Übernachtung auf dem Portaledge Schlaf nur für Schwindelfreie

Aufregend oder einfach nur lebensmüde? In den Bayerischen Alpen bei Oberammergau können Abenteurer zwischen Berg und Himmel übernachten, direkt in der Steilwand. Eine Nacht am Abgrund.

Von Marlene Weiss

Von Weitem sieht die Felswand steil aus. Genaugenommen ziemlich senkrecht. Von der Oberkante aus wirkt sie noch etwas senkrechter; und das schöne Städtchen Oberammergau liegt bedenklich weit in der Tiefe. Hier oben soll man übernachten? Und zwar nicht an, unter, neben oder über der Wand, sondern mittendrin.

Oberammergau ist eine Gemeinde im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Die jungen Wilden machen zwar anderswo Urlaub - aber auch hier warten Abenteuer.

(Foto: SZ Grafik)

Es ist nichts für Menschen mit Höhenangst, was Bergführer Simon Bartl seit Kurzem auf dem Laber bei Oberammergau anbietet: Eine Übernachtung in der Felswand. Schlafen auf einem Portaledge, einer in den Fels gehängten Pritsche, wie sie Extremkletterer bei langen Kletterrouten verwenden.

Als Übernachtungsgast muss man nicht unter Einsatz von Leib und Leben die Wand von unten erklettern, sondern läuft bequem den Wanderweg zum Gipfel hoch und geht dann ohne weitere Anstrengungen direkt zum gemütlichen Teil über. Später kann man dann in jedes Gespräch mit Hobbykletterern beiläufig Sätze einflechten, die mit Variationen von "Letztens auf dem Portaledge" beginnen. Das war jedenfalls der Plan. Aber kurz vor der Testübernachtung am Kofel, quasi Nachbarberg des Laber, machen sich leise Zweifel breit.

Von einer Wiese knapp unterhalb des Gipfels aus sieht man die steile Nordwand mit der Schlafstätte: Nebeneinander schweben da zwei 1, 30 mal zwei Meter breite Matten mit Platz für je zwei Personen, auf Rahmen gespannt. Mit Bändern sind sie an je einem in die Wand gebohrten Haken befestigt, der mit einem zweiten gesichert ist, eine luftige Angelegenheit. Und es geht ja nicht darum, darauf mit zusammengebissenen Zähnen kurz auszuharren. Nein, entspannen, hinlegen, die Augen schließen soll man, eine ganze Nacht lang. Diesen feinen Unterschied hätte man sich vielleicht vorher klarmachen sollen.

Aber für solche Bedenken ist es jetzt zu spät. Immerhin, Simon wirkt nicht wie ein Hallodri, trotz wildem Lockenkopf, wettergegerbtem Gesicht und jugendlichem Strahlen. In aller Ruhe schaut er die Ausrüstung durch, verteilt zusätzliche Karabiner und feste Bandschlingen, mit denen die beiden Übernachter und das Material später am Berg verankert werden sollen. Er prüft noch, ob der Klettergurt richtig angelegt ist, dann geht es zum Probeliegen.