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Tourismus in Las Vegas Das Versprechen von Sünde und Sorglosigkeit gilt nicht mehr

Das bittere Ende eines Traums: Vor den tödlichen Schüssen lockte Las Vegas mit dem Versprechen von Spaß und Sorglosigkeit.

(Foto: REUTERS)
Glitzernde Lichter, rollende Würfel, spontane Liebe: Las Vegas lockte Besucher mit der Aussicht auf den ganz großen Spaß. Die Bluttat könnte das Image der Amüsier-Metropole verändern.
Von Johanna Bruckner , New York

Las Vegas ist Sin City, die Stadt der verzeihbaren Sünden. In der Wüste von Nevada können Spieler und Glückssuchende reich werden oder ihr letztes Geld verspielen. Betrüger fühlen sich genauso angezogen wie Romantiker. In den Hochzeitskapellen auf dem Strip, der Vergnügungsmeile der Stadt, ist die Liebe leidenschaftlich, spontan und für immer. Oder auch nur für eine phantastisch-promillereiche Nacht. Kurzum, Las Vegas ist ein Fiebertraum, den man mal geträumt haben muss. Das zumindest beschwören Popkultur und Tourismusmarketing. Der 1. Oktober könnte dieses Bild verändern, jener Tag, an dem ein Festivalgelände nahe des Strip zum Albtraumort für Tausende Konzertbesucher wurde.

Las Vegas trauert nun. Um die vielen Opfer des Massenmords, und um ein Lebensgefühl, das es vielleicht nur hier gab. "What happens in Vegas, stays in Vegas" - das war nicht irgendein Spruch, das war ein magisches Versprechen. Im vergangenen Jahr ließen sich davon knapp 43 Millionen Besucher anlocken. Mehr als 80 Prozent kamen aus den USA, die meisten davon aus dem angrenzenden Kalifornien.

Viele Rätsel nach einer Horror-Nacht

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An einem normalen Wochenende sind in Sin City 95 Prozent der etwa 150 000 Hotelzimmer belegt (zum Vergleich: USA-weit sind es nur 65,5 Prozent). Und das, obwohl eine Nacht im Schnitt 136 Dollar kostet. Von den Ausgaben für Poker, Roulette und Einarmige Banditen ganz abgesehen. Ein Durchschnittsbesucher bleibt einer aktuellen Umfrage der Las Vegas Convention and Visitors Authority (LVCVA) zufolge 3,4 Tage in Las Vegas und besucht in dieser Zeit 6,3 Kasinos. Budget: 619 Dollar. Dafür will er vor allem eines: Spaß haben.

Ein ganz schön teurer Spaß. Aber das Las Vegas vor dem 1. Oktober hätte vermutlich selbstbewusst zurückgefragt: Sind unvergessliche Erlebnisse überhaupt mit Geld aufzuwiegen?

Hollywood liebt und befördert das hedonistische Image von Las Vegas

"Hangover" heißt der erste Teil einer extrem erfolgreichen Kinoreihe der vergangenen Jahre. Darin erleben drei Freunde in Las Vegas den Kater ihres Lebens (Alkohol-Amnesie sei Dank ist das kein Widerspruch zu zwei Fortsetzungen weitgehend gleichen Inhalts). "Warum kann ich mich an nichts erinnern, das letzte Nacht passiert ist?", fragt im Film Protagonist Stewart seinen Kumpel Phil. Antwort: "Ist doch klar: weil wir eine verdammt gute Zeit hatten!"

Eine bessere Werbung für Las Vegas gibt es kaum. Hollywood trägt seit Jahrzehnten zum hedonistischen Image der Spielerstadt bei. Mit Liebesfilmen wie "Honeymoon in Vegas" (1992), schwarzen Komödien wie "Fear and Loathing in Las Vegas" (1998) oder Gangsterstreifen wie der erfolgreichen "Ocean's"-Trilogie. Das ließ nicht nur in den Hollywood Hills, sondern auch in der Wüste von Nevada die Kassen klingeln: Allein in den Kasinos auf dem knapp sieben Kilometer langen Strip wurden im vergangenen Jahr Einnahmen in Höhe von 6,4 Milliarden US-Dollar generiert.

Las Vegas galt als Paradies für Spieler - bisher. Der Schütze, ein 64-jähriger Pensionär wohnte in Mesquite, etwa 130 Kilometer entfernt, hielt sich aber oft und lange in Vegas auf. Er spielte, so ist zu lesen, dort regelmäßig High Stake Poker, also um hohe Summen. Sollte sein Motiv tatsächlich mit einer möglichen Spielsucht oder hohen Schulden zu tun haben, könnte das einen Imageschaden bedeuten, der sich möglicherweise auch auf die Einnahmen auswirkt. Zumindest kurzfristig.

Für den Moment zählen nicht die verdienten Dollars

Sicher ist das nicht. Die Anziehungskraft der glitzernden Entertainment-Metropole ist groß, vielleicht erweist sich Las Vegas als robust gegen eine einzelne Wahnsinnstat. Nicht zuletzt gehört es zu den zynischen Wahrheiten des 21. Jahrhunderts, dass spätestens in einigen Wochen andere Schreckensbilder die Berichterstattung bestimmen werden. Für den Moment jedoch zählen in der Stadt, in der Dollars mehr sind als eine Währung, andere Werte. Gemeinschaft und Zusammenhalt. Sicherheit.

Las Vegas im Schockzustand

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In kaum einer anderen amerikanischen Großstadt gibt es mehr Kameras als in Las Vegas - allerdings nicht auf den Straßen, sondern in den Mega-Kasinos. Deren Besitzer prahlen gerne, dass sie über eine bessere Überwachung verfügen als so mancher Flughafen. Im "Bellagio" beispielsweise sollen 2000 Kameras installiert sein. Die meisten befinden sich auf Ebene der Spieltische und Automaten. Es ging bisher weniger darum, Menschen zu schützen, als vielmehr die Gewinne der Kasino-Besitzer vor Betrügereien.

Gepäckkontrollen beim Einchecken im Hotel?

Treppenhäuser und Hotelflure werden einer AP-Umfrage zufolge in 23 von 27 der großen Kasinokomplexe auf dem Strip nicht überwacht. Das fiel in der Vergangenheit immer dann auf, wenn Angestellte genau dort Opfer von Übergriffen wurden oder Gäste Diebstähle anzeigten. Jetzt könnten Kameras zur Aufklärung des schlimmsten Mass Shootings in der Geschichte der USA beitragen. Wenn es denn an den entscheidenden Stellen welche gab.

Der Täter schoss vom 32. Stock des "Mandalay Bay Hotels" aus, ganz im Süden des Strips gelegen. Wie kam er dorthin? Machte er vor seinem eigentlichen Ziel womöglich noch woanders Halt? Und vor allem: Wie schaffte er es, mehr 19 Gewehre unbemerkt ins Hotel zu schmuggeln?

Die Kasino-Besitzer müssen in Sicherheit investieren, wenn sie weiter verdienen wollen

Auf dem Strip selbst gibt es erst seit vier Jahren Verkehrskameras - ob das "Mandalay Bay" in mehr als nur Kasino-Kameras investierte, bleibt abzuwarten. Der Sicherheitsexperte Art Steele schätzte 2013 in der New York Post, dass es ein mittelgroßes Hotel zwei Millionen Dollar kosten würde, im ganzen Gebäude Kameras anzubringen - dazu kämen jährlich 100 000 Dollar, um die Aufnahmen zu sichten. Dieses vielleicht schon immer vorgeschobene Kostenargument dürfte nach dem 1. Oktober nicht mehr gelten. Wenn die Kasino-Betreibern ihren Gästen weiterhin jenes Gefühl der Sorglosigkeit verkaufen wollen, für das sie bisher nach Las Vegas kamen, müssen sie in Sicherheit investieren.

Zumal eines ganz klar scheint: Gepäckkontrollen am Hoteleingang - die die Tat womöglich hätten verhindern können - wird es wohl auch in Zukunft nicht geben. Denn ein Hotel ist eben kein Flughafen, wo entsprechende Gesetze gelten. Sondern ein privates Unternehmen, das nicht zuletzt Komfort verkauft. Lange Schlagen vor dem Einchecken und durchwühlte Koffer sind da unvorstellbar.

Trump hält Debatte über Waffengesetze für verfrüht

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