Von Christina Warta

Die winterliche Bergwelt wird immer mehr zu einem Spaßdorado, in dem Alkohol und Selbstüberschätzung zu Unfällen führen. Skifahren wird dabei zur Nebensache.

Es gibt neuerdings Menschen, die in den Skiurlaub aufbrechen, ohne ihre Ski mitzunehmen. Nicht, weil sie diese vergessen würden, sondern weil sie die Bretter für ihre Art von Urlaub gar nicht benötigen.

Skifahrer Sturz; Reuters

"Und es hat Bumm gemacht": trinken, mitsingen, hinfallen - so sieht bei vielen ein Skitag aus. (© Foto: Reuters)

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Der Skiurlaub hat sich gewandelt: vom Sport-Purismus auf der Piste zur Vergnügungsvielfalt mit Hundeschlittenfahrt, Erholung im Wellnessbereich und Party auf den Berghütten. Skilaufen ist dabei zur Nebensache geschrumpft. Es wäre also nur konsequent, seine Ski zu Hause zu lassen. Doch natürlich tun das nur wenige Skiläufer.

Die weitaus größere Anzahl schwebt dagegen per Gondel oder Achter-Sessellift in die Skigebiete, an den Füßen das Neueste aus der Carving-Technologie: stark taillierte Ski, mit denen auch weniger geübte Fahrer die Hänge zunächst meistern können.

Kurven statt Falllinie

Trotzdem schafft das Probleme: "Früher sind Skiläufer meist in der Falllinie nach unten gefahren", sagt Andreas König vom Deutschen Ski-Verband. Mit dem Carvingski wird dagegen mehr gekurvt, ein Skiläufer benötigt bei seiner Abfahrt also deutlich mehr Platz als früher. "Es kommt öfter zu Kollisionen", sagt König.

Hinzu komme, dass die Pisten in den Skigebieten meist nicht breiter werden, so König, aber trotzdem mehr Menschen fassen müssen.

Die Kreuzeckbahn bei Garmisch-Partenkirchen etwa beförderte bis April 2002 rund 180 Skifahrer pro Stunde in das Kreuzeck- und Alpspitzgebiet. Dann wurde die alte Gondel durch eine moderne Umlaufbahn ersetzt, die Stunde für Stunde 1400 Personen in das Skigebiet transportiert - das sind achtmal so viele Menschen wie vorher.

Dass die Enge auf den Pisten mehr Unfälle provoziert, hat auch Karin Bauer, Unfallchirurgin in der Unfallklinik Murnau, 25 Kilometer nördlich von Garmisch-Partenkirchen, festgestellt. "Die unverschuldeten Unfälle haben zugenommen", sagt sie. Ohnehin hat man in der Unfallklinik zuletzt immer mehr verletzte Skifahrer versorgen müssen. "Eine eigene Statistik haben wir nicht", sagt Karin Bauer, "aber in der vergangenen Saison gab es eindeutig mehr Skiunfälle."

In rund 30 Prozent aller Fälle ist das Knie betroffen. "Das hat aber auch damit zu tun, dass beispielsweise Unterschenkelbrüche deutlich abgenommen haben", sagt der Münchner Sportorthopäde Jörg Haury, früher selbst Skirennläufer. So steigt der prozentuale Anteil der Knieverletzungen.

"Ach, der Alkohol!"

Allerdings gilt es auch als erwiesen, dass das Fahren von Carvingski anstrengender ist als das mit untaillierten Brettern. "Die meisten haben nicht die Muskulatur, um den Carvingski über sechs Stunden zu beherrschen", sagt Haury. Wenn am Nachmittag die Müdigkeit zunimmt, passieren die meisten Unfälle. "Dann ist man unachtsam, der Carvingski verkantet leichter, und das Knie wird verdreht", erklärt Haury.

Das Verletzungsrisiko für den Breitenskisportler setzt sich letztlich aus mehreren Komponenten zusammen: dem anspruchsvolleren Carvingski, der zunehmenden Enge auf den Pisten - und der Zeit: Die meisten Menschen planen ihren Urlaub ausgerechnet dann, wenn in den Alpen am wenigsten Schnee liegt: in den Weihnachtsferien.

"In dieser Zeit ist man meist auf Maschinenschnee angewiesen", sagt König. Kunstschnee ist härter als Naturschnee, ein Sturz zieht nicht selten einen Bruch nach sich.

Und dann gibt es da ja noch den Hüttenzauber: Manche Skigebiete haben sich längst zu einer Art Außenposten für das Partyvolk der Großstadt entwickelt. Bier und Wodka werden an den Skibars reichlich ausgeschenkt - und das schon mittags.

"Ach, der Alkohol", stöhnt Unfallärztin Bauer: "Es ist ja bekannt, dass die letzte Abfahrt oft die gefährlichste ist."

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(SZ vom 17. 12. 2005)