Reisetipps Südengland

Auftakt Südengland Was für eine Region!

Eine Reise nach Südengland bietet Bekanntes und Überraschendes. Wer vertraute Bilder wie felsige Küsten, in grüne Hügel eingebettete Herrensitze und hübsche Dörfer mit urigen Pubs erwartet, wird nicht enttäuscht. Doch zeigt Südengland mit unerwartet guter Küche, Abenteuersportangeboten und quirligem Nachtleben auch seine modernen Seiten. Badeorte wie Bournemouth werden schick, die junge, unkonventionelle Szene in Brighton und Newquay ergänzt das historische Erbe von Stonehenge, Canterbury und Bath. Und auf Küstenwanderwegen und in wilden Moorlandschaften kommen Naturfreunde nach wie vor auf ihre Kosten.

Das Beste an diesem Landstrich ist die wunderbare Natur. Das Geld des gesamten Empire und die Kunst der Gärtner haben in Jahrhunderten die Landschaft auf das Perfekteste geformt. Gestört wurde dieser Gestaltungsdrang kaum, hat doch das Land zum letzten Mal 1066 eine Invasion erlebt, und die industrielle Revolution, die ja immerhin von der Insel ausging, hat hier eigentlich nicht stattgefunden.

Auf die Natur hat sich das gut ausgewirkt. Ohne Übertreibung kann man deshalb sagen, dass Südengland eine der vollendetsten gewachsenen Landschaften Europas ist. Und das trifft ausnahmslos auf alle Grafschaften des Südens zu.

In Kent begeistern die weißen Steilküsten, prachtvolle Parkanlagen und herrliche Obstbaumhaine die Besucher. Auch Sussex und Surrey sind ein einziger Garten voller Bauernhöfe und Schafe, so schön, dass inzwischen viele Londoner ihren Wohnsitz in die Grafschaften südlich und westlich der Hauptstadt verlegt haben. Prominente zieht es schon seit langem in dieses Idyll. Paul McCartney zählt ebenso zu ihnen wie Eric Clapton und Madonna.

Doch auch die sanft geschwungenen Hügel und die üppigen Wiesen in Dorset, die dramatische Klippenlandschaft in Devon, die verschwiegenen Buchten und Strände in Cornwall begeistern immer wieder aufs Neue. Begeisterung auch deshalb, weil so vieles in Südengland unerwartet und daher das Erstaunen umso größer ist. Wer stellt sich schon vor, dass dort Palmen wachsen und im Dezember das Wetter auf den vor Cornwall gelegenen Scilly-Inseln so warm ist, dass zu dieser Jahreszeit die Narzissen für den Export auf den Kontinent geerntet werden? Auch gibt es wider alles Erwarten Weinplantagen, die größte in der Nähe von Dorking. Die Rebsorten sind vor allem deutschen Ursprungs: Bacchus, Müller-Thurgau, Schönburger, aber es gibt auch französische wie Chardonnay und Pinot Noir.

Nicht zuletzt das Wetter versetzt die Besucher Südenglands immer wieder in Erstaunen. Im Winter sinken die Temperaturen ganz selten einmal unter den Nullpunkt. Bereits im März ist es für gewöhnlich so warm, dass Krokusse und Tulpenbäume in voller Blüte stehen. Und laut Statistik ist die jährliche Niederschlagsmenge in Mailand höher als in London.

Unmittelbar hinter der Natur rangiert das Stichwort Tradition. Zu sehen und mitzuerleben, wie das Inselvolk zwischen Kent und Cornwall seine Rituale pflegt, macht Riesenspaß.

Dabei bedarf es durchaus nicht eines dicken Bankkontos, um das Lebensgefühl der Einheimischen mitzuerleben. Es geht auch ganz ohne Geld: beim Kricketspiel, das überall am Sonntagnachmittag auf den Dorfwiesen Südenglands gespielt wird, beim Polo in Ham (Surrey), wo in den Pausen die Zuschauer mit dem Sektglas in der Hand auf das Spielfeld gehen und die von den Pferdehufen aufgewühlten Grasnarben flach treten, oder beim Grasbowling, wo ältere Damen und Herren, traditionell in Weiß und Grau gekleidet, mit viel Spaß eine ruhige Kugel schieben.

Traditionen und Geschichte gehören eng zusammen. Das ist ein weiterer Punkt, der Südengland so attraktiv macht. Geschichte ist hier nicht weit entfernte Vergangenheit, sondern reicht direkt in die Gegenwart hinein. Immer wieder bestätigen Besucher, dass zum Beispiel die Besichtigung von Windsor Castle ein ganz besonderes Gefühl vermittelt, das man woanders kaum erleben kann. Hat hier doch nicht etwa in längst vergangener Zeit einmal eine Königin residiert. Nein, die Queen verbringt hier nach wie vor ihre Zeit. Schloss Windsor ist der Ort, wo sich die königliche Familie am Wochenende trifft.

Ein ähnliches Gefühl, nur noch viel unmittelbarer, überkommt die Besucher der südenglischen Landhäuser, denn dort haben sie tatsächlich eine Chance, die Lords samt Nachfahren zu treffen: in Knole Palace, dem größten Privathaus Englands, in Petworth House auf den Ländereien des Herzogs von Norfolk oder in St. Michael's Mount in Cornwall.

Südengland setzt dem Unternehmungsgeist seiner Gäste keine Grenzen. Was immer ihre Interessen sein mögen - hier können sie ihnen nachgehen: Sport, Literatur, Autos, Biertrinken, Vogelbeobachtung, Kinofilme …

Es gibt vortreffliche Wandermöglichkeiten entlang der Küste von Cornwall, Devon und Sussex. Im Süden Somersets warten 150km Fahrradwege auf aktive Urlauber. Buchstäblich überall gibt es eine hervorragende Auswahl von Golfplätzen. Auch für Pferdefans - egal, ob Trekking, Spazier- oder Pfadreiten - ist der Süden Englands ein ideales Gebiet. Wer seine Sportleidenschaft indes lieber im feuchten Element austobt, wird gleichfalls kaum eine bessere Region in Großbritannien finden. Entlang der Nordküste von Cornwall und Devon können Boogie Boarders und unersättliche Surfer nach Herzenslust auf atlantischen Brechern reiten. Auch für Segler und Rennbootenthusiasten herrschen an der englischen Südküste ideale Bedingungen. Wer es hingegen etwas ruhiger mag, kann sich beim Süßwasserangeln oder beim Forellenfischen in Bude oder Penryn erholen.

Was aber macht Südengland für Literaturfreunde so anziehend? Eine Liste der Schriftsteller von Weltruf, die in diesem Landstrich gelebt haben, beantwortet die Frage schon von selbst. Sie beginnt mit Jane Austen, geht weiter mit John le Carré und Agatha Christie und führt über Charles Dickens, Arthur Conan Doyle und Daphne du Maurier bis zu Rosamunde Pilcher und Virginia Woolf.

So sehr die Leute im Süden Englands am Alten hängen und zurückblicken - sie schauen auch vorwärts. Anlässlich des neuen Millenniums wurden zahlreiche Vorhaben angegangen, die Südenglands Besuchern zugute kommen werden. Hunderte Millionen Pfund wurden für das Anlegen neuer Fahrradwege bereitgestellt. In Bath wurden die historischen Badeanlagen rekonstruiert und ein neues Bad errichtet.

Die südenglischen Pubs mit ihrem Charme und ihrem Komfort, mit deftigem, ortstypischem Essen und einer großen Auswahl Bier - das trotz des Siegeszuges des Dezimalsystems weiterhin in Pints gemessen wird, da, so ein Stammgast, ein Pint genau jene Menge Bier sei, bei deren Genuss man sich in Ruhe überlegen könne, ob es noch ein weiteres Pint sein dürfe - sind eindeutig die gemütlichsten des gesamten Inselreichs und für sich genommen schon Grund genug, diesen Landstrich zu besuchen.