Was wir von Hippokrates lernen können: Wohlfühlen durch Selbsterkenntnis

Wer sich wohl fühlen will, der muss sich kennen. Wohlfühlen hat viel mit Selbsterkenntnis zu tun. Sich wohl fühlen, so ganz und völlig, das ist - wir ahnen es - keine einfache Sache. Wer sich auf die Suche nach sich selbst begibt, könnte zu der Einsicht kommen, dass er sich überhaupt noch nicht richtig kennt. Die Einheit mit der Welt und mit sich selbst ist Arbeit am Ich, eine prinzipiell nie fertige Arbeit. Die Zeiten ändern sich, wir uns in ihnen, und das Wohlgefühl auch.

Wohl der bekannteste Vertreter aus der Gattung der Choleriker: Donald Duck (© Foto: AP)

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In Delphi, im alten Griechenland, wo die Orakel ausgegeben wurden, stand auf dem berühmten Apollontempel ein Spruch: "Erkenne dich selbst!". Das ist oft erzählt worden. Angeblich sollte der Spruch bedeuten "Erkenne, dass du nur ein Mensch bist" (und kein Gott). Dieser Befehl zur Selbsterkenntnis hat die Geschichte der Europäer folgenreich begleitet und bestimmt. Er fordert auf, dort nachzuforschen, wo die Begierde nach Einsicht ihren Ursprung hat: im Ich selbst. Der Satz vom Apollontempel ist eine der Geburtsurkunden unseres abendländischen Ichs, unseres Selbstbewusstseins.

Wer nicht ins Bild passte, hatte sich zu ändern

Wir Menschen sind so verschieden. Jeder ist ein bisschen anders als alle anderen, jeder hält sein liebes Selbst für eines der besten. Das blieb auch den schlauen Griechen nicht verborgen. Schon ging der Streit los. Sie wollten die Verschiedenheiten auf einen einzigen Nenner bringen. Das machten die Philosophen, die in nahezu alles reinredeten. Aber weil auch die Philosophen ganz verschiedene Menschen waren, erfanden sie auch ganz verschiedene Idealbilder des richtigen Menschen. Jeder Philosoph wollte ein für alle Mal bestimmen, was das Wahre, das Rechte, das Gute und das Schöne in Wirklichkeit sei. Die grundverschiedenen Typen der Menschen wurden gleichgesetzt. Jeder Philosoph machte das auf seine Weise. Dabei kamen natürlich ziemlich unterschiedliche Bilder vom wahren Menschen heraus. Wer ins Bild nicht reinpasste, der hatte sich zu ändern, basta. Diese Besserwisserei der Philosophen ist bis heute nicht ausgestorben. Aber das letzte Wort hatten sie schon in vergangenen Zeiten nicht.

Ein anderer Vorschlag kam aus der Ecke der naturforschenden Ärzte. Sie begegneten den ganz unterschiedlichen Typen täglich. Ihre Patienten litten an ganz verschiedenen Krankheiten, zeigten unterschiedliche Temperamente, mussten auch unterschiedlich behandelt werden, sollten sie sich wieder wohl und gesund fühlen. Der große Hippokrates, Urvater der europäischen Heilkunst ("Eid des Hippokrates"), nahm sich des Problems an. Er begründete die erste, auf genauen Beobachtungen beruhende Typenlehre, kann als Begründer aller nachfolgenden Typenpsychologie gelten. Im Sammelsurium seiner überlieferten Schriften gibt es eine, die wohl Polybos verfasst hat, Schüler und Schwiegersohn des Hippokrates. Keine Frage, dass darin die Lehren des mächtigen Schwiegervaters widerhallen. Der Text trägt schlicht und stolz den Titel "Über die Natur des Menschen".

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