Thüringen Luthers skandalöse Trauung in Altenburg

Die "Roten Spitzen", das Wahrzeichen von Altenburg, prägen die Stadtsilhouette.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nicht nur mit seinen Thesen sorgte der Reformator für Aufregung: Auch in Altenburg, einem städtebaulichen Juwel in Thüringen, provozierte er. Ein Besuch.

Von Franziska Brüning

Fast sieht es aus wie in Italien nach der Urlaubszeit. Die warmen Strahlen der goldenen Herbstsonne fallen auf einen lang gezogenen, leicht ansteigenden Platz. Ein bisschen Renaissance hier, eine Eisdiele dort. Ein paar Leute flanieren an diesem Sonntagvormittag durch die Stadt. Aber es ist nicht etwa Siena in der Toskana, sondern Altenburg, eine charmante ehemalige Residenzstadt, die auf dem mehr als 1000 Kilometer langen Lutherweg liegt, der durch Thüringen führt. Ein Tipp für Menschen, die der Hektik des Alltags entfliehen und sich anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 auf kulturhistorische Spurensuche begeben wollen.

Allerdings ist die Verbindung zu Martin Luther nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Wer mehr darüber wissen möchte, sollte mit Sigrid Richter durch die Straßen spazieren. Die resolute ältere Gästeführerin weiß alles über Luthers Beziehung zur Stadt, über sein Leben und seine Gewohnheiten, von lustigen Begebenheiten bis zu unappetitlichen Details zu seiner Verdauung. Da Luthers Latrine als Ort reformatorischer Erkenntnis aber sogar auf der offiziellen Homepage der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Reformationsjubiläum zu finden ist, scheint auch dieser Aspekt tatsächlich zum Verständnis seiner Person zu gehören.

Luthers Lebensstationen in Bildern

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Am Beispiel Altenburgs kann Richter den zunächst befremdlichen Zusammenhang erklären: Da Luther wohl auch wegen seines schlechten Gesundheitszustandes oftmals übel gelaunt und aufbrausend gewesen sein soll, benötigte er dringend einen diplomatischeren Verbündeten, um seine Ideen durchzusetzen. Diesen fand er in Georg Spalatin, einem befreundeten Theologen, der nach Altenburg gesandt wurde, um dort die Reformation immer wieder geschickt vermittelnd voranzutreiben. Luthers oft provozierendes Auftreten und Spalatins Diplomatie sind bis heute untrennbar mit der Stadtgeschichte verbunden.

Geburtsstadt des Skatspiels

Trotzdem kennt Spalatin heute kaum noch jemand, und Altenburg ist wohl nur noch begeisterten Kartenspielern ein Begriff, weil hier 1820 das Skatspiel erfunden wurde. Doch wie konnte eine so schöne Stadt in Vergessenheit geraten? Wer das verstehen will, muss sich zunächst einmal mit der Gegenwart beschäftigen, denn hinter den italienisch anmutenden Häusern verbergen sich viele enttäuschte Hoffnungen. Zahlreiche Geschäfte stehen leer, und viele Klingelschilder tragen keine Namen. Die Glanzzeiten, die Altenburg einmal erlebt hat, sind lange vorbei. Bis um 1900 war hier noch ein weltbekanntes Zentrum der Hutmacher-Industrie, zu DDR-Zeiten wurden hier Nähmaschinen hergestellt. Heute sieht es mit Arbeitsplätzen mau aus, die Bevölkerungszahl ist von rund 50 000 zur Wendezeit auf gut 30 000 geschrumpft. Den Bezug zur Kirche haben die meisten in der DDR verloren.

Richter kann in einem Atemzug von beidem erzählen: von den aufregenden Zeiten der Reformation und von den Enttäuschungen der jüngeren Vergangenheit. Und wenn sie erzählt und dabei immer wieder begeistert gestikuliert, beginnt das touristische Kleinod in dem Dreiländereck zwischen Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen wieder zu leuchten. Bei einem Spaziergang, der auf und ab durch historische Gassen und Straßen geht, lernt man Spalatin kennen und verliebt sich Meter für Meter in eine melancholisch gestimmte Stadt.