Tourismus Sage mir, wohin du reist, und ich sage dir, wer du bist

Manche Region und Stadt kann den Touri-Ansturm kaum noch bewältigen. Dies liegt auch daran, dass Reisen nicht mehr nur der Erholung dienen soll, sondern auch als Ausdruck der Persönlichkeit gilt.

Kommentar von Matthias Drobinski

Selbst wenn die Welt in den Fugen ächzt - sie reisen, die Deutschen. Viele werden bald durchs eigene Land fahren, noch mehr aber werden sich in aller Welt auf Campingplätzen drängen oder an Hotelbars abhängen, sich auf alten Inkapfaden Blasen laufen oder die Einsamkeit Kareliens mit Millionen Mücken teilen. Die Lage ist sehr gut für die Tourismusbranche. Selbst Ägypten und die Türkei hoffen, dass die Fremden wieder kommen, fasziniert von Gastfreundschaft, Kultur und Schnäppchenpreisen, unbeeindruckt von den regierenden Autokraten.

Die Leute reisen inzwischen so sehr, dass sich die gerade auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin versammelten Anbieter besorgt fragen: Wann wird das zu viel? Städte wie Venedig, Barcelona, Amsterdam; Inseln wie Mallorca und diverse Alpenregionen wehren sich mittlerweile gegen die Besucherströme. Der Tourismus gibt Millionen Menschen Arbeit, aber er frisst auch Natur und Kultur und teilt die Welt in Wohlhabende und jene, die den Wohlhabenden dienen.

Gesucht: Kulturell interessierter Tourist, der leise feiert

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Eine für Reisende und Einheimische gleichermaßen freundliche Lösung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Es spricht viel dafür, dass sich die Konflikte rund um den weltweiten Tourismus verschärfen werden. Der Urlaub dient ja längst nicht mehr einfach der Erhaltung und Wiederherstellung der Arbeitskraft. Er ist Teil des Lebensgefühls und der Lebensdeutung geworden. Und die Antworten auf die Frage "Wo fahrt Ihr hin dieses Jahr?" bringen die feinen sozialen Abstufungen einer Gesellschaft zum Vorschein.

Es genügt ja nicht mehr, sich über die Alpen zu stauen und an den Adriastrand plumpsen zu lassen. Ziel und Art der Reise gehören zum kulturellen Kapital, das es anzusammeln gilt; je origineller der Trip, desto höher der Ertrag: Wenn schon Mallorca, dann Extremradeln über Frühlingshügel, wenn schon Italien, dann die Genussreise für Weinkenner - oder mit dem Postschiff zum Nordkap, zu Fuß über die Anden, mit dem Jeep durch Afrikas Steppen, per Air- bnb Tür an Tür mit den Einheimischen.

Wohin und wie jemand reist, sagt heute viel über seinen gesellschaftlichen Status aus

Solche Reisen bedrohen manchmal Natur und Kultur der Gastgeber stärker als der klassische Massentourismus: Der Massentourist bleibt, übersichtlich gepfercht, brav wie faul am Strand und im Hotel; die Sehnsucht nach dem Authentischen aber bringt den Haufen der Individualisten in Gegenden, denen zu viele Individualisten überhaupt nicht guttun. Viele dieser Individualisten merken das, gebildet, politisch bewusst und menschlich sensibel, wie sie sind. Doch da sind die einmaligen Reiseeindrücke, ist das aufregend andere Leben auf Zeit, da ist das Stück Weltläufigkeit, das man mit nach Hause bringt. Wenn das den gesellschaftlichen Status mehr beeinflusst als das schöne Auto in der Garage, dann bleibt dem sensiblen Heimkehrenden ein Moment des schlechten Gewissens - bis er das nächste Mal die Koffer packt.

Gut, dass die Tourismus-Manager das Dilemma sehen. Besser, wenn sie auf die Proteste der geplagten Einheimischen reagieren; wenn sie selber dem kurzfristigen Gewinnstreben Grenzen setzen, Bettenzahlen begrenzen, Wasser sparen, regional Lebensmittel kaufen, Angestellte fair bezahlen. Gut aber auch, wenn die Reisenden wissen: Unsere Sehnsucht nach dem Fernen, Fremden und Einmaligen verursacht Kosten. Und die sollten die Einheimischen nicht allein tragen.

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