Von Klaus Podak

Keine andere Farbe umgeben so viele Geheimnisse: der Himmel, das Meer und andere blaue Wunder

Blau, da gibt es keinen Zweifel, ist die Farbe der Dichter: "Blau, welch Glück, welch reines Erlebnis!", jubelt Gottfried Benn in dem sonst recht kühlen Vortrag "Probleme der Lyrik". Wenige Zeilen weiter heißt es: "Blau. Es ist das Südwort schlechthin". Kurz vorher hatte er sich noch lustig gemacht über Dichter, die üppig mit den Farben um sich werfen. "Reine Wortklischees, die besser beim Optiker und Augenarzt ihr Unterkommen finden." Aber gleich schiebt er das Geständnis hinterher: "In Bezug auf eine Farbe allerdings muss ich mich an die Brust schlagen, es ist Blau". Dann das Glück, das reine Erlebnis, das Südwort schlechthin. Blau, auch da ist kein Zweifel möglich, Blau als Erlebnis, als Sprache des Himmels, als Wunschraum der Sinne und der Seele, ist und bleibt ein Rätsel, eines dieser wunderbaren Rätsel freilich, das in eins mit seinem Geheimnis die eigene Lösung ist. Wir können sie nicht aussprechen. Aber wir fühlen sie: Blau des Himmels, blaues Band, blaue Augen, blaue Blume - lauter Rätsel, die zugleich ihre Lösungen sind. Wofür? Für Sehnsüchte, für irgendein Anderes, für einen Ort, den es nirgendwo gibt und der doch da ist. Für den Ort, der nirgendwo ist, und der doch da ist, gibt es ein Wort. Es heißt Utopie. Blau ist die Farbe der Utopie. "Fort", ruft der Taugenichts in Eichendorffs Novelle, "fort muss ich von hier, und immer fort, so weit als der Himmel blau ist". Wohin genau es dabei gehen könnte, das ist ihm vollkommen gleichgültig. Aber es führt ja zu was, führt doch irgendwohin. Die letzte Zeile der Geschichte verrät: " - und es war alles, alles gut!". Es ist die geglückte Utopie der Reise ins Blaue hinein.

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Aber Blau ist zwiespältig, vieldeutig, kann Unangenehmes, Verderbenbringendes, Böses ankündigen. In Goethes Gedicht "Der Fischer" verführt die Nixe den jungen Menschen mit den Worten "Lockt dich der tiefe Himmel nicht, das feuchtverklärte Blau?". Es lockt ihn. Das ist sein Untergang. Goethe schreibt in seiner Abhandlung "Zur Farbenlehre", die er für sein Hauptwerk hielt: "Blau. Diese Farbe macht für das Auge eine sonderbare und fast unaussprechliche Wirkung. Sie ist als Farbe eine Energie; allein sie steht auf der negativen Seite und ist in ihrer höchsten Reinheit gleichsam ein reizendes Nichts. Es ist etwas Widersprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick." Blau gilt auch als kühl, als abweisend, abwehrend. Es setzt Grenzen, die nie zu erreichen, geschweige denn zu überwinden wären. Goethe hat beobachtet: "Zimmer, die rein blau austapeziert sind, erscheinen gewissermaßen weit, aber eigentlich leer und kalt". Und: "Blaues Glas zeigt die Gegenstände im traurigen Licht". Wie passt das alles zusammen, das Glück, das Südwort, die Verheißung, die Utopie - und die Kälte, die Abweisung, der Sog ins Verderben? Es passt nicht zusammen. Und doch gehört dies alles zusammen hinein in ein und dieselbe Farbe. Sie ist, das müssen wir jetzt zugeben, in sich selbst tief widersprüchlich.

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