In besonderer Hochform kann man die Menschen Medellins beim Feiern erleben, bei Tanz und Musik. Eigentlich jeden Abend irgendwo, aber eine Hauptzeit im Jahr ist dafür die Weihnachtszeit. Adventseinladungen beginnen um zehn Uhr abends, es wird bis in den Morgen getanzt und getrunken. Die ganze Stadt fiebert darauf hin: El Alumbrado, das ist die Weihnachtsbeleuchtung Medellins, in Kolumbien so bekannt und sprichwörtlich wie in Deutschland der Nürnberger Christkindlesmarkt.

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Die Weihnachtsbeleuchtung auf dem Fluss Medellin (© Foto: Reuters)

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Riesige, quietschbunte Lichter säumen den Fluss Medellin, der durch die Stadt fließt. Die großen Brücken, die hohen Lampen, Antennen und ähnliches - alles wird durch Leuchtbänder zu Figuren geformt. Überdimensionierte Tannenbäume, wilde Muster, die Krippe mit der heiligen Familie. Besinnlichkeit sucht man vergebens. Es geht um Großes, weithin Sichtbares, Vereinigendes. Jeder soll es sehen, sich dazugehörig fühlen und fröhlich sein.

Es bebt in der Calle 70, wo in einfachen Bars die Hüften geschwungen und der Rum in Flaschen bestellt wird. Genauso wie in der Zona Rosa, dem schicken Ausgehviertel im südlichen El Poblado, wo spät in der Nacht von Showtänzern in extremen Kostümen animiert wird.

Es ist ein Stelldichein perfekt zurechtgetrimmter Körper - hier lernt man glauben, dass Medellins Ärzte zur Weltspitze in plastischer Chirurgie gehören sollen. Am Morgen danach freilich sieht man wieder so viele beinamputierte Gestalten durch die Straßen humpeln, wie sonst wohl nirgends. Landminen der Guerrillas. Und für diese andere Seite der plastischen Chirurgie fehlt oft das Geld.

Tanzstunde im Wohnzimmer

Aber auch ein Wohnzimmer verwandelt sich schnell in eine Tanzfläche oder sogar in eine Tanzschule für Besucher - auch wenn die Nuancen Unterschied des Hüftschwenkens und -wackelns nicht auf Anhieb sichtbar, verständlich und damit lernbar sind: "So", sagt Anna-Jolanda, zu Salsa romantica - und "so", zum klassischen Salsa, und "so", wiederum zu Vallenato, der Musik von der Küste.

Ihr Vater war ein bekannter Vallenato Musiker Kolumbiens. Nachdem er verstorben ist, besuchen befreundete Künstler die Tochter nun regelmäßig. "Ich bin Chavez-Fan!", verkündet vom Sofa her mit lügenstrafendem Lachen Pablo, der Vallenato-Sänger aus Venezuela. Während die Länderchefs Chavez und Uribe auf schlechtem Fuß zueinander stehen, tanzen die Menschen miteinander. Pablo lässt seine Stimme dröhnen, dass in dem kleinen Zimmer fast die Wände zu bersten drohen.

Jedes Jahr am siebten Dezember entzünden alle lange Reihen von Kerzen vor den Häusern. Am Vorabend zu Maria Empfängnis wird in Kolumbien an die Geiseln der Guerrilla erinnert. Auch nach der Befreiung von Ingrid Betancour bleiben noch viele hundert andere verschleppt.

Im Flackern der Kerzen und unter dem verhaltenen Krachen des Feuerwerks, das man aus dem Zentrum bis in das Wohnviertel herüber hört, erzählt Mauricio von sich. Er ist Angestellter in einer großen Versicherungsgesellschaft. Dennoch hat er nebenher seit kurzem ein Zweitgeschäft, wie viele. Bei ihm ist es eine Eisdiele. So kann er sich Reisen finanzieren.

Er möchte unbedingt auch einmal nach Europa. Ob das Bild von Kolumbien in Europa wirklich so ein düsteres sei? Und ob man jetzt, wo man einmal hier war, in Europa anderes erzählen würde? Wer könnte da nein sagen! Und auch den hier typischen Abschiedsgruß "komm wieder!" hat man als Besucher Medellins nach drei Wochen längst verinnerlicht.

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(SZ vom 24./25./26.12.2008)