Vulkantourismus auf Teneriffa Mann im Mond

Die Ureinwohner Teneriffas fürchteten den einsamen Teide und seinen Dämon. Heute ist der Vulkan so überlaufen, dass nur wenigen der Zugang zum Krater erlaubt wird.

Von Antje Weber

Der vor etwa 170.000 Jahren entstandene Teide gehört noch immer zu den aktiven Vulkanen. Die Behörden der Kanaren wollen den vulkanischen Ursprung ihrer Heimat jetzt stärker ins Bewusstsein rücken.

(Foto: Desiree Martin, AFP)

Die Reise zum Mond dauert acht Minuten. Acht Minuten in der schwankenden Kabine einer Seilbahn, deren Ziel auf 3555 Metern liegt. Die Menschen quetschen sich oben, kurz unter dem Gipfel des Vulkans Teide, erleichtert nach draußen. Halten in der Höhenluft schwer schnaufend ihre Sonnenhüte im pfeifenden Wind fest, zerren frierend an den Reißverschlüssen ihrer Anoraks. Und staunen: über den Rundblick auf eine karge, strenge, unendlich weit erscheinende Landschaft aus Lavagestein.

Hier liegt, keine Frage, wirklich jede Menge Schotter. Wie schrieb schon der Forschungsreisende Alexander von Humboldt im Jahr 1799 nach seinem Aufstieg auf den alles dominierenden Berg Teneriffas: "Ungern schieden wir von dem einsamen Ort, wo sich die Natur in ihrer ganzen Großartigkeit vor uns auftut." Ganz so einsam ist es hier oben heutzutage allerdings nicht mehr. Der Nationalpark am Teide, dem höchsten Berg Spaniens, ist seit fünf Jahren Unesco-Weltnaturerbe und der meistbesuchte Spaniens; mit der Seilbahn fuhren im vergangenen Jahr an die 2,7 Millionen Besucher nach oben, um die Weite und Freiheit über den Wolken zu genießen.

Diese Freiheit ist längst nicht mehr grenzenlos. Aus Naturschutzgründen dürfen nur noch 300 Wanderer an einem Tag die letzten knapp 200 Meter zum Krater des Vulkans zurücklegen; die Erlaubnis müssen sie zuvor per Internet einholen, der Weg wird streng überwacht. Doch trotz der vielen Menschen kann man sich der majestätischen Ausstrahlung dieses Berges nicht entziehen, und auch die Großartigkeit der ihn umgebenden Natur ist unübersehbar. Es ist jedoch ein Bild von trügerischem Frieden. Und das liegt, könnte man zusammenfassen, vor allem an dem Mann im Mond.

Denn die Ureinwohner Teneriffas, die Guanchen, fürchteten den Vulkan - und das mit einigem Recht. Ihren Legenden nach tobte in seinem Inneren die Hölle. In dieser Hölle lebte ein Dämon namens Guayota, der den Vulkan des Öfteren ausbrechen ließ; in einem Film im Besucherzentrum des Nationalparks wird er als böse Fratze dargestellt. Tatsächlich zählt der in mehreren Phasen vor ungefähr 170 000 Jahren entstandene Teide immer noch zu den aktiven Vulkanen - wie überhaupt die gesamte Insel, die sich vor sieben bis zwölf Millionen Jahren gebildet hat, vulkanischen Ursprungs ist. Das ist nicht allen Besuchern richtig klar, nicht einmal allen Einwohnern der Inselgruppe. Weshalb die kanarischen Regierungen und Tourismusämter den vulkanischen Ursprung ihrer Heimat und dessen Folgen jetzt stärker ins Bewusstsein rücken wollen.

Karamellisierte Mandeln als Geröll, Himbeersoße als Lava - der Konditor ist erfinderisch

Auf der größten Kanareninsel Teneriffa, wo insbesondere im Winter Scharen von sonnenhungrigen Nordeuropäern einfallen, setzt man dabei verstärkt auf Klasse statt Masse, um das Image zu verbessern. Seit 2009 hat die Tourismusbehörde das Projekt "Volcanes de Vida" (Vulkane des Lebens) entwickelt und für die verschiedenen Regionen insgesamt fünf Routen erarbeitet, die man mit dem Auto abfahren kann. Im Nordwesten der Insel wurden bereits Hotelbesitzer, Kunsthandwerker und Reiseführer so geschult, dass sie künftig sämtliche Aspekte des Lebens auf einem Vulkan erklären können sollen. Dazu gehören auch manche Ess- und Trinkgewohnheiten, die der Vulkan beeinflusst: die ausgezeichneten, dem kargen Boden abgerungenen Weine Teneriffas zum Beispiel, oder das traditionelle, überaus nahrhafte Lebensmittel der Ziegenhirten: ein Pulver namens Gofio, das aus zunächst geröstetem, dann gemahlenem Getreide besteht. Restaurants haben überdies Vulkankegel aus süßer Creme mit Lavaströmen aus Himbeersoße als Dessert kreiert, und eine Konditorei in Buenavista del Norte verkauft essbares Lavageröll - knusprige, karamellisierte Mandeln mit schwarzer Schokolade.

Ernsthafter, aber auch etwas unheimlicher ist die Auseinandersetzung mit dem Thema an einem Ort wie der "Cueva del viento". Die 18 Kilometer lange Lavaröhre in der Nähe des Ortes Icod de los Vinos ist die fünftlängste derartige Höhle der Welt; die ersten vier liegen auf dem vulkanischen Hotspot Hawaii. Dragan Milenkovic ist einer der offiziellen Führer, und der gebürtige Serbe liebt seinen Job: "Ein Traum geht in Erfüllung - für mich ist es das Größte, in kleinen Röhren Abschnitte zu begehen, wo seit Tausenden Jahren niemand war." Mit Besuchergruppen steigt der passionierte Höhlenforscher allerdings nicht so weit in die Unterwelt hinab: Nur 200 Meter der Lavaröhre sind öffentlich zugänglich.

Doch auch die sind schon ziemlich dunkel. Mit Helmen auf den Köpfen und Taschenlampen in den Händen tasten sich die Besucher ins Herz der Finsternis vor. Dragan erzählt von den drei Vulkanausbrüchen des Pico Viejo vor 27 000 Jahren, bei denen die Lava beim Herunterfließen zu drei Stockwerken aus Röhren erstarrte. "Es gibt Tausende Lavaröhren auf Teneriffa", sagt er begeistert, "die meisten sind nicht erforscht." Während seine Gäste über den unebenen Boden stolpern, erklärt er die Unterschiede zwischen den verschiedenen Lavasorten, leuchtet auf von der Decke hängende Lavatropfen, deutet auf zarte Wurzeln, die sich von oben durch das Gestein gebohrt haben, spricht von den immerhin 120 Spezies, die in dieser lebensfeindlichen Umgebung existieren können. Und macht einen kleinen Test mit den Besuchern: Ob sie es ganz ohne Licht in der absoluten Stille der Unterwelt aushalten. Er meint: "Da können Sie mit Urängsten vor dunklen Höhlen abschließen." Oder auch nicht.

(Foto: SZ Grafik)