Dem gelegentlichen Zorn gegenüber dem Land liegt eine obsessive Berlusconi-Feindlichkeit zugrunde, schreibt Italiens Botschafter in Berlin, Antonio Puri Purini.
Unter dem Titel "Der Stinkstiefel" erschien am 13. Februar im SZ Magazin eine Analyse des Italienkenners und Journalismus-Professors an der New Yorker Columbia University, Alexander Stille. Darauf antwortet Italiens Botschafter in Berlin, Antonio Puri Purini:
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Am 13. Februar erschien im SZ Magazin einen Italien-Analyse von Alexander Stille. (© Foto: SZ Magazin)
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"Der Stiefel, von dem ich eine provokante geschmacklose Abbildung gefunden habe, umschließt von Norden bis Süden ein intensiv arbeitendes Industriesystem, dessen Errungenschaften - von Werkzeugmaschinen bis zum Design - sich in der ganzen Welt und auch in Deutschland behauptet haben.
Dieser Stiefel beherbergt im Übrigen ein außergewöhnliches und einzigartiges kulturelles Erbe, das Teil der italienischen Identität ist. Kunstwerke, Spitzentechnologien, wissenschaftliche Erkenntnisse, Gastronomie und Mode - das alles sind Zeichen eines überall geschätzten Wissens und Lebensstils.
Nicht zufällig strömen weiterhin deutsche Touristen in mein Land. Das ließe sich nicht erklären, wenn die Deutschen in Italien nur Missmanagement vorfänden und nicht ein aktives und betriebsames Land mit der Faszination unvergleichlicher Traditionen und einer dynamischen Modernität.
Mir scheint, dass diesem gelegentlichen Zorn gegenüber Italien eine obsessive Berlusconi-Feindlichkeit zugrunde liegt. Tatsache ist, dass der derzeitige Ministerpräsident seit 1994 auf der politischen Bühne aktiv ist, und dabei einige Wahlen gewonnen, andere verloren hat: Gewonnen hat er mit großem Vorsprung die Wahlen 2008 und die jüngsten Regionalwahlen in Sardinien. Dabei handelt es sich um nicht mehr und nicht weniger als den normalen demokratischen Ablauf.
Seit seiner Regierungsübernahme hat Silvio Berlusconi - ob man es nun gerne zugibt oder nicht - viele Probleme in Angriff genommen: Zunächst hat er in weniger als zwei Monaten den Müllnotstand in Neapel beseitigt, er hat die Bildungsreform eingeführt und endlich die Verbindung von Mestre eröffnet, die den Austausch zwischen Deutschland und Venetien so sehr erleichtert. Die Italiener leben nicht unter einer bleiernen Kappe, sondern in einem vitalen und dynamischen europäischen Land.
Die Vision von der Einheit Europas, die unsere beiden Länder seit Beginn des Integrationsprozesses vor mehr als 50 Jahren teilen, ist stark. Die Presseerklärungen von Ministerpräsident Berlusconi zur Stabilität der Eurozone und zum Stabilitäts- und Wachstumspakt - anlässlich des Gipfels der europäischen Länder der G20 in Berlin - bestätigen, dass unsere Länder beide die Verantwortung für das Voranschreiten Europas spüren.
Angesichts der Krise infolge des Zusammenbruchs der Finanzmärkte haben Italien und Deutschland beide im europäischen Geiste gehandelt und nationale Krisenpläne erarbeitet, welche auf die für den Aufschwung wesentlichen Schlüsselbereiche ausgerichtet sind und die unverzichtbare Sanierung der öffentlichen Finanzen berücksichtigen. In diesem Zusammenhang - und das sage ich ohne Prahlerei - kam es in Italien nicht zu Firmenzusammenbrüchen und selbst unser Bankensystem erwies sich als weniger anfällig für Turbulenzen und den Kollaps der internationalen Finanzsysteme.
Die G-8-Präsidentschaft in diesem Jahr wird zu einer intensiveren deutsch-italienischen Zusammenarbeit führen. Die bilateralen Beziehungen sind ausgezeichnet. Der Regierungsgipfel zwischen Ministerpräsident Berlusconi und Bundeskanzlerin Merkel war ein Erfolg. Er hat mit aller Deutlichkeit die Komplementarität beider Länder im Rahmen der Europäischen Union unterstrichen
Währungsgemeinschaft und Binnenmarkt, zu dem Italien und Deutschland mit zwei Dritteln ihrer jeweiligen Exporte beitragen, ermöglichen eine Verstärkung der Handels- und Finanzverbindungen. Der deutsche Markt ist für italienische Unternehmen der wichtigste weltweit, während Italien als Lieferant Deutschlands auch weiterhin einen der ersten Plätze einnimmt. Mehr als 1000 Unternehmen mit italienischer Beteiligung sind in Deutschland aktiv, die Zahl deutscher Tochterunternehmen in Italien ist ebenso bedeutend.
Es gibt zahllose Beispiele, die den Respekt Deutschlands für die italienische Kultur und Gesellschaft zeigen. Von den jüngsten will ich hier nur zwei nennen: die Entscheidung, den Wiederaufbau des Berliner Schlosses einem italienischen Architekten, Franco Stella, anzuvertrauen und die Verleihung des Karlspreises an Professor Andrea Riccardi, den Präsidenten der Gemeinschaft Sant'Egidio.
Wir sind ein sonniges, arbeitsames, dynamisches, offenes und kommunikationsfreudiges Land. Wir verdienen es nicht, dass der Stiefel abwertend beschrieben wird. Im heutigen Europa müssen wir uns vielmehr auf das konzentrieren, was uns verbindet. Die tiefe Übereinstimmung zwischen unseren beiden Völkern und die wachsende deutsch-italienische Zusammenarbeit sind im gemeinsamen Gut von Werten und Regeln der Europäischen Union verankert: Keine noch so harsche Kritik kann daran etwas ändern."
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(SZ vom 27.02.2009/brei)
Bundespräsident Gauck
Das hat Italien wiklich nicht verdient, aber es hat auch Berlusconi nicht verdient, der seinem Land genauso schadet wie die Mafia!
Es tut mir in der Seele weh, wenn ich mitansehen muss, wie sich das Land verändert - und ich muss gestehen, ich war schon lange nicht mehr dort, es zieht mich auch nicht hin - obwohl ich Italien liebe, immer geliebt habe! Einfach alles, die Kultur, die Landschaften, die Sprache sowieso und last not least la cucina italiana! Auch an die Leute, mit denen ich in Berührung gekommen bin, erinnere ich mich mit einem Schmunzeln gerne!
Aber die Politik und das Gebaren eines S. Berlusconi stoßen mich ab - und nicht nur mich!
Ich kann nur hoffen, daß es den Italienern gelingt, diesen unsympathischen Menschen bald loszuwerden, daß es der breiten Masse der Italilener bald besser geht und sie wieder so werden, wie ich sie in Erinnerung habe: nonchalant, charmant, flexibel, fröhlich, hilfsbereit etc. etc.
Sehr geehrte Damen und Herren,
mir hat es den Atem verschlagen als ich diesen Beitrag in der SZ fand. Als ich in der gleichen Ausgabe der SZ die Aussage las, dass das Frauenangebot in Bars nach 3 Uhr nur noch "Schrott" sei, war meine Verwunderung über den Niveauwandel der SZ groß.
Ich empfand diesen Titel "Stinkstiefel" schlichtweg als eine Beleidigung, zumal der Artikel sich auch wenig differenziert mit Italien auseinandergesetzt hat. Es gab Zeiten, da haben solche beleidigenden Aussagen Kriege ausgelöst.
Die Aussagen entsprechen eher einem populistischen Bildzeitungsstil. Ich war jetzt zum gleichen Zeitpunkt in Italien und sprach mit Italienern über diesen Artikel. Sie können sich vorstellen, auf welche Reaktion und Entsetzen ich stieß. Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Italiener sehr wohl und sehr kritisch ihre Situation sehen und diskutieren.
In Berlin gab es am 4.2. ein "Torgespräch" über "Sehnsucht und Entfremdung" mit den Botschaftern beider Ländern in dem auch wie jetzt von Herrn Botschafter Purini ein differenziertes und auch ein kritisches Italienbild entworfen wurde.
Kurzum, der Stinkstiefel sitzt in Ihrer Redaktion !!!
Mit freundlichen Grüßen
Bernd Gasser