SZ-Autoren zur EU Europa, eine zwiespältige Liebe

Spielplätze wie Gummizellen, ein Zug voller Liebenden und die Ordnung der Felder: eine seltsame Reise durch Europa - mit Länder-Vote.

London

(Foto: Foto: iStock)

Bascha hieß sie, aber heißen nicht alle Polinnen Bascha? Sie war Zimmermädchen im Hotel in Soho, eine Polin aus Breslau, das jetzt Wroclaw heißt und einmal in Schlesien lag. Bascha spricht ein grollendes Englisch und sie lächelt dabei, als müsste sie sich dafür entschuldigen. Manchmal bekreuzigt sie sich, denn sie ist katholisch und betet zur wundertätigen schwarzen Madonna von Tschenstochau. Bascha hat aschblonde Haare und blaue Augen, sie ist ein wenig rund und erst neunzehn.

Sie gehört zu den Polen, ohne die London gar nicht mehr London sein könnte. Die Polen arbeiten im Verborgenen, aber kein Hotel kommt mehr ohne sie aus. Sie reparieren alles, sie putzen, sie staubsaugen, sie waschenbügelnreinigen, alles garantiert polnisch.

Als das anfing mit den Polen, machten die Zeitungen ihren Lesern Angst, indem sie die Preise vorne drauf klatschten, für die einen EasyJet aus den baltischen Ländern nach London beförderte, £19,95 und dergleichen.

Nichts, nein, gar nichts kennt Bascha von London, keine Clubs, kein Theater, kein Museum. Sie muss doch arbeiten.

Oft sind es Schichten mit sechzehn Stunden. Abwechslungsreich ist die Arbeit und der Dreck immer wieder anders: Bettabziehen, Handtücher raus, aufwischen, die Minibar kontrollieren, die Klopapierrolle zum Dreieck kanten. Doch zwischendurch darf sie sich ein paar Minuten hinlegen. In einer Abseite des Hotels schläft sie dann, doch das darf sie gar nicht sagen.

Zum ersten Mal in den Westen kam Bascha vor sieben Jahren, als die ganze Familie bei der Spargelernte in Schrobenhausen gebraucht wurde. Ihr Vater war Arzt, aber er verdiente nicht genug für Frau und sieben Kinder und dann starb er auch schon. "Deutschland ist schön", sagt Bascha, obwohl sie nicht viel davon gesehen haben kann. Einzelne Wörter kann sie noch. "Ettstrasse", wo in München die Polizei residiert, und sogar ein ganz langes Getüm: "Kreisverwaltungsreferat" mitsamt der U-Bahn-Haltestelle Poccistraße. Die Aufenthaltsgenehmigung gab es trotzdem nicht, und so sind sie auseinander.

Die Mutter mit den Jüngeren noch in Wroclaw, die Älteren ins Ausland. Natürlich schickt sie Geld nach Hause. Hier, zeigt sie, das ist Pawel. Ihr liebster Bruder hat sich vor der wundertätigen Madonna von Lourdes fotografieren lassen. Pawel lächelt auf dem Bild wie sie, aber er ist schon in Kanada.

Nach Kanada möchte sie auch, bald möchte sie da hin, und dafür arbeitet sie jetzt wieder weiter.