Volksskirennen Derby de la Meije Hummel auf Abwegen

Hummel oder Tiger? Bei der Abfahrt im französischen La Grave verkleiden sich die Teilnehmer wie beim Karneval.

(Foto: FMG Communication)

Beim Derby de la Meije, einem der härtesten Volksskirennen der Welt, stürzen sich seltsam gekleidete Gestalten den Berg hinunter. Die meisten kommen an.

Von Titus Arnu, La Grave

In der Gondelbahn sitzt ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Es gähnt, streckt die Arme aus und murmelt: "Bonjour! Ça va?" Hm. Wie es geht? Wie geht es einem wohl, wenn man um kurz nach sieben Uhr morgens bei minus zehn Grad in einer altertümlichen Seilbahn in den französischen Alpen hockt, draußen Nebel und Wind, drinnen halb schlafende Skifahrer, und dann hockt auf einmal neben einem eine sprechende Torte? Liegt das an der Müdigkeit, am Hunger? Die bewusstseinserweiternden Genussmittel, die manche Wintersportler hier schon kurz nach dem Aufstehen rauchen, können es ja nicht gewesen sein.

Doch auch nach einem Schluck Kaffee aus der Thermoskanne scheint die Schwarzwälder Kirschtorte halbwegs echt zu sein. Und sie spricht auch mit anderen Leuten in der Gondel - über das Wetter ("Hoffentlich reißt es noch auf!"), über den Schnee ("windgepresst, hart gefroren, Horror!"), über die Party im Festzelt am Vorabend ("zu wenig Bier, zu viel Blasmusik"). Wir sind also tatsächlich mit einem munteren Plaudergebäck in einer Bergbahn gefangen, für mindestens 40 Minuten - so lange dauert die Fahrt von La Grave bis zur Bergstation auf dem Col des Ruillans in 3200 Metern Höhe. Zeit genug, um in Ruhe darüber nachzudenken, ob man eigentlich wahnsinnig ist.

Einmal ein Sieger

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Eine Piste gibt es nicht

Beim Derby de la Meije, einem der härtesten Volksskirennen der Welt, starten bis zu 1100 Wintersportler vom Dôme de la Lauze in 3550 Metern Höhe, eine Piste gibt es nicht, das Gelände ist großteils steil bis ultrasteil und wird nicht präpariert. Es gibt Gletscherspalten, die mit roten Absperrbändern markiert sind, ansonsten existiert kein erkennbarer Streckenverlauf, jeder sucht sich seine eigene Linie. Gewinner ist, wer am schnellsten unten ankommt. Jeder fahrbare Untersatz ist zulässig - von breiten Freeride-Latten über Snowboards und Monoski bis zu Holzschlitten. Manche rutschen die knapp 2000 Höhenmeter auf Plastiktüten oder Luftmatratzen hinunter, es wurden sogar schon Fahrradfahrer auf der Strecke gesichtet.

Die besten Skifahrer sind in weniger als zehn Minuten am Ziel, viele brauchen ein bis zwei Stunden. Nicolas Anthonioz aus Les Gets gewann im Jahr 2012 in unglaublichen 5,29 Minuten - er fuhr die kürzeste und steilste Route.

Zu dem Irrsinn, mit anderen ambitionierten Amateuren um die Wette durch extrem steiles, spaltiges Gelände zu fahren, kommt noch die irrsinnige Spaßsucht der Teilnehmer. Das "Derby de la Meije", das jedes Jahr Anfang April stattfindet, ist eine Art Extrem-Fasching im Hochgebirge, bei dem gleichermaßen extrem gefeiert wie extrem Ski gefahren wird.

Eine komplette Schwarzwälder Kirschtorte mit sechs Stücken

Vor zwei Jahren wurde der Bergführer Joe Vallone zum inoffiziellen Derby-König gekrönt, nachdem er außer Konkurrenz die Extremabfahrt Pan de Rideau hinuntergerast war, lediglich mit einem Klettergurt bekleidet. Ein großer Teil der Starter absolviert das Rennen gerne in Verkleidung, noch lieber als Teil einer verkleideten Gruppe. Am Start sieht man ein Wäldchen aus acht Laubbäumen, Leute in Kuh-Kostümen (mit Euter), Pac-Man mit Früchten und Geistern, einen Arzt mit einem Team von Krankenschwestern, Hexen mit Besen als Skistöcken, sieben Zwerge. Es ist auch eine komplette Schwarzwälder Kirschtorte dabei, bestehend aus sechs Stücken. "Die anderen Tortenstücke sitzen in den Gondeln vor uns", sagt Maurice, dessen Kopf aus den lackierten Papp- und Styropor-Teilen herausragt.

Dort, wo bei einer Schwarzwälder Kirschtorte die Kirsche sitzt, soll später der rote Helm des Skifahrers aus der Verkleidung schauen. Der Plan des Kuchen-Kreises: Kerzen auf den Helmen anzünden und sich alle paar Meter zur Torte formieren. Das Sextett hat sogar Sprühsahne für die Dekoration und Kirschwasser dabei. Damit unterscheidet sich die Taktik der Torte doch recht deutlich von der Strategie der Schnellfahrer, die sich an die Devise "Gas geben und nicht stürzen" halten.