Auf der Nadelspitze: Aiguille Dibona

Wer die Aiguille Dibona (3131 Meter) auf dem Zustieg zur Soreiller-Hütte endlich sieht, wird instinktiv erst einmal stehen bleiben. Zu extravagant ist diese Felsgestalt: eine Granitnadel, so spitz, dass man sich fragt, ob man auf ihrem Gipfel überhaupt stehen kann. Wer endlich oben ist - zwingend über eine Kletterroute -, der wird feststellen, dass die Perspektive nicht getrogen hat: Für mehr als eine Person ist kein Platz.

Der erste, der einen Fuß auf diese ausgesetzte Spitze im Pelvoux-Gebiet der Dauphiné stellen konnte, war im Sommer 1913 der Südtiroler Bergführer Angelo Dibona. Nach ihm wurde die auf der Luftlinie zwischen Briançon und Grenoble gelegene Nadel später benannt. Heute ist sie wegen ihrer tollen Felsqualität ein beliebtes Ziel für Kletterer. Der Weg der Erstbesteiger über den Nordgrat ist bis heute die leichteste Route (III+), auf der deutlich stärker frequentierten Südseite reiht sich eine Traumroute an die nächste. Klassiker wie die Voie Madier fordern trotz einer vermeintlich zahmen Bewertung im oberen fünften, unteren sechsten Grad viel von den Begehern - ein Holzkeil im breiten Riss der Schlüsselstelle zeugt bis heute von der schier unglaublichen Leistung der Erstbegeher in den Dreißigerjahren. Daneben finden sich tolle moderne Routen wie die Visite Obligatoire (VI), für die eine leichte Sportkletterausrüstung reicht. Ein mehrtägiger Aufenthalt auf der Soreiller-Hütte lohnt sich auf jeden Fall: Die Routen sind in zehn Minuten erreicht - und das Essen ist französisch-fantastisch. Von Silke Lode

Bild: RémiB/CC BY-SA 2.0 FR 21. Juni 2016, 12:312016-06-21 12:31:08 © SZ vom 16.6.2016/kaeb