Windhuk Unterwegs mit Powerfrau

Auf einer Fahrradtour durch das größte Township lernt man das Land anders kennen - besonders wenn man mit Anna Mafwila unterwegs ist. Sie ist jung, kinderlos und hat aus den Touren ein Unternehmen gemacht.

Von Dominik Prantl

Anna Mafwila ist ziemlich in Ordnung. Nur an ihre direkte, beinahe schon streitlustige Art muss man sich echt gewöhnen. Da kommt schon wieder so ein alter Bettler um die Ecke und jammert Anna vor, wie schlecht es ihm geht. Die 35-Jährige schaut ihn von oben herab durch ihre Sonnenbrille an und sagt: "Papa, frag' niemals eine Frau, die mit einem Rad zwischen den Beinen ihren Lebensunterhalt verdient, nach Geld."

Womöglich geht es auch nicht anders, wenn man als selbstbewusste, junge Schwarze ein Unternehmen mit dem Namen Katutours gegründet hat, das Touristen auf dem Mountainbike durch Katutura führt, die Township von Namibias Hauptstadt Windhoek. Die Angaben darüber, wie viele Menschen hier leben, schwanken zwischen 50 000 und 200 000, was mehr als die Hälfte der Windhoeker Bevölkerung wäre. Dabei heißt Katutura so viel wie "der Ort, wo wir nicht leben wollen", was wiederum wenig verwundert: Ende der 1950er-Jahre von der südafrikanischen Verwaltung in Namibia nach dem perversen Grundgedanken ihres Apartheidsystems gegründet, wurden alle Schwarzen aus Windhoek zwischen 1959 und 1968 hierher umgesiedelt. Symbole an den Türen machten die Stammeszugehörigkeit erkenntlich, zum Beispiel O für Ovambo, D für Damara, H für Herero.

Anna Mafwilas Tour beginnt mit Helm und Warnweste am Soweto-Markt, führt acht Kilometer im steten Auf und Ab durch die Geschichte des Landes und vor allem durch eine Welt, die den meisten Namibia-Urlaubern verborgen bleibt: planlos hingestellte Hütten und einfache Häuser aus Ziegeln mit Wellblechdächern. Mal ein Markt mit Gewürzmischungen (passt gut zu Huhn!), mal ein Restaurant mit Ziegenköpfen, die auch gegrillt noch aussehen, als würden sie lächeln. Anna sagt dann: "Wir nennen sie Smileys. Ich mag sie nicht." Sie isst lieber Gemüse als Hirn.

Von dem hat sie selbst genug. Wenn sie über die Probleme von Katutura redet, über das, was unter den Wellblechdächern passiert, die Prostitution, die häusliche Gewalt, die hohe Quote der HIV-Infizierten und das hässliche Erbe der Apartheid, spürt man die Ohnmacht und Wut in ihr. "Der Fisch stinkt vom Kopf", sagt sie über die Regierung. "Den Leuten hier fehlt die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Immer ist jemand anderes schuld, wenn es ihnen schlecht geht", sagt sie über ihre Landsleute. "Ich bin 35, nicht verheiratet, keine Kinder. Das ist hier nicht normal", sagt sie über sich selbst.

Auch ohne den hier als unabdingbar erachteten Universitätsabschluss zählt eine wie Mafwila zu den Hoffnungen des Landes. "Ich habe gelernt: Just do it." Tu es einfach. 1982 in einem Flüchtlingslager in Angola als Tochter eines Militärarztes im namibischen Unabhängigkeitskampf geboren und weit herumgekommen in der Welt, steckt auch in ihr viel Unabhängigkeit, noch mehr Kämpferin - und Lust am Spott. Wehe, wenn ein junger Kerl mit lautem Auspuff vorbeiknattert. "Wir nennen es das Klein-Penis-Syndrom", sagt Anna, was wieder zeigt, dass manche Dinge eben auf der ganzen Welt gleich sind, ob in Katutura oder Kaufbeuren.

Fahrradtouren mit Katutours kosten 750 Namibia-Dollar (ca. 50 Euro), dauern etwa 3,5 Stunden. Am besten nicht mit dem eigenen Auto zum Soweto-Markt fahren. Anmeldung und Informationen unter katutours@gmail.com, www.katutours.com