Nach dem Amoklauf von Winnenden diskutieren SZ-Leser über Druck in der Schule und den brutalen Wettbewerb, dem die junge Generation ausgesetzt ist.

Albertville-Realschule WinnendenBild vergrößern

Die Albertville-Realschule in Winnenden, in der der Amokläufer Tim K. neun Schüler und drei Lehrerinnen erschoss. Foto: AP

Zur Berichterstattung über den Amoklauf von Winnenden schreiben Leser:

"Die Politik sollte sich nicht mit einem 'zu erkennenden Muster' (Familienministerin Ursula von der Leyen) auseinandersetzen, sondern vielmehr einsehen, dass der soziale Druck insbesondere auf Jugendliche derart hoch ist, dass es zu solchen Ausbrüchen wie dem Amoklauf von Winnenden kommt.

Die Ellbogengesellschaft, Darwinismus in der reinsten Form, erdrückt Jugendliche von ihrem ersten Schultag an. Dies liegt auch an den Strukturen und Klassifizierungen, die unser Bildungssystem mit sich bringt. So wird in der 4.Klasse über die zukünftige Laufbahn entschieden.

Hinzu kommt die be- und erdrückende Situation auf dem Arbeitsmarkt, die fehlende Arbeits- und damit Zukunftsaussicht, welche jedem Jugendlichen bereits zur Schulzeit klar gemacht wird, insbesondere jetzt im Rahmen der Wirtschaftskrise.

Dies geht auch einher mit der Globalisierung, welche einen Wettbewerb nicht nur mit Deutschen sondern mit Jugendlichen in der ganzen Welt erzeugt. Innere Isolation ist die Folge, geht es doch oftmals gerade nicht mehr um Teambewusstsein und Freundschaften mit Klassenkameraden, sondern um einen puren Wettbewerb, in dem jeder schauen muss, wo er am Ende bleibt.

So mag es nicht weiter irritieren, dass neben den häufiger auftretenden Tragödien auch der Alkoholkonsum unter Jugendlichen und vor allem unter Mädchen zunimmt. So gehen Jugendliche mit dem Druck um, der ihnen durch das in Deutschland betriebene Wirtschaftssystem aufgezwungen wird.

Die Politik sollte sich eher damit befassen, wie man diesen Druck senken kann, statt speziell in Bayern durch die Einführung des G8 diesen noch zu erhöhen. Eine bessere pädagogische Ausbildung der Lehrer, eine Trennung der Schüler zu einem späteren Zeitpunkt (ab der 7.Klasse) und eine Gesellschaft, in der Eltern mehr Zeit bekommen, ihren Kindern die richtigen Werte beizubringen, wären Ansätze für Lösungen, nicht jedoch die Erhaltung von Eliten in Deutschland um jeden Preis."

Daniel Engel,
Untermeitingen

Warum die Politik mitverantwortlich ist

"Kann es uns denn wirklich wundern, dass sich Menschen in einer unmenschlichen Gesellschaft auch unmenschlich verhalten? Haufenweise fallen soziale Projekte dem Rotstift zum Opfer.

Projekte, die Jugendlichen einen Ausweg bieten können aus Gewalt, Hass oder Drogen, werden gestrichen. Kontinuierlich werden Auffangnetze für Menschen, die nicht ins System passen, abgebaut, während misswirtschaftende Banken und ihre Manager Milliarden in den Rachen geschmissen bekommen.

Auf der anderen Seite wird, in vielen Bundesländern, zum 'Wohle des Wirtschaftsstandortes Deutschland' ein unmenschliches Schulsystem eingeführt, das Kindern zum Teil einen zehn bis zwölf Stunden Arbeitstag abverlangt und meines Wissens, in dieser Form, noch nie Zustimmung von Pädagogen gefunden hat.

Aber nicht genug der Belastung. Zusätzlich muss sich die junge Generation jeden Tag dem Vorwurf der Faulheit, Dummheit und Gewalttätigkeit stellen, was mich persönlich immer zu Höchstleistungen anspornt.

Es scheint, als ob ein ganzes Volk seinen Verstand verloren hätte und sich dann wundert, dass manche Menschen ihren Wahnsinn nach außen tragen, wobei dafür die Pharmaindustrie bestimmt bald ein Verkaufsschlager wie Ritalin hat, womit wir unsere Kinder 'beruhigen' können.

Winnenden wird nicht der letzte Fall dieser Art bleiben. Denn anscheinend leben die Menschen, die uns 'führen', in einer anderen Welt. In einer Welt, in der menschliche Probleme durch Gesetze gelöst werden und nicht durch Nähe oder Zuwendung. In einer Welt, in der Politiker selbst den Sittenverfall anprangern, es aber anscheinend für sittlich halten, die Weltwirtschaft und Millionen Arbeitsplätze zu riskieren, mit Kinderpornographie zu handeln oder sich ihrer Verantwortung für die Umwelt zu entziehen.

Als junger Mensch kann man sich nur bedanken bei denen, die uns unserer Zukunft 'bereiten' und in erster Linie an sich und an ihren Profit denken. Es bleibt zu hoffen, dass bis die Politik erkannt hat, dass sie mitverantwortlich ist für solche Taten und die Schuld nicht auf Dinge abwälzt, die sie anscheinend nicht mehr verstehen, nicht zu viele Menschen sterben müssen."

Philipp Niklas Müller,
Heidelberg

Marodes Bildungssystem

"Obwohl ich nie sitzen geblieben bin oder größere schulische Probleme hatte, hege ich auch 20 Jahre später keinerlei freundliche Gefühle der Schule gegenüber. Heute sehe ich als Mutter von zwei Schulkindern die Tat mit Entsetzen. Verwunderung empfinde ich allerdings nicht.

So lange Schule fordern statt fördern bedeutet, Lehrer großzügig Kritik und Tadel statt Lob, Anerkennung und Unterstützung verteilen und Geld eher in ein paar neue Regale statt in personelle Ausstattung fließt, ist es eher ein Wunder, dass Amokläufe so selten sind.

Sucht man Schuldige, so sollte man sie in der Politik suchen. Bildung darf nichts kosten und Reformen werden auch von der Lehrergewerkschaft gerne blockiert. Die Kinder stehen unter enormen Leistungsdruck, der schon in der Grundschule beginnt. Sie sollen gute Noten haben, möglichst ruhig, sportlich, schlank und schön sein. Gefangen zwischen den Forderungen der Eltern und den von den Medien entworfenen Idealbildern (siehe DSDS) fühlt man sich schnell als Versager und gerade die ruhigen, unauffälligen Kinder bleiben auf der Strecke.

Ganztagsschulen mit einer Hausaufgabenbetreuung und einem Förderunterricht, der diesen Namen auch verdient, durchgeführt von qualifizierten Kräften, dazu kleinere Klassen und eine Ausbildung der Lehrer in Psychologie, damit ihnen bewusst wird, was sie mit mancher hingeworfenen Bemerkung anrichten, würde die Situation vieler Schüler verbessern.

Bildungspolitik in Deutschland ist wie ein baufälliges Haus, das statt von Grund auf saniert zu werden, immer nur einen neuen Farbanstrich bekommt."

Dr. Cynthia Nagel-Ogric,
Felsberg

Verherrlichung von Gewalt

"Im August 2008 durfte der TV-Sender RTL 2 ungestraft mit einem öffentlich ausgehängten Plakat ('Keine Angst. Der will nur töten') für die jugendgefährdende Sendung 'Dexter' werben, in der ein 'perfider Serienmörder' seiner 'Lust am Töten' nachgeht.

Ich wurde Zeuge, wie ein Kind an einer Straßenbahnhaltestelle seine Mutter beim Anblick des Plakates fragte, 'Mama, ist Töten etwas Schönes?' und stellte Antrag auf Einleitung eines Strafverfahrens wegen Gewaltverherrlichung.

Der zuständige Generalstaatsanwalt in München sah keine Notwendigkeit, weder ein Verfahren wegen Gewaltverherrlichung noch ein Verfahren wegen des Verstoßes gegen das Jugendschutzgesetz einzuleiten. Er qualifizierte die Fernsehserie 'Dexter', in dem der Hauptdarsteller blutrünstige Selbstjustiz übt und dabei seinen Opfern in den Hals sticht und sie bei lebendigem Leib zersägt, als 'künstlerische Darbietung'.

Solange verantwortungslose TV-Programmdirektoren und Staatsanwälte mit pervertierter Rechtsauffassung für ihr schändliches Handeln nicht zur Rechenschaft gezogen werden, dürfen wir uns nicht wundern, wenn es zu solchen Gewaltexzessen wie in Winnenden kommt."

Eberhard Altstädt,
Bremen

Ein ganz normaler Fernsehabend

"Eine ganz schlichte Frage stellt sich: Warum hat der Vater in voller Kenntnis seiner häuslichen Probleme seine Waffen und seine Munition nicht wenigstens Zeit weise außer Haus in Verwahrung gegeben, wenn er schon weiterhin unbedingt Schießen wollte? Wie das Beispiel Schweiz zeigt, laden Waffen zu Hause immer wieder zu Missbrauch ein, und sei es 'nur' zur Selbsttötung, so makaber das an dieser Stelle klingen mag.

Aber fassen wir uns an die eigene Nase: Zwei Tage nach dem schrecklichen unfassbaren Geschehen zeigen die Fernsehsender Freitagabend folgende Filme: ZDF: Kommissar Stollberg (Krimi um einen erschossenen Buchhändler); Arte: Kriminaldauerdienst (Krimiserie, diesmal Bombe bei einem Drogendealer); RTL2: The Patriot / Exit Wounds (Actionfilme); Vox: Basic (Thriller); Kabel 1: Cold Case(Krimiserie); Das Vierte: Die drei Tage des Condor (Thriller); Tele 5: Airboss (Actionfilme); n-tv: Sprengstoffexperten (Reportage); HR: Codename: Medizinmann(Krimi); Pro 7: Pakt der Druiden (Horrorfilm), undsoweiter.

Sage nun bitte keiner, dass 17-Jährige nicht nachts auf zu sein haben."

Rainer Heilinger,
Dortmund

Inspiration für Täter

"'Er hat immer nur so Ballerspiele gespielt' (Aussage einer Mitschülerin). Tatsache ist, dass sich bei Massakern bei den jugendlichen Tätern komplexe Motivlagen finden lassen. Tatsache ist aber auch, dass bei ihnen regelmäßig ein hoher Konsum von Gewaltfilmen und Gewalt-"Spielen" an Computern nachzuweisen ist.

Obwohl dieser fatale Zusammenhang seit Jahren bekannt ist, geht der Staat bestenfalls halbherzig gegen einschlägige Angebote vor. Es drängt sich der Eindruck auf, dass man sich scheut, so lange mit irgendetwas in diesem Land Profit gemacht und Steuern erwirtschaftet werden können, Unternehmen die nötigen Grenzen zu setzen.

Während nun die mitverantwortlichen Politiker allenthalben Trauerbeflaggung aufziehen lassen, hissen die Primitivsender, Videoshops und einschlägigen Warenhäuser ihre Werbefahnen und legen neues Material zur Inspiration künftiger Gewalttäter bereit."

Dr. Stefan von der Lahr,
München

Ohne Killerspiele kein Schulamok?!

Sehr wohl aber geht es um die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit für eine solche Tat durch einen derartigen Medienkonsum. Denn: Menschen lernen in erster Linie und am effektivsten durch Nachahmung, ob sie nun virtuell oder real stattfindet.

Es sollte doch zu denken geben, dass Schulamok in der jetzigen Form vor der Einführung von Killerspielen nicht existierte und man muss keine aufwändigen psychologisch-statistischen Untersuchungen durchführen, um folgenden Zusammenhang zu entdecken:

Die Wahrscheinlichkeit für die Durchführung eines Amoklaufs nimmt zu, wenn
a) Killerspiele häufig und exzessiv gespielt werden,
b) es keine ausgleichenden Bedingungen wie intensive soziale Kontakte und eine gute soziale Integration gibt,
c) es zu einer krisenhaften Zuspitzung der Lebenssituation kommt (Liebeskummer, Kränkungen, Missachtungs- und Misserfolgs-Erlebnisse etc.), mit denen massive Schamgefühle einhergehen. (Erst aufgrund gestörter Bedingungen kommt es zu einer zumindest zeitweilig gestörten Persönlichkeitsstruktur. - Aus diesem Grunde ist es eine kurzschlüssige Folgerung, dass Täter immer persönlichkeitsgestört sein müssen.)
d) es viele Amokläufe in der Vergangenheit gegeben hat, die für öffentliches Aufsehen gesorgt haben und Amokläufer zu Vorbildern werden und
e) Waffen leicht erreichbar sind.

Die Konsequenz, um Amokläufe präventiv zu verhindern, kann deswegen nur lauten:
1. Ein generelles Verbot von Produktion, Vertrieb und Beschaffung solcher Computer-Spiele. Mit Killerspielen sollte so umgegangen werden wie mit Kinderpornographie. Beide Phänomene sind als Perversionen gesellschaftlich zu ächten.
2. Ein generelles Verbot des persönlichen Besitzes von Schuss- bzw. Detonationswaffen.

Es ist ein trauriges Zeichen unserer modernen Gesellschaft, dass sich keiner darüber empört, das Millionen von Kinder Stunde um Stunde, Tag für Tag als virtuelle Kindersoldaten trainieren Menschen auf einem Bildschirm abzuknallen. Und es ist ein trauriges Zeichen, dass keiner die Frage aufwirft: 'Was ist eigentlich schützenswert an Killerspielen?' Stattdessen macht man sich Gedanken, Schulen in Hochsicherheitstrakte zu verwandeln."

Klaus Mücke,
Potsdam

"Die verletzliche Schule" und "Verletzte Ehre", 13. März 2009

Killerspiele sind keine Kunst

"'Bayerns Innenminister Joachim Herrmann forderte ein Verbot sogenannter Killerspiele' (SZ vom 13. März, Seite 1). Tanjev Schultz und Thomas Steinfeld halten wenig von einem Verbot. Tanjev Schultz spricht von tausenden 'wohlgeratener junger Computerspieler' und von der 'Freiheit' der 'Kunst', Thomas Steinfeld hält die Killerspiele für eher harmlos (da würden nur stark stilisierte 'Pixelmännchen' niedergeballert, der gewöhnliche Fernsehabend sei schlimmer); er deutet ferner an, nicht die Spiele brächten den Gewalttäter hervor, vielmehr sei der Gewalttäter von vornherein ein Gewalttäter und suche die Spiele zur 'Anregung'.

All diese Argumente sind wenig überzeugend. Killerspiele sind keine Kunst, und Jugendliche, die damit viele Stunden verbringen, mögen zwar wohlgeraten und unauffällig erscheinen, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass sie bis zu einem gewissen Grad seelisch abgestumpft und geschädigt sind.

Zum harmlos-lustigen Niederballern von Pixelmännchen möchte ich folgendes bemerken: Steinfeld selber gibt zu, dass 'Verrohung durch Übung befördert wird', und einschlägige Untersuchungen belegen das. Die eigentliche und letzte Ursache, so Steinfeld, liege im Gewalttäter selbst. Aber ist die Forderung nach einem Verbot von Killerspielen, also die Forderung, der potentielle Gewalttäter dürfe nicht f i n d e n , was er s u c h t (Übung und Anregung), nicht überaus logisch und naheliegend?

In jedem Menschen steckt ein Dr. Jekyll und ein Mr. Hyde! Mr. Hyde sollte nicht aufgepäppelt und liebevoll gestreichelt werden, auch nicht durch Horrorvideos und Killerspiele. Letztere wirken geradezu wie ein Vorbereitungstraining für künftige Amokläufer: reaktionsschnelles Schießen auf laufende menschliche Figuren, Freude am 'Ballern', Senkung von Hemmschwellen, Förderung von Aggression!

Dass Abertausende von Jugendlichen solche Spiele spielen und trotzdem unauffällig bleiben, nochmal sei es betont, ist kein Argument gegen ein Verbot:
a l l e Konsumenten werden in irgendeiner Weise abgestumpft und geschädigt,
n i e m a n d (die Produzenten ausgenommen) hat einen Nutzen, und in manchen Fällen (wie bei Tim K.) sind diese Computerspiele ein Faktor, der dazu beiträgt, die entsetzliche Tat Wirklichkeit werden zu lassen."

Wolfgang Illauer,
Neusäß

(SZ vom 17.03.2009/brei)