USA Einmal von der Wall Street ans Meer, bitte

Sieht fast aus wie eine Privatyacht, ist aber ein öffentliches Verkehrsmittel: die neue Fähre zur Halbinsel Rockaway.

(Foto: Bryan Smith/AFP)

Eine neue Fähre bringt New-York-Besucher an den längsten Stadtstrand der USA. Was die Verbindung bietet - und welche Enttäuschung an Bord und am Ziel wartet.

Von Johanna Bruckner

Das schönste Accessoire der Modestadt New York ist das Wasser. Nur viel anzufangen wusste der Big-Apple-Besucher damit bislang nicht. Gut, er konnte mit dem Jet-Ski einmal rund um Manhattan fahren - für ambitionierte 330 Dollar. Oder in der Oyster Bar im Grand Central Terminal Austern schlürfen, die günstigsten Sorten kosten etwa zwei Dollar das Stück.

Oder er kaufte sich im Battery Park an der Südspitze Manhattans eine "Pretzel" und blickte über das Wasser in Richtung Freiheitsstatue. Auf dem geschmacklich enttäuschenden Snack herumkauend konnte er zum Ergebnis kommen: unbefriedigend das Ganze. New York als Stadt am Wasser? Abgesoffen.

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Eine einfache Fahrt kostet nur 2,75 Dollar - so viel wie ein Ticket für die U-Bahn

Doch damit soll nun Schluss sein. Der Betreiber NYC Ferries hat für dieses Jahr drei neue Fähr-Routen angekündigt. Sie sollen die bereits existierende East-River-Verbindung ergänzen, die von Midtown Manhattan aus unter anderem die beliebten Viertel Williamsburg und Dumbo in Brooklyn ansteuert. Künftig soll es daneben eine Fährlinie nach Queens geben, eine weitere nach Downtown Brooklyn, und bereits seit Anfang Mai verkehren Fähren nach Rockaway - eine Halbinsel im Südosten von Brooklyn. Besonders letztere Route könnte das Urlaubsgefühl in New York verändern. Denn Rockaway ist neben Coney Island die nächstgelegene Möglichkeit, einen Städtetrip mit einem Tag am Strand zu verbinden.

Das Angebot klingt vielversprechend: Eine einfache Fahrt kostet 2,75 Dollar und damit genauso viel wie ein Ticket für die U-Bahn. Die Fahrtzeit des Schienenwegs soll sogar um mindestens zehn Minuten unterboten werden. Minuspunkt: Die Schiffe fahren im Gegensatz zur U-Bahn nur einmal in der Stunde.

Los geht es an Pier 11, auf Höhe der Wall Street. Das Boarding per Handyticket verläuft komplikationslos. Alternativ gibt es sämtliche Ticket-Optionen im kleinen Terminal an der Anlegestelle zu kaufen. Die Fähre, die im Innenraum über 129 Plätze verfügt und an Deck noch einmal 28 Sitzgelegenheiten bietet, ist an diesem Tag nur spärlich besetzt. Es hat nicht einmal 20 Grad, dazu hängt der Nebel tief über der Stadt - und das im Juni. Passenderweise trägt das erste Segelboot, das an der Fähre vorbeigleitet, den wunderbar ironischen Namen "Knot Dreamin'". Man möchte dem unbekannten Segler mit Sinn für nautische Wortspiele gerne einen Gruß hinüberrufen. Nur: Es ist zu kalt, um draußen zu sitzen. Und ohnehin muss die Internetsuche nach amerikanischen Seemannsformeln entfallen, denn das beworbene freie Wifi existiert noch nicht.

Nach einer Viertelstunde hält die Fähre zum ersten Mal, die Station ist im Fahrplan als Sunset Park ausgewiesen. Der Beiname Brooklyn Army Terminal trifft es eher. Architektonisch ist die Gegend trostlos, trotzdem lohnt es sich, hier auszusteigen. Der nahegelegene Friedhof Greenwood Cemetery gehört zu den schönsten Parkanlagen New Yorks. Und wer den jüngsten Avocado-Hype ausprobieren möchte oder Lust auf einen Döner Berliner Art hat, ist in der Industry City bestens aufgehoben. Das Areal ist ein Anziehungspunkt für Künstler und Kreative.

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Feiner Sand und Atlantischer Ozean, so weit das Auge reicht

Nördlich der Anlegestelle Sunset Park, etwa einen einstündigen Fußmarsch entlang des Wassers, liegt das ehemalige Industrieviertel Red Hook. Von hässlichen Lagerhallenwänden lächeln einem dort die dunklen Augen einer kunstvoll aufgesprühten Schönheit entgegen. Und der Verkäufer in der kleinen Whisky-Brennerei Widow Jane, in die man durch Zufall hineinstolpert, weist stolz darauf hin, dass sämtliche Maschinen aus Deutschland stammten. Tatsächlich hat Red Hook wohl nur deshalb noch nicht den Status, das neue Williamsburg oder Bushwick zu sein, weil es so abgeschieden liegt. Die nächste U-Bahn-Station ist ein Dutzend Blocks entfernt. Demnächst soll eine Fähranlegestelle hinzukommen.

Apropos: Wer einfach auf der Fähre geblieben ist, sieht bald linker Hand die Riesenräder und Achterbahnen von Coney Island vorbeiziehen. Davon einmal abgesehen ist das gebotene Panorama eher unromantisch: Direkt hinter der Strandlinie beginnen die Hochhaussiedlungen. Idyllisch wirkt dagegen die Nordseite von Rockaway, hier reihen sich weiße Strandhäuser mit vorgelagerten Veranden aneinander. Wer deshalb an der Anlegestelle auf die Atmosphäre eines pittoresken Hafenstädtchens hofft, wird enttäuscht. Den Fährtouristen erwartet eine vierspurige Straße.

NYC Ferries bietet von der Anlegestelle kostenlose Shuttle-Busse in den Osten der Halbinsel und in den westlich gelegenen Jacob Riis Park. Wer einfach nur an den Strand möchte, quert die schmale Halbinsel in weniger als zehn Minuten - und wird auf der Südseite für alles entschädigt: vom fehlenden Wlan an Bord bis zur fehlenden Sonne, die die soziale Realität in Rockaway freundlicher erscheinen lassen würde. Dort nämlich gibt es den längsten Stadtstrand der USA, feinen Sand und Atlantischen Ozean, so weit das Auge reicht. An diesem Juni-Tag etwa fünf Meter weit. Dann beginnt der Nebel.

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