wissen, selbst wenn man das einmal gelernt hat."

Dr. Christian Seidel
Ingolstadt


Was Mediziner lesen müssen

"Dass deutsche Zeitschriften wissenschaftlich bei "niedrigen Werten dümpeln" bedeutet nicht, dass deswegen deutsche Ärzte, ebenso wie finnische, österreichische, schwedische oder italienische Ärzte dumm wären. Wissenschaftliche Publikationen und Blätter wie Lancet haben ihre Funktion weltweit. Die von Bartens geschmähte Münchener Medizinische Wochenschrift erhebt diesen Anspruch gar nicht. Sie ist eine redaktionelle Aufarbeitung der großen Blätter und als solche sehr geschätzt. Das Deutsche Ärzteblatt ist übrigens das offizielle Organ der Deutschen Ärztekammern und der Kassenärztliche Vereinigungen und kein wissenschaftliches Blatt."

Dr. Helmut Ziereis
Stubenberg


Die Sprache der Forscher ist Englisch

"Dass wichtige Studien und relevante Ergebnisse nicht primär in deutschsprachigen Zeitschriften veröffentlicht werden, liegt nicht darin begründet, dass diese "ihre Anzeigenbelegung davon abhängig machen, dass Artikel nicht zu kritisch ausfallen", wie Werner Bartens mutmaßt. Vielmehr ist es in einer vernetzten Welt, deren Wissenschaftssprache Englisch ist, nicht mehr sinnvoll. Ärzte gehören sicherlich zu einer der fortbildungswilligsten und "fortbildungsüberwachtesten" Berufsgruppen in Deutschland. Dies sollte zunächst einmal positiv bemerkt werden. Leider wurde mit dem Artikel eine Chance vertan, kritisch zu analysieren, warum hierfür nicht immer die qualitativ hochwertigsten Mittel genutzt werden."

Dr. Rainer Scheid
Leipzig

(SZ vom 05.10.2009/ag/wib)