Texas Im Sattel der Gerechten

Bunte Plastikfigürchen erinnern daran, in welchem Geist die Cowboy Church eingerichtet wurde.

(Foto: Wolfgang Schaper)

In den Viehhöfen von Fort Worth steht eine Cowboy-Kirche. Sie gibt sich so hemdsärmelig wie ihre Kirchgänger - und erinnert an eine große Vergangenheit.

Von Harald Hordych

Wie könnte es auch anders sein: Pastor George Westby bietet seinen Gästen aus Europa als Erstes einen Kaffee an. Wenn sich aus all den Western, die man in der Jugendzeit verschlungen hat, ein Detail ins Gedächtnis eingebrannt hat wie die Angriffe der Indianer und die Duelle der Outlaws, dann die erste Frage, die stets jedem Fremden gestellt wurde, wenn er ans Lagerfeuer eines Trecks kam. Eine Frage, die ein bisschen wie ein Befehl klang und die auch George Westby so stellt, als hätte er kein Nein als Antwort vorgesehen: "Kaffee gefällig?"

Das gottesfürchtige Amerika mit seinen zahllosen Sekten und Gemeinden verliert laut einer Studie des Pew-Instituts stetig Mitglieder, seit 2007 verließen fünf Millionen Gläubige ihre Kirche. Aber eine Sparte wächst: die Cowboy-Kirchen. 2004 wurde in Texas die "Fellowship of Cowboy Churches" gegründet. Dahinter steckt die Idee einer Kirche für jedermann, bodenständig. Manche sind in Scheunen untergebracht, für Leute, die sonst den Besuch in einem Gottesdienst scheuen, weil sie keine passende festliche Kleidung besitzen oder anziehen mögen. Eine davon ist jene von Pastor Westby, sie steht in Fort Worth, Texas.

Diese Kirche sieht anders aus, als man sie sich vielleicht vorstellt. Kein wettergegerbtes, von Wind, sengender Sonne und Regen schiefgehauenes Holzgebäude, in dem die Cowboys nicht nur die Nähe des Herrn, sondern auch Schutz vor den Unbilden des Wetters gesucht haben. Die Cowboy-Kirche ist ein eingeschossiger Glaskasten, der in einer gewaltigen flachen Halle errichtet wurde; wie andere Ladengeschäfte auch steht er einfach auf den von Abertausenden Hufen blank gelaufenen Steinen der Stockyards, einer der größten Viehverladestellen Amerikas im 19. und 20. Jahrhundert. An diesem Tag ist nur Pastor Westby da und keine Gläubigen. Aber es gibt kaum einen Ort, an den eine Cowboy-Kirche besser hinpassen würde. Und sei es nur als Anstoß für eine Sentimental Journey.

Vieh machte Fort Worth und ein paar dort lebende Familien sehr reich. Als später Öl gefunden wurde, sattelten die Rinderbarone um und wurden noch reicher. Die einstige Cowboy-Stadt hat einen Museumsbezirk, der in seiner architektonischen Kühnheit und mit der Qualität seiner Sammlungen auch nach New York passen würde. Dass die Zeiten der großen Viehtrails vorüber sind, wissen auch die Touristen, die sich hier jeden Mittag den kleinen Viehtrieb mit ein paar Longhorn-Rindern anschauen. Es sind zwar echte Cowboys, die die Prachtexemplare durch den historischen Distrikt treiben, sie haben lange in diesem knochenharten Beruf gearbeitet, und es sind echte Rinderkolosse, die dösend vor ihnen hertrotten. Aber verglichen mit den gewaltigen Herden, die einst aus den Weiten der texanischen Prärien auf dem legendären Chisholm-Trail hierhergeführt wurden, ist das nicht mehr als eine rührende Folkloreveranstaltung.

Eine Kirche zu gründen, ist so einfach wie eine Firma anzumelden

Nach ein paar Minuten hat sich der Staub gelegt, und die große Vergangenheit von Fort Worth ruht wieder in Frieden. Die Touristen spazieren an den historischen Saloons wie dem legendären White Elephant entlang oder gehen abends in die Rodeo-Festhalle. Das riesige Pferchareal, in dem die Rinder und Schafe darauf warteten, entweder auf die Züge zu den Zentren des gewaltigen Landes getrieben zu werden oder gleich in die Schlachthöfe auf die andere Seite der Gleise, liegt jetzt ordentlich instandgesetzt da, aber weitgehend menschenleer und ungenutzt. Die letzten Herden kamen in den 1960er-Jahren.

In den stillen Stockyards von Fort Worth aber gibt es einen lebendigen Ort, ausgerechnet dort, wo Cowboys und Rinder längst verschwunden sind, und das ist die Cowboy Church, die von ihrem Gründer George Westby seit 27 Jahren geleitet wird. Und zumindest der 72-jährige Pastor sieht wie ein Cowboy aus. Er trägt einen weißen Cowboyhut und entsprechende Lederstiefel. Eigentlich ist dieser George Westby Geschäftsmann und verdient sein Geld mit Parkplätzen an den Stockyards, die einer der Touristenmagneten im riesigen Texas sind. "Aber hier fehlte ein Ort, an dem Menschen zusammen beten konnten", erzählt Westby. In Amerika ist das kein Problem. Eine Kirche zu gründen, ist so einfach, wie eine Firma anzumelden, und Pastor kann sich jeder nennen.

Die Cowboy-Kirche ist schlicht eingerichtet, mit harten Holzbänken für die Gläubigen, überall hängen Kreuze, nur ein paar bunte betende Plastikfigürchen in Cowboy-Montur erinnern daran, in welchem Geist diese Kirche eingerichtet wurde. Aber warum eigentlich, wenn die Cowboys auch in Fort Worth nur noch Dekoration sind?