Reisetipps USA

Auftakt USA Was für ein Land!

In Amerika ist alles größer, höher, eindrucksvoller. So will es das Klischee. Doch wer zum ersten Mal auf dem Empire State Building steht, den Grand Canyon sieht oder die Panorama-Highways an der Pazifikküste entlangkurvt, der wird gerne zustimmen: die Superlative Amerikas beeindrucken. In Metropolen wie L. A. oder Miami ist die vibrierende Energie dieser multikulturellen Nation hautnah zu spüren. Und das weite, bis heute verblüffend dünn besiedelte Hinterland birgt wilde Canyons, Berge, Wüsten und großartige Nationalparks, in denen Bisons weiden und schäumende Wildbäche zu Rafting-Touren einladen. Amerika hat einfach alles.

„Give me your tired, your poor. Your huddled masses yearning to breathe free“: So steht es auf dem Sockel der New Yorker Freiheitsstatue geschrieben, dem bekanntesten Wahrzeichen der Welt. 1886 wurde sie enthüllt, Frankreich schenkte die Figur damals den Vereinigten Staaten. Seit dem 100. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung grüßt Lady Liberty vom Hafen aus Heimkehrer und Einwanderer.

Amerika, das Einwandererland: Die Armen, die Müden und Unterdrückten, von denen in der Inschrift die Rede ist, sie kamen im 19. und frühen 20. Jahrhundert scharenweise in die USA. Vom Tellerwäscher bis zum Millionär, alles schien ihnen möglich. Doch das Bild vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat Risse bekommen.

Der Wandel begann mit den Anschlägen des 11. September 2001. Die USA riefen den Krieg gegen den Terror aus. Dessen weitreichende Folgen bekommt seither jeder Urlauber bei den Einreisekontrollen am Flughafen zu spüren. Die völkerrechtlich umstrittenen Kriege gegen Afghanistan und den Irak, das Folterlager von Guantanamo - politisch geriet Amerika unter der Führung von George W. Bush nach „9/11“ in eine Sackgasse. Auch die Wirtschaft des Landes sorgte zuletzt für Negativschlagzeilen. Sie vergab leichtfertig Kredite, finanzierte Eigenheime auf Pump, betrieb Spekulantentum. Die Immobilienkrise wuchs sich 2008 zur weltweiten Finanzkrise aus, in deren Mittelpunkt die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers stand. Die Folgen: zeitweilige Zusammenbrüche an den internationalen Aktienmärkten, Millionen obdachlos gewordener Amerikaner, der drittgrößte Staat der Welt ist ins Trudeln geraten. Doch die Amerikaner schöpfen wieder Hoffnung. Und diese Hoffnung hat einen Namen: Barack Obama.

„Yes, we can“: Mit diesen Worten zog der Demokrat Barack Obama 2008 in den Wahlkampf. Wohl seit John F. Kennedy hat kein Präsidentschaftskandidat der USA eine solche Begeisterung ausgelöst - im eigenen Land und weltweit. Obama versprach Erneuerung - und gewann. Am 4. November 2008 wurde er zum 44. Präsident der Vereinigten Staaten gewählt. Seine ehrgeizigen Ziele: Der erste afroamerikanische US-Präsident will amerikanische Soldaten aus dem Irak zurückziehen, Guantanamo schließen, die Energiepolitik der USA auf neue, umweltfreundliche Füße stellen und Millionen neue Jobs im Land schaffen.

Die Aufgaben, die auf Barack Obama warten, sind keine leichten. Amerika war und ist ein Land der Extreme, zwischen Superreichen und ohnmächtig Armen, auch zwischen elitären Geistern und Hinterwäldlern. Eins jedoch eint die Amerikaner - inniger Patriotismus. Das Sternenbanner weht überall, auch über dem Privatauto oder dem Vorgarten in der Vorstadt. Die Amerikaner sind stolz auf ihr Land, das zwischen zwei Ozeanen liegt, knapp 8 Mio. km² Fläche mit etwas mehr als 300 Mio. Einwohnern hat - Alaska und Hawaii nicht mitgezählt. Eine einzige Megalopolis bilden die Städte der Ostküste von Boston bis Washington, ein zusammenhängendes Konglomerat San Diego, Los Angeles, San Francisco und Oakland an der Westküste. Gemessen an der Größe des Lands ist die geringe Zahl weiterer Metropolen überraschend: Dallas und Houston, Atlanta, Miami, New Orleans, St. Louis, Chicago, Detroit, Denver und Seattle. Es gilt: Die meisten Amerikaner leben in den Ballungsgebieten des Ostens und des Westens oder in den wenigen anderen Zentren. Dazwischen liegt flaches Land, das streckenweise extrem dünn besiedelt ist.

„Flaches Land“ wiederum ist metaphorisch gemeint. In Wirklichkeit bietet die Landschaft zwischen Atlantik und Pazifik große Abwechslung. Fahren Sie einmal in Gedanken auf der nördlichen Route von Ost nach West und auf der südlichen wieder zurück: Bald hinter der Atlantikküste erheben sich die fast parallel zu ihr verlaufenden Kämme der Appalachen. Ein Mittelgebirge, gegen das der Schwarzwald oder die Vogesen wie bessere Ameisenhaufen wirken. Vom Saint-Lawrence-Strom bis fast an den Golf von Mexiko zieht es sich hin, 2600 km lang und bis 600 km breit. Der Herbst ist hier stets die schönste Jahreszeit. Im Indian Summer des Nordens verfärbt sich das Laub in einer Sinfonie aus Rot und Gold. Nach einem guten Tag im Auto kommen Sie an die Großen Seen, regelrechte Binnenmeere mit Hochseeschiffen, aber Süßwasser. Dort liegen Cleveland, Detroit und Chicago. Diese Städte sind die Symbolstätten der Industrie - und ihres heutigen Verfalls. Von der Rust Bowl, der Rostschüssel, sprechen die Amerikaner und meinen damit den gesamten Nordosten, der früher von Kohle und Stahl lebte und in dem das Fließband erfunden wurde. Die Zeit der Giganten des Industriezeitalters ist vorbei. Modernere Firmen bevorzugen die Sunshine Economy, die Sonnenscheinwirtschaft des Südens, die dem Unternehmer nicht nur Heizkosten spart, sondern auch Unannehmlichkeiten wie Gewerkschaften, Arbeitsschutz und Krankenversicherung. Sogar deutsche Autobauer sind mittlerweile in die Südstaaten gezogen.

Was westlich Chicagos und des mächtigen Mississippis folgt, ist mit drei Worten zu beschreiben: Mais, Soja, Weizen. Die Straßen durch die Great Plains haben keine Kurven. Schnurgerade führen sie zwischen nicht enden wollenden Feldern auf die Rocky Mountains zu. Sanft steigt das Land an, so sanft, dass einen das Schild „Denver, 1600 m über dem Meer“ völlig überrascht. Nur der Tacho verrät es: wieder 1000 km weiter westlich. Nach einer Unmenge von Serpentinen befinden Sie sich im Hochgebirge und blicken weit über die Gipfelwelt. Wenig später erreichen Sie Utah, den Staat der frommen und geschäftstüchtigen Mormonen, die im Tal des Großen Salzsees eine blühende Oase der Zivilisation geschaffen haben.

Vorbei an der neonglitzernden Spielerstadt Las Vegas führt die Route weiter, hoch über die Sierra Nevada, und dann hinunter nach Kalifornien, der größte, dynamischste, vielseitigste und progressivste Bundesstaat der USA. Die meisten Einwanderer, Einwohner und Nationalparks finden sich hier. Im Golden State wurde das Internet ebenso erfunden wie Frisbee, McDonald's oder Rollerblades. Und natürlich das ganz große Kino: Der Moloch Los Angeles steht für Hype, Hipness und Hollywood. Wie anders dagegen San Francisco, wohl die europäischste Stadt der USA, mit viktorianischen Wohnhäusern und jeder Menge Charme. Zwischen beiden Städten liegt Big Sur: Auf atemberaubende Weise schlängeln sich die Haarnadelkurven des Highways die erhabene Küstenlinie entlang.

Nach dem kalifornischen Wechselbad biegen Sie nach links ab, in die Wüste. Die Mojave Desert beginnt am Rand des nur unter extremem Aufwand mit Wasser versorgten Los Angeles - das wichtigste Wasserhebewerk verschlingt die gesamte Leistung eines Atomreaktors. Ein Abstecher ins Tal des Todes ist unerlässlich! 86 m unter dem Meeresspiegel und im Windschatten der Sierra Nevada steigt die Temperatur nicht selten auf über 50 Grad. Wer wissen will, was für ein Gefühl Wüste macht, braucht nur einmal für eine Viertelstunde durch die Wanderdünen zu laufen. Faszinierend auf andere Weise auch der nahe Grand Canyon. Sie fahren auf einem waldigen Hochplateau dahin, bis sich plötzlich, ohne jede Vorwarnung durch die Landschaft, der Spalt auftut, den der Colorado River über Jahrmillionen gegraben hat. Wie ein Bilderbuch schlägt sich danach der restliche Südwesten auf mit seinen feurig roten Canyons, Kakteenwüsten un den bizarren Steinbögen des Arches National Park, mit seinen Westernstädten und den uralten Lehmburgen der Pueblo-Indianer.

Hier bereut man es fast, die Grenze nach Texas zu überschreiten. Denn das platte Texas ist über riesige Strecken nichts als staubiges Grasland, auf dem fast nie Rinder, häufig aber die Ölpumpen mit ihren nickenden Köpfen weiden. Natürlich besucht man Houston oder Dallas. Pittoresker aber als die nach dem abgeebbten Ölboom manchmal leer stehenden Bürotürme dieser Metropole ist das mexikanisch geprägte San Antonio. Ein Comeback hat New Orleans erlebt: 2005 vom Wirbelsturm Katrina beinahe zerstört, hat die Stadt ihre einstige Lebensfreude zurückgewonnen. Durch den Mississippi pflügen wie eh und je die Raddampfer, und aus den Bars im French Quarter ertönt wieder der Jazz. In den Straßen liegt der Duft von kreolischer Küche, und im Superdome, wo einst die Flüchtlinge eingepfercht waren, fliegt in alter Manier das Football-Ei.

Wenn Sie sich auf dem Rückweg nach New York ein bisschen mehr links halten, kommen Sie auf die südlichen Höhenzüge der Appalachen. Blue Ridge Mountains heißt die Gegend hier, wegen des bläulichen Schimmers, den die Nadelbäume erzeugen. Wenn Sie sich auf dem Weg nach Norden dagegen ein wenig mehr rechts halten, kommen Sie mitten durch den tiefen Süden, The Old South. Die rote Fahne mit den gekreuzten Sternenstreifen, zwar als Symbol von Rassismus und Sklaverei verpönt, hängt vor manchem Haus. Trotzdem hat es im Süden in den vergangenen Jahren mit der Integration der Schwarzen manchmal besser geklappt als in den Großstädten des Nordens, wo Arbeitslosigkeit und Armut neue Grenzen schufen.

Im neuen Süden regiert die Sunshine Economy: In Atlanta etwa hat der TV-Sender CNN seinen Sitz. Und um Durham, Raleigh und Chapel Hill in North Carolina entstand ein Computer Triangle, das dem Silicon Valley drüben im Westen heftig nacheifert. Aber auch hier wieder die Natur: In Florida warten weiße Strände und die subtropischen Sümpfe der Everglades, an der Küste von North Carolina, am Kap Hatteras, erhebt sich die höchste Düne der Welt. Die Gebrüder Wright nutzten sie vor 100 Jahren für ihre ersten Flugexperimente. Das Selbstbewusstsein der einzig verbliebenen militärischen Supermacht offenbart sich in den neoklassizistischen Regierungsgebäuden und monumentalen Denkmälern Washingtons, seit September 2001 oft von martialisch aufgerüsteten GIs bewacht.

Nun haben Sie das ganze Land gesehen? Von wegen: Allein Texas ist zweimal so groß wie Deutschland. Verabschieden Sie sich am besten direkt von der Idee, Amerika auf nur einer Reise zu entdecken. Die bessere Strategie ist es, eine Region auszuwählen und dort ein wenig tiefer einzutauchen, anstatt herumzuhetzen und alle Sehenswürdigkeiten der Vereinigten Staaten auf einmal abklappern zu wollen. Schließlich will wohl niemand seinen gesamten Urlaub auf dem Highway verbringen. Es sei denn, genau das gibt einem den richtigen Kick.