Winterurlaub in Österreich Loipe in die Eiszeit

Zwei Langläufer sind hier fast schon ein Getümmel. Die Loipe der Eng führt vorbei an Ahornbäumen in die Einsamkeit.

(Foto: Tourismusverband Silberregion Karwendel)

Im Sommer überlaufen, im Winter ein Ort der Ruhe: Die Eng im Karwendel ist ideal zum Langlaufen.

Von Stefan Wagner

So hatte sich Manfred Reindl den Heiligen Abend nicht vorgestellt. Eben wollte er noch einmal mit der Spurmaschine die Loipe abfahren, die in den Talkessel der Eng führt, da blieb das Ding liegen. Motorversagen. Nichts ging mehr. "Ein bisserl fluchend", erinnert sich Reindl, stieg er aus und marschierte eine Stunde lang die fünf Kilometer zurück nach Hause, zu seinem Hotel, der "Post" in Hinterriß. Rechtzeitig zur Bescherung mit Kindern und Enkeln. Die Maschine? Repariert er morgen. Aber selbst beim eisigen Marsch durch das menschenleere Rißtal wird ihm klar, zum wohl tausendsten Mal: "Dieses Alleinsein, das ist der Traum!"

Sein Leben lang wohnt Manfred Reindl, 62, hier. Seit 24 Jahren pflegt er die Karwendelloipe. Klar, ist ja auch sein Wintergeschäft, ohne die Loipe würde sich kaum jemand nach Hinterriß verlaufen. Vom 40-Seelen-Ort führt die rein klassisch angelegte Doppelspur 14 Kilometer weit zum Großen Ahornboden und den Eng-Almen. Erst links, dann rechts, dann wieder links des Rißbaches, der das Tal geschaffen hat. Durch Wälder - mal licht, mal dicht - über metertief verschneite Wiesen und schließlich in den paradoxerweise Eng genannten weiten Talabschluss mit seinen Hütten.

Im Sommer und Herbst ist hier was los. Von Mai bis November kommen 50 000 Autos, 8000 Motorräder und Hunderte Busse mit Wanderern und sonstigen Landschaftsgenießern über eine Mautstraße in das Tal. Sie schauen sich die 400 bis 600 Jahre alten Berg-Ahorne an, halten die Karwendelszenerie mit Pinseln oder Pixeln fest, wandern zu den umliegenden Gipfeln. Kinder lernen an Plastikeutern das Melken.

Allein unter Gämsen

Im Herbst ist die schönste Zeit zum Wandern - und um im Karwendel über dem Rißtal Gämsen zu beobachten. Vorausgesetzt man weiß, wo die Tiere nicht vom Trubel verscheucht werden. mehr ...

Ist der Herbstwahnsinn mit den verfärbten Ahornblättern vorbei, meist Anfang November, dann schließt die Straße. Es wird still. "Man fühlt sich wie in die Eiszeit zurückversetzt", sagt Anton Heufelder, 41, der Schutzgebietsbetreuer des Alpenparks Karwendel, in dem sich die Eng befindet, "wie vor 20 000 Jahren. Berge, Schnee und null Lärmverschmutzung. Man glaubt kaum, dass hier Leben existiert." Im Winter kommt selbst er selten in die Eng. Die Hütten sind verschneit. Den verrammelten Alpengasthof Eng - der in diesem Winter renoviert wird - könnte man sich gut als Setting für einen Horrorklassiker im Stil von "The Shining" vorstellen.

Einmal im Monat kommt Eduard Radinger aus dem Inntal mit dem Schneemobil hier herauf. Die Käselaibe, die in der Käserei lagern, müssen "geputzt" werden. Er dreht die 400 Trümmer um, jedes 28 Kilogramm schwer, und wischt ihre Unterseiten mit Salzwasser ab. Irgendwie ist er froh, wenn er nach ein paar Stunden wieder rauskommt aus dem Tal. "Man fragt sich, wie kann all der Schnee jemals wieder tauen?", sagt der 49-Jährige. "Es ist eine ganz andere Welt da hinten."

Ende Februar und im März ist die beste Zeit für die Karwendelloipe. Seit Mitte Februar gibt es wieder Sonnentage in der Eng. Davor erreicht zwei Monate lang kein Strahl den hintersten Teil des Talbodens. Starres, klirrendes Land. Die Einsamkeit ist umso faszinierender, wenn man früh am Morgen auf der 28-Kilometer-Strecke läuft. Knapp 300 Höhenmeter geht es hoch, fast unmerklich, bis auf 1230 Meter. Die Skier gleiten wie auf Schienen, perfekte, saubere Spuren. Manfred Reindl, so scheint es, war am Vorabend wieder unterwegs. 14 Kilometer lang ist niemand zu sehen, niemand zu hören. Von Fichtenzweigen rutscht ab und zu der Schnee. Auf dem Weg nach Südosten passiert man die Seitentäler: das Tortal, das Johannestal, das Laliderertal. An den Südhängen, wo mehr Sonne hinkommt, äsen Gämsen. Kleine Wasseramseln tauchen in den Bach.

"Im Winter hat hier niemand was verloren", sagt der Jäger. Langläufer nimmt er aus

Der Loipenverlauf zeichnet die Form eines Eishockeyschlägers nach, zunächst geht es lange geradeaus. Man steuert auf die in Winterweiß getünchten Gipfel der Bettelkarspitze, der Schaufelspitze und des Sonnjochs zu, dann geht es Richtung Talschluss, wo die berühmten Lalidererwände in den Himmel wachsen. Hier ist der Wendepunkt. Kurze Pause bei den Hütten der Engalm. Ein paar kleinere Lawinen gehen an den Wänden ab, die die Sonne erwärmt. Vereinzelte Langläufer tauchen nun auf, bald werden es mehr. Dann zurück, jetzt flutscht es, die ersten drei Kilometer muss man kaum anschieben. Glücksgefühle. Der inoffizielle Rekord für die 28 Kilometer ist über 30 Jahre alt, er soll bei 1:12 Stunden liegen. Loipenmeister Manfred Reindl meint, er selbst sei schon mal die Bergaufstrecke in unter einer Stunde gelaufen, "in jungen, fitten Jahren". Normalsterbliche brauchen drei bis vier Stunden reine Laufzeit.

Auf der Piste, in der Loipe

Die aktuellen Schneehöhen in den Alpen bei Schneehoehen.de

Klar, hip ist was anderes. Die meisten der klassischen Langläufer hier haben die 50 oder 60 hinter sich, farblich und ausrüstungstechnisch stecken viele in den Achtzigern oder Neunzigern fest, damals, als das coolere Skating noch nicht so ganz im Freizeitsport angekommen war. Bommelmützen, pludrige Jacken und Gürteltasche. Aber dann auch wieder der Jungspund, der in eng anliegendem Rennanzug vorbeijagt, mit Kopfhörern.

"Hinten in der Eng ist die Stille magisch", sagt Berufsjäger Hansjörg Pichler, 45, der von Hinterriß aus die Berglandschaft bejagt. Eine Ruhezone sei das, eine Ruhezeit. "Eigentlich hat im Winter hier niemand etwas verloren." Die Langläufer stören den Frieden wenig, die Tiere haben sich über die Jahrzehnte an die Sportler gewöhnt. Schlimmer, sagt Pichler, seien Touren- und Schneeschuhgeher, die schon im Dunkeln mit Stirnlampen aufsteigen.

"Wenn die das Wild aufschrecken, brauchen die Tiere im Schnee das Zehnfache an Energie, um zu flüchten. Das entkräftet und tötet sie letztlich." Auch für die 40 Menschen, die das ganze Jahr über in Hinterriß leben - der Jüngste drei Monate, der Älteste 98 Jahre alt - ist das abgeschiedene Leben im Winter eine Herausforderung. Da kann einem schon mal die Decke auf den Kopf fallen. Man könnte Karten spielen. Viel fernsehen. Pichler grinst. "Oder du wirst Langläufer."

Bester Ausgangspunkt für die Karwendelloipe ist der "Gasthof zur Post" in Hinterriß (Achtung, es gibt auch einen Gasthof Post in Vorderriß). Hier kann man auch Langlaufskier und -schuhe mieten, Übernachtung mit Frühstück 47,50 Euro, Loipengebühr 2,50 Euro, www.post-hinterriss.info; allgemeine Auskünfte: www.karwendel.org

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