Polen Warschau feiert weltoffen

Das Stadtbild von Warschau mit dem Kulturpalast, links daneben das Liebeskind-Hochhaus.

(Foto: Jose Fuste Raga/mauritius images)

Kreative haben die polnische Hauptstadt als Spielwiese entdeckt. Sie lassen sich die Laune von der europakritischen Regierung nicht verderben.

Von Christian Mayer

Der Fluss ist das Ziel, und wer Warschau von der entspannten Seite kennenlernen will, muss sich nur einreihen und dem Strom der Großstädter folgen, die hinunter wollen zum Ufer. Noch bevor es dunkel wird, sind die Liegen, die Bar und das weiße Sonnendeck, das an ein gestrandetes Schiff erinnert, bevölkert von Urbanisten aus der ganzen Welt. Amerikaner, Spanier, Schweden, Chinesen und Deutsche feiern mit den Einheimischen, jeden Abend steht eine neue Attraktion auf dem Programm im "511 Pomost", dem populären Szenetreff am Weichselstrand. Tango und Swing, Improvisationstheater und Fußballabende wechseln ab mit Housepartys unterm Sternenhimmel. Oder sind das nur die Lichterketten, die quer über die Tanzfläche gespannt sind?

Egal, die Besucher haben jedenfalls das Gefühl, dass hier die Musik spielt. Und dass Warschau gerade die vibrierendste Stadt Europas ist, also ungefähr das, was Berlin vor zehn Jahren war: eine Spielfläche für junge Kreative, digitale Nomaden und Wochenendhedonisten, die gerne günstig wohnen und feiern wollen.

Es hat sich viel geändert in dieser aufstrebenden Metropole, die schon früher ein beliebtes Reiseziel war, allerdings vorwiegend für Besucher aus Osteuropa und Gelegenheitsgäste aus dem Westen. Wer früher von Warschau-Touristen eine Postkarte bekam, damals in den Achtzigerjahren, hatte das Gefühl, dass die Absender gerade eine Puppenstube besucht hatten. Fast alle Fotomotive aus Warschau zeigten die rekonstruierte Altstadt, die von den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg mit unvorstellbarer Gewalt plattgemacht worden war. Der Wiederaufbau der komplett zerstörten Altstadt war eine außergewöhnliche Leistung der Warschauer, architektonisch, psychologisch und auch ökonomisch. Schließlich lässt sich der mittelalterliche Stadtkern bis heute als Erfolgsgeschichte der von vielen Katastrophen gestählten Bewohner verkaufen.

Als alternatives Postkartenmotiv kam außerdem der Kulturpalast aus den Fünfzigerjahren in Betracht. Bis heute prägt der im Stil des sozialistischen Klassizismus errichtete Multifunktionsgigant mit einer Höhe von 237 Metern das Stadtbild, nur dass der Turm mittlerweile eingerahmt wird von einer Reihe spektakulärer Hochhäuser wie dem 52 Stockwerke fassenden Zlota 44, dem sündhaft teuren Wohngebäude des Architekten Daniel Libeskind, das wegen der schlanken Bogenform auch Segel genannt wird.

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Das Leben spielt sich überwiegend draußen ab. Die Warschauer streben an die frische Luft

"Ach, der Kulturpalast", sagt die Literaturwissenschaftlerin Anita Borkowska, deren deutschsprachige Stadtführungen so unterhaltsam wie lehrreich sind. "Für viele gibt es überhaupt nur einen Ort in Warschau, wo man dieses Monster aushalten kann - und das ist oben auf der Dachterrasse. Weil man von dort aus die ganze Stadt sieht, nur nicht den Kulturpalast."

Ein sommerlicher Stadtbesuch in Warschau, das ist ein ständiger Schlagabtausch zwischen der Geschichte und der Gegenwart. Wobei sich das Leben hier überwiegend draußen abspielt, auch die Warschauer selbst streben bei fast jeder Gelegenheit an die frische Luft. Das alte Postkarten-Warschau, für das ikonische Figuren wie der Komponist Frédéric Chopin oder die zweifache Nobelpreisträgerin Marie Curie stehen, hat seinen eigenen Charme, während das neue Warschau, das vor allem seit dem Bau des spektakulären Nationalstadions für die Fußball-EM 2012 entstanden ist, höher hinaus will. Das Stadion mit der mobilen Dachkonstruktion ist nun neben dem Kulturpalast der zweite zentrale Orientierungspunkt für ortsunkundige Besucher. Es thront höchst prominent auf der anderen Seite der Weichsel im Stadtteil Praga, dem alten Arbeiterviertel.