Tourismus auf Kuba Insel westlicher Retro-Seligkeit

Das Zentrum der kubanischen Hauptstadt Havanna im Jahr 2009 - die Ästhetik des Verfalls könnte bald Vergangenheit sein.

(Foto: dpa)

Jahrzehnte der Isolation haben Kuba zum Touristenmagneten gemacht. Besucher aus dem Westen schwelgen in einer Ästhetik des Verfalls. Durch die politische Wende könnte auch das bald Vergangenheit sein.

Von Gerhard Matzig

Im 007-Film "Stirb an einem anderen Tag" gibt es eine Szene, die als Lacher kühl kalkuliert wurde - und auch genauso funktioniert. James Bond muss Anfang der Nullerjahre auf Kuba das Böse aufspüren. Unterstützt wird er dabei von einem Kontaktmann namens Raul, der, es kann nicht anders sein, mit Habanos handelt. Mit Havanna-Zigarren also. Raul möchte nun, nachdem er Bond den Unterschlupf des Schurken verraten hat, wissen: "Kann ich sonst noch etwas tun für Sie?" Woraufhin Bond sagt: "Ein schnelles Auto wäre nicht schlecht." Cut.

Das nächste Bild - das ist der kalkulierte Lacher - zeigt Bond in einem Ford Fairlane, Cabrio-Variante, Baujahr 1957. In den Farben Creme und Braun. Er fährt, nein, man muss sagen: er zuckelt die palmengesäumte Küstenstraße entlang Richtung Havanna - und zwar mit maximal 40 Meilen die Stunde. Dazu trägt er übrigens ein indiskutables Hemd. Irgendwie scheint er Ferien zu haben. Worauf es hier ankommt: Bond, der Reisende, der Liebhaber schneller Autos, schneller Boote, schneller Flugzeuge und somit der Inbegriff schneller Verfolgungsjagden, der Mann der Hektik, des Tempos und der Gefahr, er wird radikal entschleunigt. In der Hand hält er ein Lenkrad, das so groß ist wie ein Dampfersteuerrad. Manufactum würde dazu sagen: Es gibt sie noch, die guten Dinge.

Schrauben ohne Ende

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Und genau das ist es, was viele Touristen - bei aller Freude über das wohl endgültige Ende der Kuba-Krise - noch schmerzlich empfinden werden, wenn sich Kuba nun vollends dem Westen und seinem Konsumstil öffnen sollte: Die Krise geht und Starbucks kommt. Das Land wird sich dramatisch ändern nach den Jahrzehnten der politischen und ökonomischen Isolation.

Für Besucher kann ein ungeahntes Dilemma entstehen, wenn sie jede Verbesserung für die Einheimischen begrüßen, zugleich aber auf einen sentimentalen Gedanken kommen: Kuba als Hort unserer vielleicht auch etwas naiven Retro-Ästhetik samt rostenden Heckflossen und dem malerisch bröckelnden Putz an den bauchigen Ballustraden der historistisch-spätkolonialen Paläste von La Habana Vieja - das könnte bald Vergangenheit sein.

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Ein - nicht ganz unproblematisch zu liebender - Reiz Kubas liegt nämlich auch darin, dass es notgedrungen zum Museum seiner selbst wurde. Weshalb es ja zum Beispiel auch all die großartigen Vehikel hier noch gibt, die mehr Automobile sind als Autos. Dass es nirgendwo auf der Welt so viele Autos aus den Vierziger- und Fünfziger-Jahren gibt, hat einen einfachen Grund: Kubaner dürfen in aller Regel keine Privat-Autos besitzen. Das gilt allerdings nicht für Fahrzeuge, die vor der Revolution 1959 bereits im Land waren. Deshalb werden die alten Karren nicht nur geliebt, sondern auch gepflegt und immer wieder repariert. Das war schon so, als es in Deutschland den Bestseller "Die Kultur der Reparatur" (2013) noch nicht gab. Während wir im Westen erst allmählich begreifen, dass Nachhaltigkeit das Gebot der Stunde sein könnte, mussten die Kubaner auf so vieles Neue verzichten, dass dem Alten ein großer Wert zukam.

Im Schatten verfallender Prunkbauten

Die Insel der kommunistischen Revolution wurde so auch ästhetisch zu einer Insel westlicher Retro-Seligkeit. Wer schon einmal in Havanna war, der weiß, dass man jederzeit in der Stadt auf einen 57er Buick Century stoßen kann, auf einen Chevrolet Bel Air Impala oder den Studebaker Champion von 1951. Die parken dann (und zwar gerne, denn das Bewegtwerden fällt den Auto-Senioren auf ächzende Weise schwer) im Schatten der verfallenden Prunkbauten.

Schönheit im Verfall

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Die Architektur auf Kuba umfasst wenigstens fünf Jahrhunderte: Es gibt eine Vielzahl von barocken, neogotischen, klassizistischen und auch vorkriegsmodernen Bauten. Dazu die großartigen Paläste im Stil des Art deco. Viele Gebäude ließ man nach der kubanischen Revolution verfallen. Der Prunk ihrer Fassaden galt als klassenfeindliches Delirium. Außerdem waren Baustoffe Mangelware. So verfiel auch bald die Kunst der Architektur und Stadtgestaltung, vormals wesentlich von Spanien beeinflusst. Aus Häusern wurden Ruinen. Aber als Ruinen blieb auch etwas vom Geist und Glanz früherer Tage erhalten. Und das Erhalten, Bewahren wurde allmählich als Kunst wiederentdeckt. Bis heute.

Jetzt könnte es bald so sein: Fastfood-Ketten ziehen in die Altstädte, Kuba entdeckt die Signature Buildings westlicher Prägung - und überall fahren Toyotas und VWs herum. Innenstädte verlieren ihr Gesicht, hässliche Autos fahren auf zu breiten Straßen und Menschen haben zu wenig Zeit, um freundlich zu sein. Aber Bond wird natürlich ein schnelles Auto kriegen. Ein Lacher weniger, eine Wehmut mehr. Nostalgiker sollten sich schleunigst auf den Weg machen, bevor Starbucks ihnen zuvorkommt.