Karma Lhundup hockt im Schneidersitz, um ihn herum hängen tantrische Ritualgegenstände: Glocken, Vajras, Handtrommeln, Tonschalen und Vasen, vom Altar glitzern zornvolle Meditationsgottheiten herunter, mit Halsketten aus Menschenköpfen.

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An der Tür steht Tensing Dolma. Sie starrt die Götter an, trinkt einen Schluck Buttertee, er ist gesalzen, buttrig, wie es sich gehört, nur ohne Yak-Butter, weil es die hier nicht gibt. Sie sind seit fast 50 Jahren in der Fremde, das merken sie immer wieder. Tensing Dolma sitzt da. Sprungbereit.

Mit den Gesängen der Männer kommen die Erinnerungen, das alte Tibet, der Potala-Palast, die Flucht, die Heimatlosigkeit. Sie weint. "Unsere Generation hat alles getan, um die Kultur zu bewahren, und jetzt verlieren wir doch alles. Wenn bei euch die Kinder schlechte Filme sehen, ist das eine Sache. Bei uns ist das etwas anderes, wir sind die Letzten, die es retten können. Aber meine Tochter weiß mehr über Sarkozys SMS als über unseren Rinpoche."

Die Männer werden jetzt immer lauter, sie trommeln und blasen in Muscheln und in krumme Hörner, blättern in ihren vergilbten Sanskrit-Texten. Ngakpa Karma Lhundup Rinpoche hilft dem Alten, der neben ihm sitzt und sich verblättert in jahrhundertealten Schriften, der einnickt und den Faden verliert und dann wieder mitbrummt im ewigen Singsang. Stunde um Stunde.

Acht Jahre hat Lhundup in einem katholischen Krankenhaus in Delhi gearbeitet, er hat einen Diplomkurs als medizinischer Labortechniker absolviert. Hämatologie, Bakteriologie, Parasitologie. Er war weit weg von den Wurzeln seiner Familie, von den Zeremonien, die sein Vater, der tantrische Meister der Begräbnisriten, für die Lebenden und die Toten zelebriert.

Die letzten ihrer Art

Irgendwann hat sie ihn doch eingeholt, die Verpflichtung des ältesten Sohnes, die Tradition weiterzuführen. Und so hockt Ngakpa Karma Lhundup Rinpoche nun seinem 80-jährigen Vater gegenüber. Sieben Jahre studierte er tantrische Übungen im Zilnon Kagyeling Kloster, gegründet vom persönlichen Wettermacher des Dalai Lama, er studierte die Praktiken des Troma Nagmo, die 110 Tage dauernden Tsog Opferrituale, das Vorbeten und das Spielen der religiösen Instrumente. Er lebte in heiligen Höhlen. Jahrelang, bis er bereit war.

Da hockt er mit den Alten auf harten Kissen, umwabert vom Duft der 108 Butterlampen. Wie im Bilderbuch sehen sie aus, wie aus der Zeit Gefallene. Ngakpa Karma Lhundup Rinpoche, dessen Bankcard nichts weiß vom Großen Mitgefühl und Dakini, der Himmelsgeherin.

Eine lebendige Kultur, bis die Chinesen kamen

Sie sind die Letzten ihrer Art, viele gibt es nicht mehr, die die tantrischen Traditionen der Nyingma aufrechterhalten, der ältesten der vier großen Schulen des tibetischen Buddhismus. Seit Jahrhunderten praktizieren sie neben den Mönchen und Nonnen der Klöster Tibets religiöse Riten.

Es war eine lebendige, allgegenwärtige Kultur. Bis die Chinesen kamen und auch hier aufräumten. Selbst viele Tibeter wissen nicht mehr viel über die Ngakpas, über ihre geheimen Riten, ihre Fähigkeit, Regen zu machen, Feinde zu töten, Dämonen zu verjagen.

Viele wissen nicht, dass auch diese Lamas den erleuchtenden Pfad des Dzogchen praktizieren. Manche haben Angst vor ihnen, fürchten ihre schwarze Magie. Doch ein Ngakpa missbrauche seine Kräfte nicht, sagt Lhundup: "Zu viel Einmischung ist schlecht für den Körper."Man darf nicht jedem Wunsch nachgeben. Menschen sind maßlos. Mal wollen sie Sonne, dann Regen, dann Sonne. Es ist besser, wenn die Dinge bleiben, wie sie sind, sagt er.

Der Sohn des Regenmachers lächelt. 20 Jahre lang hat sein Vater das Wetter gelenkt am Himalaya. Erfolgreich, wie es heißt. Selbst die Chinesen hätten ihn sich zurückgewünscht, als er aus dem Land floh, sagen sie. Aber der Sohn des Sohnes des Regenmachers wird keinen Regen mehr machen, und keinen Hagel. Er ist Hotelmanager in Russland geworden.

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(SZ vom 09.08.2008/lpr)