Reisetipps Venedig

Auftakt Venedig Was für eine Stadt!

Der Markusplatz, Rialto- und Seufzerbrücke, schwarze Gondeln, bunte Karnevalsmasken, Muranoglas … Venedigs Sensationen sind in unser aller Bewusstsein tief verankert. Wer sie besichtigt, unternimmt eine Reise in jene Zeit, da diese kleine Stadt in Macht und Reichtum schwelgte. Vordergründig bezirzt La Serenissima, die Erlauchteste, ihre Gäste denn auch mit Prachtbauten und immensen Kunstschätzen. Doch fast wundersamer noch mutet ihre Aura an: salotto città nennen die Venezianer ihre autolose, wasserumspülte Heimat - eine Stadt wie ein Wohnzimmer, in dem sich auch jeder Fremde sofort zu Hause fühlt.

Niemand, der in der Lagunenstadt ankommt, sieht dieses Weltwunder zum ersten Mal: Zu oft wurde es beschrieben, besungen, auf Bildern und in Filmen dargestellt, sodass es längst Eingang in das kollektive Bewusstsein ganz Europas gefunden hat. Die wasserumspülten Paläste entlang der großen Kanäle sehen tatsächlich so unwirklich glänzend und zugleich so morsch aus, wie in den Bildbänden und Reisekatalogen. Die Piazza San Marco und an ihrer Stirnseite der gleichnamige Dom erscheinen auch in natura wirklich so mondän und makellos, als handle es sich um eine glamouröse Filmkulisse. Und das Panorama vom Kai vor dem Dogenpalast übers Wasser Richtung San Giorgio und Giudecca gleicht jenem, das Canaletto malte, in der Tat aufs Haar.

Freilich genügt es, ein, zwei Stunden durch das Labyrinth aus Gassen, Plätzen und Hinterhöfen zu schlendern, um zu ahnen: Hier harrt nicht bloß eine architektonisch besonders schöne, so dicht und reich wie keine zweite mit Kunstschätzen bestückte Stadt der Erkundung. Nein, hier gilt es, das weltweit wohl wundersamste Gemeinwesen, ein einzigartiges Phänomen der Zivilisationsgeschichte, mit allen Sinnen - und hoffentlich mit Muße - zu erspüren.

Das Wunder nahm um 500 n. Chr. seinen Anfang, als die Festlandbewohner, die Veneter, vor den Hunnen und Langobarden in die Lagune flohen. Kurz nach 800 verbanden sie nach und nach Dutzende kleiner Inseln mit Brücken, rammten Millionen von Holzpfählen in den schlammigen Untergrund und schufen so jenes 7,5 km² große Stadtgebiet, wie es sich heute noch mit seinen alles in allem rund 3000 Gässchen und 100 Plätzen, den etwa 150 Kanälen und über 400 Brücken präsentiert.

Der Blick vom Kirchturm ist es, der dem Neuankömmling auf Anhieb ein Bild von der Einmaligkeit der Lage und Anlage dieser Stadt vermittelt. Vom Campanile des Benediktinerklosters San Giorgio Maggiore zum Beispiel sind die Umrisse der Stadt gut auszumachen. Im Osten sieht man das riesige Gelände des Arsenals, der Schiffswerft. Noch ein Stück weiter östlich leuchtet das Grün der Giardini Pubblici, des Stadtparks, und das angrenzende Ausstellungsareal der Biennale. Im Westen ragen die Betonklötze der Parkgaragen und des Bahnhofs aus dem Schindeldächermeer, und in weiter Ferne ragen die Schlote der Industriezonen von Marghera und Mestre in den dort allzu oft smogverhangenen Himmel. Zum Greifen nah hingegen ist das große, spiegelverkehrte „S“ des Canal Grande. Ein kleines Stück östlich von dessen Ende liegt das Herz und einstige Machtzentrum der Stadt: der Dogenpalast sowie die Piazza di San Marco mit der Basilika.

Rund um diesen aus insgesamt sechs Bezirken, den sogenannten Sechsteln (italienisch sestieri), bestehenden historischen Stadtkern (centro storico) lagern jene Dutzende Inselchen, die zum Teil immer noch jede für sich einem bestimmten sozialen Zweck dien(t)en - die Friedhofsinsel San Michele zum Beispiel oder die Gemüseinseln Sant'Erasmo und Le Vignole. Nicht zu vergessen die Glasbläserinsel Murano, der alte Bischofssitz Torcello, dazwischen Burano, das Refugium der Spitzenklöpplerinnen, und, am südlichen Horizont, der Lido, die schmale Sandzunge zwischen Lagune und offenem Meer.

Wie viele Facetten dieses urbanistische Wunder aufweist, das pro Jahr von über 10 Mio. Besuchern aus aller Welt heimgesucht wird, zeigen die gegensätzlichen Stimmungen, in die es seine Bewohner und Gäste zu versetzen vermag. Da ist seine melancholische und morbide Seite. Unweigerlich denkt man an die schwermütigen Verse von Lord Byron, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, an unsterbliche Thriller wie den von Patricia Highsmith über die Kälte Venedigs, an Daphne du Mauriers Gondeln, die Trauer tragen, und natürlich an Thomas Manns, von Luchino Visconti kongenial verfilmte Novelle „Tod in Venedig“. Eng verknüpft mit seiner viel beschworenen tristezza ist Venedigs Energiepotenzial als Katalysator in Liebesdingen. Desdemona und Othello, George Sand und Alfred de Musset und natürlich der unermüdliche Giacomo Casanova stehen für die oft tragischen amourösen Leidenschaften, die diese Traumstadt zu entfachen vermag. Ganz im Gegensatz zu solcher Schwermut steht freilich Venedigs alterprobte Meisterschaft im Feiern ausgelassener Feste, wie sie sich heute noch zu Zeiten des Karnevals, aber etwa auch im Hochsommer zu Redentore oder bei den vielen farbenprächtigen Regatten zeigt.

Seltsam widersprüchlich ist auch der, wenn man so will, biologische Zustand der Stadt: Es ist kein Geheimnis, dass Venedig zusehends vergreist. Und zwar sowohl demografisch (seine Einwohnerzahl hat sich in der letzten Generation auf rund 65 000 fast halbiert; die Jugend flieht vor Enge und Arbeitslosigkeit auf das Festland) als auch städtebaulich (sein Boden ist binnen 20 Jahren um 10 cm abgesackt; seine Bausubstanz bröckelt ohne Unterlass). Zugleich aber hat sich, vor allem in den Bezirken Dorsoduro und Cannaregio, in den letzten Jahren eine von der Außenwelt noch viel zu wenig beachtete quirlige Lokal- und Kleinkunstszene entwickelt, wobei unter den Scharen jugendlicher, erlebnishungriger Nachtvögel, die sie bevölkern, auch Tausende Gaststudenten der örtlichen Uni zu finden sind.

Venedig hat es immer schon verstanden, sich mit sich selbst und den Umständen zu arrangieren. Seine Bewohner sind seit alters begnadete Händler und als solche im Kollektiv naturgemäß pragmatisch. Dies war schon so, als sie 1204 unter Führung des 97-jährigen, vollkommen blinden Dogen Enrico Dandolo den vierten Kreuzzug kurzerhand nach Konstantinopel umlenkten und dort die Schätze ihrer christlichen Glaubensbrüder plünderten. Und erst recht verhielt es sich während der folgenden Jahrhunderte so, als die Dogen mit eiserner Faust die Interessen der Republik nach innen und außen wahrten und etwa in einem langwierigen Konflikt mit dem Papst ihre Sonderstellung verteidigten, als Venedigs Flotte in jahrzehntelangem Krieg die Genuesen niederrang, später mit Hilfe diverser Allianzen für längere Zeit sogar die Osmanen übertrumpfte und als dominierende Handelsmacht im östlichen Mittelmeer unvorstellbare Geldsummen scheffelte.

Als die Venezianer im 14. Jh. ihre ersten überseeischen Positionen verloren, begannen sie ihr Augenmerk auf die sogenannte Terra Ferma zu richten. Konnte das Hinterland nicht eine ergiebige Alternative zu den bisherigen Lebensmittel- und Rohstoffquellen sein? Kurz nach 1400 eroberte Venedig Istrien, das Friaul, Vicenza, Verona und Padua sowie große Teile der Lombardei. Venedig bezog aus den neuen Besitzungen das Holz für seine Flotte, das Getreide und Gemüse für seine Küchen und Stoffe und Seiden für seine Feste.

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Blatt freilich gewendet. Formal ist Venedig zwar nach wie vor Hauptstadt über die Region Venetien, aber der Puls des Veneto schlägt längst in den Boomstädten des Festlands. Deren Flaggschiffe heißen Benetton (in Treviso), Stefanel (Ponte di Piave) oder Eni (Marghera). Doch alle Pläne, diesen Ballungsraum mit seinen rund 2,5 Mio. Ew. und mehr als 1 Mio. Arbeitnehmern zu einer dynamischen Metropolis zu vereinen und bei Chioggia einen für ganz Mitteleuropa bedeutsamen Großhafen zu schaffen, wurden bisher zerredet.

Anhänger eines romantischen Venedigbilds werden sich über die von vielen bekrittelte Unfähigkeit der Lagunenstadt, am Fortschritt der Umgebung teilzuhaben, allerdings sehr freuen. Und die Eigenheiten dieses insularen Völkchens, sein stolzes, ein wenig sprödes Temperament, den seltsam melancholischen Dialekt und die wunderbar unzeitgemäße Aversion gegen das Automobil genießen.