Winterurlaub in den Alpen Die andere Seite des Winters

Glücklich, wer oben in der Sonne steht, während die Täler in Nebelgrau getaucht sind.

(Foto: Arnaud Spani/hemis/laif)

Skifahren ist die eine Sache, aber die Zukunft des Winterurlaubs in den Alpen scheint anders auszusehen. Der Trend geht zu den Städten - und zum Genuss.

Von Hans Gasser

Die gute Nachricht zuerst. Im beliebtesten Winterurlaubsort Österreichs hat es in diesem Herbst schon mehrmals geschneit. Allerdings sind die Wintersportmöglichkeiten dort eher limitiert: Rodeln am Kahlenberg, Eislaufen am Rathausplatz, Winterwandern im Lainzer Tiergarten. Österreichs beliebtestes Winterurlaubsziel heißt nicht Sölden oder Ischgl, es heißt Wien. Meereshöhe: zwischen 150 und 540 Meter. Seilbahnen: null.

"Der Städtetourismus boomt auch im Winter", sagt Ulrike Rauch-Keschmann, Sprecherin der Österreich Werbung. Besonders die Weihnachtsmärkte, aber auch Kultur, Einkaufsmöglichkeiten und Kulinarik zögen die Gäste an, so grau und unwirtlich es im dezemberhaften Wien auch sein mag. 6,6 Millionen Übernachtungen hat Wien in der vergangenen Wintersaison verzeichnet, damit liegt es weit vor dem zweitplatzierten Sölden, das auf gut zwei Millionen kam. Als eines der wenigen Alpenländer konnte Österreich in der Wintersaison in den vergangenen Jahren ein leichtes Wachstum bei den Übernachtungen generieren, zwei Drittel davon gehen aber auf das Konto des Städtetourismus.

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Fährt denn also niemand mehr Ski, könnte man fragen, und das obwohl die österreichischen Seilbahnen in den vergangenen zehn Jahren knapp sechs Milliarden Euro investiert haben in leistungsfähigere Lifte und Beschneiungsanlagen? Ganz so ist es nicht. Vergleicht man nicht einzelne Orte, sondern Regionen, haben Tirol oder Salzburg im Winter absolut gesehen natürlich viel mehr Übernachtungen als Wien. Die Zahl der Menschen, die eine geradezu leidenschaftliche Freude am Gleiten über eine perfekt präparierte Piste oder durch tiefen Schnee haben, ist in Europa relativ konstant. Für Erik Wolf ist das bereits eine gute Nachricht. Dass diese Zahl schon seit Jahren stagniert, muss der Geschäftsführer des Österreichischen Seilbahnverbands zur Kenntnis nehmen. "Wir müssen investieren, um die Zahl der Skifahrer zu halten", sagt Wolf. Ansonsten würden sie in die französischen oder italienischen Skigebiete fahren - oder gleich ans Rote Meer.

Chinesische Gäste werden das Geschäft nicht retten - sie fahren lieber in der Heimat Ski

Österreich hat in den vergangenen drei Jahren sein großes Stück vom Winterurlauber-Kuchen behauptet, auf deutlich geringerem Niveau gilt das auch für die deutschen Skigebiete, während Italien und vor allem die Schweiz Skiurlauber verloren haben. So rauschte die Zahl der sogenannten Skifahrertage in den sehr schönen Skigebieten der Schweiz von 29,3 Millionen in der Wintersaison 2008 / 09 auf 21,2 Millionen in der Saison 2016 / 17 hinunter. Das lag vor allem am starken Franken, der die preissensiblen Deutschen und auch die Schweizer selbst in andere Länder trieb. Im selben Zeitraum ging es in Österreich "nur" von 57 Millionen Skifahrertagen auf 52,5 Millionen zurück. Bei dieser Zahl hat sich das Skifahren dort seit drei Jahren eingependelt, was schon als Erfolg gilt. Als Skifahrertag wird der erste Eintritt durch die Schleuse an der Talstation gezählt, egal ob mit Halbtages-, Tages- oder Saisonskipass. Die Zahlen stammen aus einer jährlichen Untersuchung des Unternehmensberaters Laurent Vanat, die dieser unter anderem für den Verband der Schweizer Seilbahnen macht.

"In Westeuropa wächst die Zahl der Skifahrer seit vielen Jahren nicht mehr", sagt Vanat. Das liege einerseits an der Bevölkerung, die auch kaum noch wachse, und daran, dass in vielen Familien, nicht nur, aber oft in solchen mit Migrationshintergrund, das Skifahren keinen Stellenwert besitze. "Wenn die Eltern es nicht machen, lernen es die Kinder auch nicht", so Vanat. Seine Empfehlung dagegen ist ein breites und günstiges Angebot von Schulskikursen in allen Alpenländern. Nur so könne man etwas gegen den Schwund tun. "Von der wachsenden Zahl der chinesischen Skifahrer werden wir in den Alpen nicht viel abbekommen", sagt Vanat. "Die fahren lieber in ihren nagelneuen eigenen Skigebieten."

Vanat empfiehlt den Skiresorts vor allem Investitionen in die Bequemlichkeit. In den wenigsten Skigebieten der Alpen ist es möglich, auf einer Website alle Bestandteile des Winterurlaubs zu buchen, vom Hotel über die Tickets bis zu Leihskiern und Skikurs. "So etwas muss aber möglich sein, genauso wie bei der Buchung von Badeurlaub in Ägypten, zu der man ja auch in Konkurrenz steht", sagt Vanat.

Aber was will der Wintergast eigentlich? Die Österreich Werbung (ÖW) lässt dazu immer wieder mit großem Aufwand Urlauberbefragungen durchführen, unter anderem von der deutschen Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR). Und da kommt man zu Ergebnissen, die die Seilbahnbetreiber nur teilweise gerne hören werden. Neben dem stark wachsenden Städtetourismus definiert die ÖW zwei weitere große Winterurlauber-Gruppen: die Wintersporttouristen und die Wintergenussurlauber. Erstere hegen ein "leidenschaftliches Verhältnis zum Skifahren" und wollen genau das in ihrem Urlaub vorrangig tun. Bezogen auf den für Österreich wichtigsten Markt Deutschland sind dies laut FUR etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Mehr als doppelt so viele äußerten immerhin Interesse an einem Wintersporturlaub in den nächsten drei Jahren. Die Tendenz ist aber seit Jahren sinkend, das Wachstumspotenzial ausgeschöpft.

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Wirkliche Zuwächse verspricht sich die ÖW deshalb vor allem bei der zweiten großen Gruppe: den Wintergenussurlaubern. "Bei dieser Gruppe stehen auch die Berge im Zentrum des Interesses", sagt Sprecherin Rauch-Keschmann, "sie wollen die Natur aber eher auf romantische Weise erleben." Winterwandern, Pferdeschlitten-Fahrten, Schneeschuhtouren stünden hier ganz oben auf der Liste, gefolgt von Kulinarik und Wellness. Heute sei diese Gruppe mit wenigen Prozent der Gäste noch relativ klein, so Rauch-Keschmann. Aber 8,7 Millionen Deutsche interessierten sich laut FUR in den nächsten drei Jahren für genau so einen Urlaub.

Das ist ein großer Schatz, den es zu heben gilt, was aktuell in vielen österreichischen und Südtiroler Tälern bemerkbar ist. Es wird gebaut, was das Zeug hält, viele Hotels investieren in neue Wellnessbereiche und komfortablere Zimmer, kulinarische und kulturelle Angebote werden in den Gebirgstälern mit jedem Jahr mehr. Das liegt zum einen daran, dass Baukredite gerade billig sind wie nie. Zum anderen haben viele Hoteliers erkannt, dass die Gäste immer besser informiert sind und immer anspruchsvoller werden. Sie wollen ein großes Skigebiet vor der Hoteltür, selbst wenn sie es nur ein oder zwei Tage im Urlaub nutzen. Gleichzeitig möchten sie ausgedehnte Wellness-Landschaften, außergewöhnliches Essen und die Möglichkeit, sich etwa mal als Hundeschlitten-Führer zu versuchen.

Umweltschutzorganisationen wie die Cipra hören das mit den Wintergenussurlaubern natürlich gern und fordern angesichts des Klimawandels und der energieintensiven Beschneiung ein Umdenken in vielen kleinen und mittleren Skiregionen.

"Längerfristig werden nur die höchstgelegenen und großen Skigebiete übrig bleiben", sagt Cipra-Geschäftsführerin Katharina Conradin. "All die anderen sollten heute schon nicht nur 15, sondern 30, 40 Jahre vorausdenken und sich neue Konzepte überlegen."

Vorerst aber machen die Skigebiete, beflügelt vom frühen Wintereinbruch, weiter mit ihrer Kernkompetenz: Skifahrer möglichst bequem auf den Berg zu bringen und wieder heruntergleiten zu lassen. Wo es geht, schließt man sich zusammen, am Arlberg, in Salzburg, und - hochumstritten - im Allgäu, wo die Staatsregierung den Alpenplan änderte, um die Skigebiete Balderschwang und Grasgehren zu verbinden. Die führenden Skigebiete setzen auf Pistenkilometer, Digitalisierung mit flächendeckendem Wlan und Skigebiets-Apps, die sich hervorragend eignen, um an die Wünsche (und die Daten) der Urlauber zu kommen; auch Funparks mit Schanzen und Halfpipes sind ein großes Thema, in der Schweiz probiert man mit Crowdfunding und flexiblen Ticketpreisen, wieder mehr Gäste zu gewinnen.

Apropos Preise: Wer das Gefühl hat, die Skipässe werden von Jahr zu Jahr teurer, der irrt nicht. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Kosten für einen Tagesskipass laut Laurent Vanats Erhebung in den zehn größten Skigebieten des jeweiligen Landes deutlich erhöht: Am stärksten war der Anstieg in Italien, wo man heute 55 Prozent mehr zahlen muss, gefolgt von Österreich (plus 35 Prozent). In der Schweiz waren es nur 17 Prozent. In absoluten Zahlen lag der Durchschnittspreis 2016 / 17 für einen Tag Skifahren in den großen Gebieten in Österreich bei 50, in Italien bei 52 und in der Schweiz bei 64 Euro.

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