Ungewöhnlich Übernachten in London In Tricias Garten

Lust auf Olympische Spiele, aber nicht auf horrende Hotelpreise? Kein Problem, man kann jetzt auch auf dem englischen Rasen von Londoner Hausbesitzern zelten - und erlebt dabei Dinge, die kein Luxushotel bietet.

Von Hans Gasser

Der Wetterbericht verheißt nichts Gutes. "Heavy rain" sagt die BBC vorher, teilweise könne es sogar zu "sintflutartigen" Schauern kommen. Nun gut, London ist nicht gerade für seine vielen Sonnenstunden bekannt. Als Tourist muss man damit rechnen. Gehört irgendwie dazu. Kann einem auch egal sein, weil man die meiste Zeit ohnehin in Museen, Bars oder Hotelzimmern verbringt.

Im schönen Garten von Tricia Jones im Nordosten kann man während der Olympischen Spiele campen. Die Nächte können da schon mal feucht werden.

(Foto: Gasser)

Mir ist es nicht egal. Denn ich werde campen. Und zwar im Garten von Tricia Jones. Mitten in East London, zwei U-Bahnstationen nördlich des Olympiaparks. Tricia Jones habe ich im Internet kennengelernt. Auf der Seite campinmygarden.com bietet sie, wie mehrere andere Londoner, ein paar Quadratmeter englischen Rasens in ihrem Garten an, damit auch Normalverdiener sich das Übernachten während der Olympischen Spiele leisten können.

"Meine Tochter denkt, ich bin total verrückt geworden", sagt Tricia, während sie mich von der U-Bahnstation Leytonstone abholt und durch endlose Reihenhausstraßen zu ihrem Haus fährt. Ihre Tochter habe den Sohn des Erzdiakons von Lichfield geheiratet, und nun so was: "Bestimmt lässt sie sich bald von mir scheiden!" Tricia ist 64 und sie hat Humor. Von der Garten-Camp-Idee hat sie aus dem Fernsehen erfahren und sich gleich angemeldet. "Ich dachte an Familien, aber bisher hat sich niemand gemeldet, die Website kennt wohl keiner."

Der Garten ist schöner, als die Bilder im Internet vermuten ließen: Eine Palme steht da, üppig gedeihen Rosmarin und Lavendel, die Rosen blühen. Und ganz hinten, am Ende der schmalen Parzelle, neben dem Gartenhäuschen, steht bereits ein blaues Zelt. Ein Freund hat es Tricia gebracht und auch gleich aufgebaut. So musste ich keines aus Deutschland mitbringen, nur Schlafsack und Isomatte.

Der Freund hat auch gleich eine dicke Schaumgummi-Matratze reingelegt. Camping de luxe. Beunruhigend ist lediglich, dass das Zelt nur eine Haut hat. Aber zumindest steht "weather tested" drauf.

Vorerst wird das Wetter an diesem Abend immer schöner - entgegen allen Vorhersagen. Tricia kann es kaum glauben: "Du hast den deutschen Sommer mitgebracht", sagt sie und öffnet eine Flasche französischen Weißweins. Die Sonne bricht durch die Wolken, und wir beschließen, ein Barbecue zu veranstalten. Schließlich habe ich als Gastgeschenk nicht nur deutsches Wetter, sondern auch deutsche Würste dabei, Nürnberger für den Abend, Weißwürste und süßen Senf fürs Frühstück.

Trotz meiner Beteuerung, man esse die in München nur vor zwölf Uhr, landen sie, in Stücke geschnitten, aber vorschriftsmäßig gekocht, am Abend neben den gegrillten Nürnbergern und dem asiatisch gewürzten Hühnchen.

Beim Barbecue sind auch Tricias drei Untermieter dabei. Sie habe schon seit 30 Jahren Untermieter, erzählt sie. Zunächst, um als Alleinerziehende ihre beiden Kinder durchzubringen, "und ich habe einfach gerne Gesellschaft". Alle probieren von den Weißwürsten und loben sie artig, vor allem den Senf. Tricias arthritischer Hund Thess und ihre drei Katzen streichen um die Tische. Irgendwann kommt das Gespräch auf Olympia.

Alle haben vor, während der Spiele aus der Stadt zu flüchten. "Der öffentliche Verkehr funktioniert ja jetzt schon nicht", sagt Toby Hunt, ein schmächtiger, lustiger Typ. Er werde zum Glück in Buxton sein, um beim Opernfestival "Gilbert & Sullivan" zu singen.

Nach dem Essen und inständigem Bitten der bereits angeheiterten Gesellschaft holt er sein E-Piano, baut es im Garten auf und beginnt zu singen - mit einem überwältigenden Bariton. Neapolitanische Liebeslieder hat er genauso drauf wie die komischen Opern von Gilbert & Sullivan oder Presleys "Falling in love". Bei manchen Liedern singen alle mit. Als Vorgartencamper rechnet man ja mit vielem: Ratten, Gangstern, Schlamm - aber eher nicht mit einem privaten Opernabend. Doch dann kommt die Nacht.