Reisetipps Chicago

Auftakt Chicago Was für eine Stadt!

Chicago ist ehrlicher und aufregender als New York. So denken nicht nur die Einheimischen. Die Metropole am Lake Michigan ist längst zur Vorzeigestadt geworden, eine ausufernde und laute Großstadt zwar, manchmal sogar erdrückend, aber auch weltoffen und kosmopolitisch. Chicago hat die höchsten Wolkenkratzer und längsten Shoppingmeilen, die eindrucksvollste Skyline, die geschäftigste Innenstadt, aber auch unendlich viele Museen, Theater und Kleinkunstbühnen, Diskotheken und Bluesclubs, Strände, Parks und Fahrradwege, dazu erstklassige Hotels und Restaurants. Kurzum: Chicago ist eine Weltstadt par excellence.

Was hat man nicht alles über Chicago gehört. Düster, unheimlich und erdrückend erscheint die Stadt auf historischen Bildern, man denkt an John Dillinger und Al Capone und ratternde Maschinenpistolen. Der Wind heult durch die Straßenschluchten: „Windy City“, ein Beiname, der nicht jedem gefällt. Was für eine Überraschung, wenn man zum ersten Mal in diese Metropole kommt und alle Vorurteile von der Wirklichkeit verdrängt sieht. Sicher, es hat die legendären Schlachthöfe gegeben, aber heute stehen dort nur noch Ruinen. John Dillinger und Al Capone sind längst tot, und die Kriminalitätsrate liegt unter der vieler anderer Städte.

Es bleibt das extreme Klima, es bleibt das Rattern der Hochbahn, immer noch ein Markenzeichen der Stadt. Es bleibt die düstere Atmosphäre der Vororte, in denen man über finstere Stahltreppen in ein Labyrinth von Straßen hinabsteigt. Manchem Besucher wird dabei mulmig, doch trifft man am Ende der Treppe meistens nette Leute. Überhaupt: Die Menschen sind freundlicher und humorvoller als zum Beispiel die New Yorker. „The Second City“ nannte sich eine Kabarettistentruppe Ende der 1960er-Jahre und meinte damit Chicago als die Nummer zwei hinter New York. Aber die Chicagoer sind fest davon überzeugt, längst in Stadt Nummer eins zu leben. Einen der höchsten Wolkenkratzer der Welt haben sie sowieso schon. Die Stadt zieht sich 30 Meilen am Lake Michigan entlang und bietet ungefähr 2,9 Mio. Ew. ein Zuhause - auf einer Fläche, die zwei Drittel von New York City einnehmen würde.

Im 17. Jh. waren Louis Jolliet und Pater Jacques Marquette die ersten weißen Männer am Ufer des Lake Michigan, dort, wo später Chicago entstehen sollte. Damals gab es nur ein paar Indianerhütten und Wälder, in denen wilde Zwiebeln in Hülle und Fülle wuchsen. Deshalb nannten die Chippewas den Ort auch „Shegahg“, das Land der wilden Zwiebeln. Später wurde dieses Indianerwort zu „Chicago“. 1673 gründete Jacques Marquette eine Mission. Die Gegend blieb bis ins späte 18. Jh. unter französischer Herrschaft, dann kamen amerikanische Siedler, und Chicago wuchs zu einer Stadt mit 40000 Ew. heran. Die Lebensbedingungen waren schlecht, und es gab viel Armut innerhalb der Stadtgrenzen. Erst mit dem Ausbau der Eisenbahn und der Eröffnung des Illinois & Michigan Canal änderte sich die Situation. Chicago wurde zum größten Viehverladebahnhof der Nation, zum Verkehrsknotenpunkt und blühenden Handelszentrum. Nichts schien diesen Boom aufhalten zu können, bis es am 9. Okt. 1871 zu einer Katastrophe kam, der beinahe die ganze Stadt zum Opfer fiel. Beim großen Feuer von Chicago mussten mehr als zweihundert Menschen ihr Leben lassen, über 90000 Menschen verloren ihr Heim und ihre Habe. Der finanzielle Schaden belief sich damals auf 200 Mio. Dollar.

Das Unglück hinterließ grausame Spuren in Chicago, wurde aber auch zur Bewährungsprobe für die Bürger. Der totale Zusammenbruch blieb aus, und ein nie erwartetes Wirtschaftswunder ließ die Stadt in neuem Glanz erstrahlen. International anerkannte Architekten nutzten die Gunst der Stunde und planten die höchsten und kühnsten Gebäude. Innerhalb weniger Jahre bauten sie ein neues Chicago auf. Der Wasserturm, das einzige Gebäude, das den Brand unbeschadet überstanden hatte, wurde zum Symbol für den Lebenswillen der Stadt und seiner Bürger.

So entwickelte sich Chicago nach dem Feuer zu einem Experimentierfeld für kreative und avantgardistische Architekten und Künstler. Sie waren entschlossen, Chicago zu einer der attraktivsten Städte der Welt zu machen. An der Ecke La Salle und Monroe Street errichtete William Le Baron Jenney 1885 eine zehnstöckige Konstruktion aus Stahlrahmen und Steinen, ein für die damalige Zeit revolutionäres Unternehmen. Das Experiment gelang: Das Home Insurance Building war stabiler als alle anderen Häuser, und der Begriff des Wolkenkratzers war geboren.

Neue Akzente setzte auch die World's Columbia Exposition, eine gewaltige Weltausstellung, die 1893 stattfand und auf ideale Weise das Wirtschaftswunder dokumentierte, das Chicago nach dem großen Feuer zu einem neuen Boom verhalf. Bereits im ersten Jahrzehnt des 20. Jhs. kletterte die Einwohnerzahl über die 2-Mio.-Grenze, nahm der Handel einen beinahe beängstigenden Aufschwung. Elektrische Eisenbahnen verkehrten auf hochgelegten Schienen, ein riesiger Bahnhof wurde eröffnet, und die Filmindustrie entdeckte die Stadt. Die kulturelle Szene explodierte, und die Theateraufführungen und Konzerte konnten sich mit den besten in Europa messen. Erst am Schwarzen Freitag des Jahres 1929 läutete der Börsenkrach das Ende des allgemeinen Wohlstands ein - nicht nur in Chicago, sondern in ganz Amerika. Im Zuge der Prohibition in den 1930er-Jahren machte lediglich die organisierte Kriminalität unaufhörlich Profit. Auch Gangsterbosse wie Al Capone und John Dillinger machten sich mit ihren Banden Chicago zur Heimat.

Aber Chicago ist schöner und besser als sein Ruf aus vergangenen Zeiten: Die Skyline mit ihren schlanken Wolkenkratzern ist faszinierend, besonders vom See aus gesehen, und innerhalb des Loop liegt die Innenstadt, ein durch die Schienen der Hochbahn gebildeter Ring, der sich über fünfunddreißig Blocks erstreckt. Innerhalb dieser Grenzen spielt sich das geschäftliche Leben von Chicago ab. Hier liegt der gewaltige Sears Tower, in dem 16000 Menschen arbeiten, eine Stadt innerhalb der Stadt. Hier verläuft die State Street mit der sieben Blocks langen, gleichnamigen Einkaufsmeile. Am Seeufer lockt der Millennium Park mit Kunst, Kultur, außergewöhnlicher Architektur und Gartenanlagen.

Die 1960er-Jahre - in Kalifornien eine Ära des Aufbruchs - brachten eine gewisse Stagnation. Chicago hatte Probleme: In den Schwarzenvierteln gab es Unruhen, und die Bürger zogen in die Vorstädte. Erst am Ende des Jahrzehnts konzentrierte man sich wieder auf die Innenstadt: Das John Hancock Center entstand, damals mit hundert Stockwerken das fünfthöchste Gebäude der Welt. Der Sears Tower wurde in den 1970er-Jahren erbaut und war lange Zeit der höchste Wolkenkratzer der Welt.

Außerhalb des Loop atmet die Stadt durch, wirkt sie freier und großzügiger, besonders auf der prachtvollen Michigan Avenue. Auf der einen Seite erheben sich die Wolkenkratzer des Loop, auf der anderen öffnet sich die Straße zum Grant Park und zum uferlos scheinenden Lake Michigan. Jenseits des Chicago River warten teure Boutiquen, luxuriöse Hotels und exklusive Restaurants auf Kunden. In Cicero, einem Vorort mit verfallenen Häusern und Lagerhallen, hallt noch das Echo der Schüsse nach, die Al Capone & Co. am Valentinstag abfeuerten. Und in Gedanken hört man immer dieselbe Musik: einen Blues, getragen von einer schwarzen Stimme, deren Traurigkeit nicht einmal vom Rattern der Hochbahn vertrieben wird. Der Blues, der Memphis und New Orleans vor vielen Jahren verlassen hat, ist in Chicago heimisch geworden.

Chicago und Kultur - für viele Menschen, die noch nie in dieser Stadt waren, zwei Begriffe, die nicht zusammengehören. Und doch rühmt sich gerade Chicago einer sehr großen und lebendigen Kulturszene. Das Chicago Symphony Orchestra untermauert diesen Ruf in musikalischer Hinsicht. Über sechzig professionelle Theatergruppen arbeiten hier, und manch ein Star ging aus kleinen Vorortensembles hervor. Berühmt ist die Stadt auch für ihre Museen und Galerien. Am größten und interessantesten ist das Museum of Science and Industry, ein gigantisches Gebäude, in dem man die Wunder von Wissenschaft und Technik nicht nur bestaunen, sondern erfahren kann.

Chicago, the Windy City. Die Stadt mit den breiten Schultern. Glitzernd und grundehrlich. Amerikanisch. Auf Fortschritt gepolt und dem übrigen Amerika immer einen Schritt voraus. Frank Lloyd Wright, der große Architekt, sagte: „Irgendwann wird Chicago die letzte schöne Großstadt der Welt sein.“