Unterm Berg Wilde Unterwelt

Die Kreidelucke ist Teil eines Höhlensystems zwischen Großem Priel und Großem Pyhrgas. Der Besuch führt in eine kühle Welt, in der einem die Sinne auch mal einen Streich spielen.

Von Christian Döbber

Der Fels riecht nach Kaiserschmarrn. Der Tropfstein duftet nach Puderzucker. Wie kann das sein? "Überhaupt nicht", sagt Heli und lässt den Schein seiner Stirnlampe an der Höhlendecke entlangwandern. "Der Berg spielt dir einen Streich." Hier unten, knapp einen Kilometer tief im Fels der Kreidelucke, kommen die menschlichen Sinne gehörig durcheinander. Es ist feucht, stockdunkel und vollkommen still. Lautlos schwirren die Fledermäuse durch die Höhlenzimmer. Der Atem wird vor dem Gesicht sofort zu Nebel. Etwas riechen? "Kann man in der Höhle nicht", beharrt Heli. "Es gibt ja nur Fels und Wasser; und die haben keinen Eigengeruch."

Widersprechen will man dem kleinen drahtigen Mann jetzt lieber nicht. Immerhin ist Heli Steinmassl der Einzige, der einen aus dieser feuchten Finsternis wieder zurück ans Tageslicht bringen kann. Die Kreidelucke bei Hinterstoder ist ein herausfordernder Ort. Nicht nur, weil sich die Nase des Höhlenbesuchers erst einmal an das olfaktorische Niemandsland gewöhnen muss. Jeder Schritt, den man hier mit Gummistiefeln an den Füßen und Stirnlampe auf dem Kopf tut, sollte wohl überlegt sein. Das rund einen Kilometer lange Felslabyrinth wurde nicht wie andernorts in den Alpen für Touristen zu einem Entertainmentpalast unter Tage ausgebaut. Bequeme Holzpfade gibt es nicht, sichernde Geländer sind nur an den steilsten Stellen verbaut und Lichtinstallationen, die den Fels in ein schummrig-mystisches Licht tauchen, sucht man hier vergebens. Stattdessen laufen Besucher in der Kreidelucke auf nacktem Fels, sie klettern mit der Stirnlampe durch steile Schächte, durchwaten kleine Seen - und werden mit Sicherheit nass.

Enge Kamine, eisige Seen: Die Kreidelucke ist längst nicht vollständig erforscht. Ohne Führer dürfen keine Besucher hinein.

(Foto: Christian Döbber)

"Du hast nichts zum Wechseln dabei? Selber schuld", feixt Heli Steinmassl bester Laune, als das eisige Wasser des kleinen Höhlensees langsam in die Gummistiefel rinnt. Der 59-Jährige ist ausgebildeter Höhlenführer und erforscht seit Jahren die Unterwelt in den Kalkalpen. Ohne ihn oder einen seiner Kollegen vom Nationalpark dürfen Touristen die Kreidelucke nicht betreten. Zu schnell kann das Wasser bei Gewitter ansteigen. Zu verschachtelt und verwinkelt ist dieser tiefe Schlund, der einer Sage nach vom erzürnten Teufel höchstpersönlich in den Berg getreten worden sein soll, als es ihm nicht gelang, die frommen Leute von Hinterstoder zur Abkehr zu bewegen. Der Zorn ist heute verschwunden, die Höhle ist ein friedlicher Ort. Diabolisch muten höchstens noch die Fledermäuse an, die schlafend an der Höhlendecke hängen.

Maximal 1200 Besucher dürfen die Kreidelucke pro Jahr betreten; und das auch nur in der Sommersaison, um die tierischen Bewohner bei ihrem Winterschlaf nicht zu stören. Überhaupt geht man in Pyhrn-Priel schonend um mit dem größten Schatz, den die Region zu bieten hat: den für die Alpen vergleichsweise naturbelassenen Bergen. Massentourismus gibt es hier so gut wie nicht. Auf den vielen Wanderwegen ist man besonders im Frühjahr fast alleine unterwegs. Wer sich auf der Alm stärken will, muss nicht lange Schlange stehen. Und selbst im Winter ist es ruhig, große Skischaukeln sucht man vergebens.

Noch ruhiger geht es in Pyhrn-Priel unter Tage zu. Die Kreidelucke ist die einzige Schauhöhle in der Region. Dabei gäbe es noch viel mehr zu entdecken zwischen Großem Priel und Großem Pyhrgas. Rund 2500 Schächte, Tunnel und Stollen mit Längen bis zu 145 Kilometern sind allein im Toten Gebirge dokumentiert. Mindestens noch einmal so viele, schätzen Experten, schlummern aber noch unentdeckt in den Karstmassiven vor sich hin, wurden noch nie von einem Menschen betreten.

Das zu ändern, ist Heli Steinmassls Lebensaufgabe. "Unsere Berge sind wie ein Schweizer Käse. Und ich kümmere mich um die Löcher", sagt er. Als kleiner Bub, aufgewachsen im Voralpenland, sah er vom Kinderzimmerfenster sehnsuchtsvoll in die Ferne, Richtung Berge. Mit 18 Jahren ist Heli abgehauen, um sich in den Gebirgen dieser Welt auszutoben. Er durchquerte halb Alaska auf Skiern, flog aus 6000 Meter Höhe mit dem Gleitschirm die peruanischen Anden hinunter und verlor zwei Freunde beim Versuch, den K 2 im Himalaja zu bezwingen. Heute durchleuchtet Heli Steinmassl die Unterwelt von Pyhrn-Priel - und macht als Höhlenführer mit seinen Gästen gerne mal Stuhlkreis im Untergrund.

Reiseinformationen

Führungen durch die Kreidelucke sind von Mai bis September buchbar unter www.kalkalpen.at/de. Führungen mit Heli Steinmassl: heli.steinmassl@aon.at. Gasthaus Seebauer am Gleinkersee: www.gleinkersee.at/gasthaus.html. Weitere Informationen: www.urlaubsregion-pyhrn-priel.at

"Jetzt schalten wir unsere Lampen aus", sagt Heli und kniet sich auf den kalten Höhlenboden. Nach und nach erlöschen in der Runde die Lichtkegel. Es ist stockdunkel, niemand rührt sich, der Atem stockt. So sehr man die Augen auch aufreißt, man sieht nichts. "Das macht einigen Angst", weiß Heli. Manchmal geraten selbst gestandene Männer bei diesem Teil der Höhlenführung in Panik. Doch Steinmassl kennt den Weg so gut, zur Not würde er auch blind aus der Kreidelucke herausfinden.

Zwischen 200 und 300 unterirdische Senken, Grotten, Höhlen und Tunnel hat der Österreicher schon entdeckt. Inzwischen gehen ihm schon die Namen aus. Als Entdecker einer Höhle hat er das Recht, sie zu benennen. Das fiel Heli nicht schwer, als er 1999 seinen größten Fund machte. Ein Windzug aus einem Felshaufen hat ihm im Nationalpark eine Riesenhöhle verraten, in der die Dicke Berta, ein 18 Meter hoher Tropfstein, steht. An den Tag erinnert er sich genau. "Meine Frau lag im Kreißsaal, so schnell war ich noch nie wieder unten im Tal", sagt Heli. Seitdem heißt die Höhle wie seine Tochter: Klara.

Nach einer guten Stunde in der Finsternis taucht am Ende des Tunnels das Tageslicht wieder auf. Es wird schlagartig wärmer, in den Pfützen schwimmt der Bergsalamander-Nachwuchs, das Leben kommt zurück und mit ihm der Geruch der Welt. Alles duftet so intensiv wie noch nie zuvor: der rauschende Bach am Höhleneingang, der feuchte Waldboden, die Buschwindröschen. Und der Kaiserschmarrn? "Den hast du doch schon vor Stunden auf der Alm verdrückt", sagt Heli und grinst. Der Berg scherzt halt gerne mit seinen Gästen.