Am Fall der Leichtathletin Caster Semenya zeigt sich, wie unbeholfen die Gesellschaft mit dem Geschlechterbegriff umgeht, finden SZ-Leser. Eine Auswahl an Leserbriefen.
Der Fall der südafrikanischen Leichtathletin Caster Semenya zeigt, wie unbeholfen die Gesellschaft mit dem Geschlechterbegriff umgeht. Zu Berichten über die am Sonntag zu Ende gegangenen Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin schreiben Leser:
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Die Debatte um das Geschlecht der Leichtatlethin Caster Semenya beschäftigt die SZ-Leser. (© Foto: dpa)
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"Die Diskussion um die Läuferin Caster Semenya, die vom Weltverband zum Geschlechtstest gebeten wurde, ist nicht nur deshalb problematisch, weil in ihr rassistische beziehungsweise eurozentristische Körpermodelle zum Vorbild genommen werden, sondern auch deswegen, weil in der Rhetorik der Medienberichterstattung gängige dichotomische Geschlechtsvorstellungen reproduziert werden.
Stattdessen sollte die starre Zweiteilung von Frau und Mann an sich in Frage gestellt werden. Auch in der Rubrik "Geschlecht und Identität" führt die SZ einen rein biologistischen Geschlechtsdiskurs, ohne auf die Problematisierung genau solcher Diskurse, welche etwa den letzten zwanzig Jahren durch die Gender- und Queertheorie erarbeitet wurden, einzugehen.
Dies ist sicherlich keine böse Absicht. Bereits die Benützung des Wortes "Zwitterwesen" beweist aber meiner Ansicht nach schon, dass "Geschlecht" ein gesellschaftliches Konstrukt ist, welches die Basis für die Akzeptanz eines Menschen in unserer Gesellschaft darstellt: Jemand "mit zweifelhaftem Geschlecht" ist dann wohl weniger Mensch, denn bloßes "Wesen".
Auch die Anekdote über Caster Semenyas Toilettenbesuch, bei dem sie für einen Mann gehalten wurde, wird nicht in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext eingeordnet: Ohne Ausnahme passieren solche Vorfälle immer wieder sämtlichen mir bekannten jungen Frauen und Freundinnen mit kurzen Haaren - selbst wenn sie eine sehr weibliche Körperfigur haben.
Tatsächlich gibt es eine sich stets erweiternde "queere Bewegung", welche spielerisch mit Geschlecht umgeht, beziehungsweise die vereinfachende Zweiteilung der Biologiebücher und Medien zurückweist und in diesem Sinn ohnehin jegliche spezifische Benennung ablehnt. Dieses Problem mag lächerlich klingen und sicherlich eines sein, über das kaum jemand, der nicht betroffen ist, nachdenkt; genau dieser Mangel an kritischer Hinterfragung durchzieht aber meiner Meinung nach die Berichterstattung über Caster Semenya.
Ich hoffe, dass die SZ sich in Zukunft stärker mit der heutigen Genderpolitik sowie heutigen Genderdiskursen und -theorien auseinandersetzt, anstatt wie viele Medien beim Feminismus Alice Schwarzers stehenzubleiben."
Lisa Jeschke, Berlin
Mehr berichten und weniger begaffen "Die Seite, auf der die SZ über die Diskussion um das Geschlecht der südafrikanischen Leichtathletin Caster Semenya berichtet, war überfällig. Sie greift zwar in Fragen nach geschlechtlicher Identität auch noch viel zu kurz. Dass ausschlaggebend für die sexuelle Identität eines Menschen ist, wie er oder sie sich fühlt, geht wie auch in Ihrer bisherigen Berichterstattung in einem Buchstabenbrei aus X und Y und unterschiedlichen "Hormonstörungen" unter. Aber wenigstens wird begonnen, geschlechtertheoretische Fragen, die andernorts längst diskutiert werden, zu berücksichtigen.
Weniger sensibel geht es im Internet zu. Dort werden die Leser eingeladen, auf Bildern einer Galerie die angeblich "männlichen" Merkmale von Semenyas Körper zu begaffen, die Läuferin mit ihren Konkurrenten zu vergleichen und möglichst zu dem Schluss zu kommen, so könne keine Frau aussehen. Alle Welt diskutiert Semenyas Geschlecht, eine der intimsten Fragen im Leben eines Menschen. Und in der Bildergalerie können die Leser unter den Falten von Semenyas Trikot nach Brüsten oder einer Vagina suchen.
Solch eine Galerie ist weniger reißerisch als viele Berichte in der Boulevardpresse. Auf Kosten der Würde einer Sportlerin werden so aber Klicks auf die Website geholt. Möglicherweise wird Caster Semenya in den nächsten Tagen erfahren, dass man sie biologisch nicht eindeutig in die Geschlechterkategorien "Mann" oder "Frau" einordnen kann. Achtzehn Jahre lang hat sie sich als Frau gefühlt, sich wie eine Frau gekleidet und womöglich nie in Betracht gezogen, dass man diese Identität einmal bezweifeln würde.
Diesen Zweifel schürt die Bildergalerie, die weit über ihre Pflicht zur Berichterstattung hinausgeht. Sind die Folgen, die das für Caster Semenya haben wird, absehbar? Die SZ berichtete über die indische Leichtathletin Santhi Soundarajan, die nach einem Geschlechtstest, bei dem Y-Chromosomen nachgewiesen wurden, versuchte, sich umzubringen.
Der Fall Soundarajan hat gezeigt, was für Folgen die im Sport vorherrschende, aber rückständige Auffassung von Geschlecht als Einheit von sex und gender, also von biologischem und gesellschaftlichem Geschlecht, haben kann. Ist es ausgeschlossen, dass das Vorgehen des Leichtathletik-Weltverbandes und die Berichterstattung auch Caster Semenya in den Tod treiben?"
Felix Lüttge Berlin
Wessinghages Wunsch darf nicht Realität werden "Was nimmt sich Thomas Wessinghage heraus mit seiner Forderung, die Wurfdisziplinen zu streichen und den Zuschauern zu unterstellen, am liebsten die Laufdisziplinen sehen zu wollen?
Ich habe täglich mit Begeisterung die abendlichen Entscheidungen der Leichtathletik-Weltmeisterschaften verfolgt und fühle mich durchaus als mündiger Zuschauer, der keiner Bevormundung durch Herrn Wessinghage bedarf. Und ich kann ihm versichern, dass ich die Leichtathletik-WM hauptsächlich wegen der technischen Disziplinen verfolge. Wenn das Programm "abgespeckt" werden soll - was ich ohnehin nicht als notwendig erachte - dann bitte bei den zahllosen Laufwettbewerben.
Gerade zur besten Sendezeit muss ich nicht unbedingt vier Viertelfinalläufe sehen, wenn zur gleichen Zeit beispielsweise im Hochsprung der Wettkampf in die entscheidende Phase geht. Welche Disziplinen der Zuschauer als langweilig empfindet, soll Wessinghage doch bitte dem Zuschauer selbst überlassen. Und vielleicht sollte er sich noch einmal das Speerwurf-Finale der Frauen oder das Diskus-Finale der Männer inklusive der begeisterten Zuschauer ansehen, bevor er an anderer Stelle womöglich seine Forderung wiederholt."
Tobias Priß Detmold
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(SZ vom 26.08.2009/ksp/pfau)
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