Internationale Tourismus Börse ITB Wie die Reiseindustrie den Urlaubern die Verunsicherung nehmen will

Urlauber in der Bucht von Paguera auf Mallorca

(Foto: dpa)

Viele Veranstalter meiden dieses Jahr Länder wie Ägypten oder die Türkei. Dafür erhalten längst aus der Mode gekommene Ziele eine zweite Chance.

Kommentar von Michael Kuntz

Mehr Menschen als in früheren Jahren zögern in diesem Frühjahr beim Buchen ihres Sommerurlaubs. Sie lassen sich nicht mehr von der Reiseindustrie mit ihren gewohnten Frühbucherrabatten dazu bringen, sich für die große Ferienreise zeitig zu entscheiden und schon mal eine Anzahlung zu leisten. Für die Urlaubsbranche ist das ungewohnt und unbequem. Es ist eine Situation, die ihr Geschäftsmodell einmal mehr auf den Prüfstand stellt.

Offensichtlich ist bei den grundsätzlich konsumfreudigen und stets urlaubsbereiten Verbrauchern eine Verunsicherung angekommen, wie es sie bisher nicht gab. Terroristische Anschläge in Serie ereigneten sich in Tunesien, Ägypten und der Türkei. Hinzu kommen Unruhen in den politischen Zentren dieser Länder. Mit der Türkei fällt erstmals eines der beliebtesten Reiseziele weitgehend aus. Die Anschläge in Paris brachten die Gewalt in eine bislang nicht gekannte Nähe.

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Die Reiseveranstalter bieten alles an, was gefragt sein könnte

Das alles erzeugte ein Gefühl der Unsicherheit und den Wunsch nicht zuletzt bei vielen Familien, erst einmal abzuwarten und sich nicht Monate im Voraus beim Urlaubsziel festzulegen. Reiseveranstalter reagieren mit der Möglichkeit, bis einige Wochen vor der Abreise umzubuchen. Vor allem aber bieten sie Alternativen an zu den weniger gefragten Reiseländern. Während zuletzt Pauschalurlauber immer häufiger in das östliche Mittelmeer, nach Ägypten und vor allem in die Türkei geflogen wurden, sind jetzt wieder die traditionellen Sonnenziele im westlichen Mittelmeer gefragt. Also Spanien, Portugal, Italien, auch Griechenland. Plus Bulgarien als Ersatz für Billigziele.

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An dieser Entwicklung wird wohl auch die Internationale Tourismus Börse ITB diese Woche nichts ändern, auf der sich die Urlaubsländer der Welt von ihrer attraktivsten Seite zeigen. Die Berliner Messehallen verwandeln sich in eine farbenfrohe Traumwelt voller Urlaubsglück, wie man sie aus den Reisekatalogen kennt.

Doch Glück und Unglück liegen auch im Tourismus nah beieinander. Wie wohl kaum ein anderer Wirtschaftszweig passt sich die Reiseindustrie den rasch wandelnden Wünschen ihrer Kundschaft an. Für die Hoteliers und anderen Dienstleister in den nicht mehr so gefragten Gebieten mag es bitter sein, wenn die Charterflieger von Antalya oder Luxor umgeleitet werden auf die Kanaren oder Balearen. Und die für die Volkswirtschaft vieler Länder so kostbare Fracht nun anderswo landet. Politische oder ethische Grundsätze gelten dabei weniger, es geht mehr um Angebot und Nachfrage. Wir sind doch nicht auf einer Mission, erläuterte Tui-Chef Friedrich Joussen im SZ-Interview das Geschäftsprinzip des weltweit größten Reiseveranstalters.

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Zu Hause bleiben? Für die meisten keine Alternative

Nicht zu verreisen und einfach zu Hause zu bleiben ist für die meisten Menschen auch in schwierigen Zeiten keine Alternative. Denn der Wunsch nach einer Unterbrechung des Alltags durch eine vergleichsweise unbeschwerte Zeit bleibt. Für arbeitende Menschen besteht ja auch schlicht die Notwendigkeit, sich zu erholen für die nächste Runde in ihrem Berufsleben.

In einer Zeit der allgemeinen Verunsicherung weniger ausgeprägt ist allerdings der Wunsch, neue Umgebungen, Menschen oder gar Kulturen kennenzulernen. Das ist neben dem Wunsch nach dem Entfliehen vom Alltags normalerweise das zweite Grundbedürfnis bei einer Urlaubsreise. Die Suche nach Neuem spielt derzeit keine so große Rolle.

In einem getroffenen Land

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In Zeiten allgemeiner Verunsicherung eher gefragt ist das vertraute Reiseziel. Der Küstenort in Spanien etwa, wo man schon mal war. Oder der Kluburlaub, an den man sich angenehm erinnert. Längst aus der Mode gekommene Ziele erhalten eine zweite Chance. Zumal die Menschen sich vor allem an die positiven Aspekte eines früheren Urlaubs erinnern und unangenehme Begleiterscheinungen gern aus dem Gedächtnis verdrängen.

Mit dem Auto an den See

Im Übrigen verzichtet ohnehin knapp die Hälfte der Deutschen auf die Dienste von Reiseveranstaltern und -vermittlern. Viele setzen sich ins Auto und fahren an die See oder in die Berge, im Inland und gern immer wieder an den gleichen Ort. Rein rational spricht derzeit einiges für eine individuelle Autoreise in eine Ferienwohnung. Keine Flughäfen, keine Menschenmassen. Das haben übrigens die Reiseveranstalter inzwischen auch erkannt. Mit neuen Angeboten und komfortablen Internetportalen drängen sie auf diesen bislang noch nicht so stark professionalisierten Markt für Einzelreisende. Alles, was gefragt sein könnte, wird angeboten.

Die Reiseindustrie betreibt Kundenorientierung in reinster Form: Der Wunsch des Kunden ist das Ziel, den es zu erfüllen gilt. Das kann morgen dann auch schnell wieder der Urlaub in der Türkei sein.

Reiseziele für 2016

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