Verstecktes Kleinod Eine Stadt als Kulisse

Einmal im Jahr erwacht der verschlafene 1200-Seelen-Ort Isola Dovarese zum Leben. Dann werden der verwaiste Palazzo und die Altstadt zur Bühne für einen farbenprächtigen Palio.

Von Thomas Steinfeld

Schnurgerade führt die Autobahn durch die Po-Ebene. Auf den Schildern, die zu den Abfahrten weisen, erscheinen schöne Namen: San Benedetto zum Beispiel, wo ein gewaltiges Benediktinerkloster liegt, das einst eines der reichsten Italiens war, oder Suzzara, wo ein kleines Museum steht, das dem sozialistischen Realismus in seiner italienischen Variante gewidmet ist. Bei Mantua biegen einige der Reisenden, die auf der A 22 in die Toskana eilen, sogar ab, eines der schönsten städtischen Ensembles aus Spätmittelalter und Renaissance wegen. Aber darüber hinaus? Wen treibt es auf das flache, von Flüssen und Kanälen durchzogene Land hinaus, in eine Landschaft, die von Äckern, kleinen Pappelwäldern und den rechteckigen Fabrikanlagen und Lagerhäusern einer mittelständischen Industrie geprägt ist? Wer will die alten Gutshöfe mit ihren Zinnen und Türmen sehen, die sich dort zwischen Misthaufen und Silo erheben, und die doch nicht bestehen können neben den modernen Hallen, in denen tausend Kühe und mehr stehen? Unter den italienischen Regionen ist der untere Teile der Po-Ebene, die "Bassa padana", für den Touristen eine der schwierigsten, weil sich erst bei genauem Hinsehen erschließenden Landschaften.

Ein Repräsentationsbau, ganz sich selbst überlassen, mit verwitternden Bogengängen

Es muss ein Zufall sein, wenn es einen Reisenden nach Isola Dovarese verschlägt, ein Dorf auf halbem Weg zwischen Mantua und Cremona, am Ufer des Flusses Oglio gelegen. Und doch gibt es dort Dinge zu erleben, die einen Touristen mehr als einen Tag beschäftigen können, gleichsam im Innersten des italienischen Nordens. Da ist zuerst das Dorf selber: Es hat nur zwölfhundert Einwohner. Diese aber verbergen sich hinter einer gigantischen viereckigen Piazza, die auf drei Seiten von einer zweistöckigen Kulissenarchitektur aus dem 16. Jahrhundert eingefasst ist. Bekannt, touristisch erschlossen und ins Welterbe der Unesco aufgenommen ist die nicht weit von hier liegende Stadt Sabbioneta, die als ideale Stadt der Renaissance gebaut und nie wirklich bewohnt wurde. In Isola Dovarese aber steht ein solcher Repräsentationsbau ganz sich selber überlassen, mit seinen langen Bogengängen und den Portalen, auf denen die Bezeichnungen längst vergangener Gewerbe verwittern. Wer an einem feuchten Wintertag in Melancholie vergehen will - für einen solchen Menschen ist die Piazza Matteotti der rechte Ort, auch wenn der Wochenmarkt ihn hoffentlich rechtzeitig aus seinen nebligen Träumen holt.

An der südlichen Seite der Piazza liegt ein kleiner Palast aus dem 18. Jahrhundert, der "Palazzo Quaranto", dessen Anfänge darauf zurückgehen, dass sich irgendwann eine Seitenlinie der Gonzaga, des Fürstengeschlechts aus Mantua, hier niedergelassen hatte. Im 19. Jahrhundert übernahm der örtliche Landarzt das prächtige Gebäude. Danach wurde es immer wieder umgebaut, sodass sich der Klassizismus der Anlage jetzt mit sehr viel italienischem Jugendstil, dem "Liberty"-Stil, und beträchtlichen Mengen an Neobarock mischt. Ein Hotel ist jetzt in diesem Gebäude untergebracht, mit acht Zimmern, die größtenteils auf die Piazza hinausschauen und mit einer provinziellen Pracht ausgestattet sind, die man für eine sehr italienische Anverwandlung vergangener historischer Größe halten muss - und die zu Spekulationen herausfordert, wer denn ein Bad vom Format eines Salons nutzen soll, ein Geschäftsreisender für Landmaschinen, ein Gourmet auf der Suche nach der besten Salami, eine Filmhistorikerin, die eine Dokumentation zu den Drehorten von Bernardo Bertoluccis "1900" vorbereitet und die riesige Scheune sehen will (sie liegt drei Dörfer weiter), in der im Film das große Fest ausgerichtet wird?

Informationen Gemeinde Isola Dovarese: http://www.proloco-isola.org/ Hotel-Restaurant Palazzo Quaranta: www.palazzoquaranta.it/ Caffè La Crepa: caffelacrepa.net/ Trattoria dell'Alba: www.trattoriadellalba.com/

Im Erdgeschoss liegt ein Restaurant, zu dem in der warmen Jahreszeit auch die Tische vor dem Haus gehören. Von dort ist die Piazza ganz zu überschauen. Nichts passiert, abgesehen von den paar Tagen im September, in denen das Dorf (wie so viele andere Dörfer in Italien) seinen "Palio", sein mittelalterliches Festival, feiert. Die Bauern kommen vorbei und trinken an der Bar einen Caffè. Ein paar Auswärtige besuchen den Markt und bleiben zum Essen. Ein älterer Herr ist für das Wochenende mit seiner weitaus jüngeren Geliebten unterwegs. Die "Ape", das dreirädrige Lastenmoped mit der Kabine, ist immer noch im Gebrauch. Der Koch würde nie auf den Gedanken kommen, ein Gericht zuzubereiten, das nicht in dieser Gegend zu Hause ist. Es gibt Ente, wenn Enten geschossen werden dürfen, Trüffeln, wenn Trüffeln zu finden sind, und Radicchio, wenn im Februar die Zeit für die frühesten Varianten gekommen ist. Außerhalb des Dorfes, am Oglio, gibt es "Il Molino Vecchio", ein Restaurant für Feinschmecker, dessen Ruf weit über die Region hinausreicht. Aber dort vermisst man das Dorf, und bald fehlt dem Besucher auch der Koch, und er fehlt besonders, weil man weiß, dass er sehr traurig über die leer gebliebenen Tische blicken kann.

Wer einen Ausflug machen will, kann sich auf die andere Seite des Platzes begeben. Dort gibt es noch ein Restaurant, das ländlich wirkt, in dem aber ebenfalls sehr gut gekocht wird: das "Caffè la Crepa". Und, ja, auch eine Pizzeria gibt es an der Piazza. So oft man nach Isola Dovarese zurückkehrt: Es bleibt ein Rätsel, wie sich bei so wenigen Einwohnern die Gastronomie erhalten kann. Vielleicht müsste man für diesen Ort eine neue Form des Tourismus erfinden, unter der Rubrik "Reisen in die tiefste Provinz". So können angenehme Tage entstehen, und nicht nur träge Zeiten des Essens, Trinkens und Schlafens. Wer etwas tun will, geht an den Fluss, der von einem Landschaftspark gesäumt wird, dessen Anblick vergessen lässt, dass es je so etwas wie eine industrialisierte Landwirtschaft gab. Man kann weit gehen, immer auf den oft nur geschotterten Trassen, die auf den Dammkronen verlaufen. Wer ein robustes Rad dabeihat, kann diese Wege auch befahren - der meist ausgeschilderte Radweg beginnt am Lago d'Iseo, zwischen Brescia und Bergamo, und soll, so geht wenigstens das Gerücht, erst an der Adria enden.

Kaum vierzig Kilometer weiter liegen Cremona und Mantua und die Gegend, wo Verdi lebte

Und wer schließlich von einem plötzlichen Interesse an der Kultur und der Geschichte ergriffen wird, der könnte einen Zirkel nehmen und um den Ort herum einen Kreis von vierzig Kilometern schlagen: Cremona befände sich darin, aber auch San Giovanni in Croce mit der Villa Medici del Vascello, Mantua und Sabbioneta, aber auch Busseto und die Gegend, in der Giuseppe Verdi lebte. Und wenn er dann schon unterwegs ist, sollte er, dem traurig blickenden Koch im "Palazzo Quaranta" zum Trotz, in einem anderen Lokal einkehren: in der "Trattoria dell' Alba" in Piadena. Es liegt an der Ausfallstraße nach Mantua und gleicht von außen einer Bar für die Haltlosen des Lebens. Die Speisekarte ist hübsch, aber nutzlos. Fragen Sie Omar, den Wirt. Er macht das schon.