Stadtentwicklung Baum gegen Beton

Frankfurts Bevölkerung wächst von Jahr zu Jahr. Schon jetzt fehlt Wohnraum, der Brexit wird das Problem durch Zuzüge noch verschärfen, weshalb verstärkt gebaut werden soll. Bürger sehen dadurch wertvolle Grünflächen bedroht.

Von Jan Willmroth

An einem nasskalten Januarmorgen öffnet Peter Beckmann das Tor zu dem kleinen, grünen Paradies, von dem er weiß, dass es bald für immer verschwinden wird. Er geht einen schmalen, mit Gras bewachsenen Pfad entlang, den hier alle als "Amazonas-Weg" kennen, entlang an Bäumen aus dem 19. Jahrhundert, vorbei am ältesten Garten, der in Familienbesitz ist seit 1896. Der Boden ist gut und sehr alt, noch nie bebaut, bis zu 50 Arten pro Quadratmeter leben hier, Vögel, Kleinsäuger, Insekten. "Das ist wirklich wie im Dschungel hier", sagt Beckmann, während er das Tor zu seinem Garten aufschließt. Unweit seiner Laube rauschen die Autos auf der Friedberger Landstraße vorbei.

Beckmann, Krankenpfleger von Beruf, engagiert sich im Vorstand der "Bürgerinitiative für den Erhalt der Grünen Lunge am Günthersburgpark", seit Jahren kämpft er mit anderen Freizeitgärtnern und Anwohnern gegen die Pläne der Stadt, im Bereich der Gärten ein neues Wohnquartier zu errichten. 1500 Wohnungen sollen entstehen, es ist eines von Dutzenden Wohnbauprojekten im Stadtgebiet. Die "Günthersburghöfe", so wurde das Projekt getauft, stehen exemplarisch für die sich abzeichnenden Interessenkonflikte in einer Stadt, deren Einwohnerzahl seit Jahren schneller wächst als ihr Bestand an Wohnungen, eine Stadt, die als Metropole in einem der größten Ballungsräume Europas einen Großteil des Zuzugs in die Region bewältigen muss.

Kaum ein Thema treibt Oberbürgermeister Peter Feldmann und seinen Baudezernenten Mike Josef (beide SPD) so um wie der Druck, in kurzer Zeit neuen, möglichst bezahlbaren Wohnraum zu schaffen für die vielen Tausend Menschen, die jedes Jahr nach Frankfurt ziehen. Um mehr als 2000 Einwohner ist die Stadt im Jahr 2016 netto gewachsen, in den Jahren zuvor waren es auch mal mehr als 10 000 Zuzügler, und mit jedem einzelnen neuen Haushalt wird der Platz knapper und teurer. Schon heute fehlen Zehntausende Wohnungen: Um dem Bedarf gerecht zu werden, schätzt das Institut der Deutschen Wirtschaft, müssten bis 2020 jährlich 7800 Wohnungen gebaut werden. Im Jahr 2016 aber wurden gerade einmal 3466 fertiggestellt. Jetzt kommt noch der Brexit und mit ihm zahlreiche, meist gut verdienende Neu-Frankfurter, die den Druck auf den Wohnungsmarkt weiter erhöhen. Auf mehr als elf Euro pro Quadratmeter sind die Preise für Neuvermietungen der Beratungsfirma F+B zufolge zuletzt gestiegen, nur München und sein Umland sind noch teurer.

Der Hobbygärtner will noch einmal Gemüse anbauen. Bevor hier Häuser stehen

Deshalb wird jetzt nachverdichtet, wo es geht, es wird abgerissen und neu gebaut, Gewerbeflächen werden umgewidmet und Büroflächen umgebaut. Links und rechts der Autobahn 5 im Norden der Stadt soll demnächst ein komplett neuer Stadtteil entstehen. Auf dem Riedberg, recht weit im Norden, stehen Hunderte neu gebaute Wohnungen. Aber wirklich günstig wohnt man auch dort nicht, genauso wenig wie im umstrittenen Europaviertel, das auf einem früheren Rangierfeld der Bahn entstanden ist.

Schafft es die Stadt, den Druck auf den Wohnungsmarkt binnen weniger Jahre zu lösen? Wird die Kommunalregierung ihr Versprechen einlösen können, genügend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen für die "Krankenschwestern und Polizisten", von denen Feldmann immer spricht, für Normal- und Geringverdiener also? Und muss man nicht allein aus Gründen der Solidarität von den Bürgern verlangen können, Grünflächen wie die "Grüne Lunge" aufzugeben?

Auf der Suche nach Antworten begegnet man Frank Junker, dem Chef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG Holding, in deren Zentrale. Mit 51 000 Wohneinheiten ist sie der mit Abstand größte Vermieter in der Stadt, und wann immer sich die Gelegenheit bietet, ist eine der ABG-Firmen bei einem Neubauprojekt mit von der Partie. "Derzeit gibt es so gut wie keinen Stadtteil, in dem wir nicht aktiv sind", sagt Junker. Bis 2022 hat sich die ABG Investitionen von 2,8 Milliarden Euro vorgenommen, die sie selbst erwirtschaften muss. Das übersetzt sich in etwa 10 000 Wohnungen, mit deren Bau Junker in den kommenden fünf Jahren beginnen will. Für 8000 Wohnungen hat die ABG sich schon Grundstücke gesichert. "Man hätte schon viel früher mehr Neubaugebiete ausweisen müssen", beschreibt Junker die Versäumnisse der vergangenen Jahre. "Und man hat zu lange vernachlässigt, dass neuer Wohnraum auch bezahlbar sein muss."

Vor etwa eineinhalb Jahren hat die Stadt die Regeln verschärft. Seither müssen Neubauprojekte 30 Prozent geförderten Wohnraum enthalten, sonst wird kein Baurecht mehr erteilt. Je die Hälfte davon entfällt auf Sozialwohnungen, von denen es in Frankfurt viel zu wenige gibt, und auf den zweiten Förderweg, mit dem die Stadt Mittelschicht-Familien geförderten Wohnraum verschaffen will. Aber selbst bei letzterem Programm, gibt Junker zu bedenken, liegen die Fördermieten bereits bei 10,50 Euro pro Quadratmeter, weil es wegen der Baukosten und Grundstückspreise nicht mehr anders darstellbar sei.

Die Grundstückspreise. Peter Beckmann schüttelt den Kopf, wenn er daran denkt, wie viel Geld Investoren mit dem begehrten Flecken Grün im Nordend verdienen werden, auf dem er in seinem Garten steht. Die 16,6 Hektar große Grüne Lunge heißt nicht zufällig so. Das Gebiet befindet sich in einer der wichtigsten Frischluftschneisen der Stadt, hier weht der kühle Wind von Nordosten aus der Wetterau hindurch. In diesem Jahr wird Beckmann mit seinen Kindern, drei und fünf Jahre alt, ein Beet anlegen, er wird ihnen zeigen, wie Gemüse wächst und wie man es erntet. Derweil ist der Ideenwettbewerb für das Areal gelaufen, es gibt einen Siegerentwurf, bald soll ein Bebauungsplan folgen. Beckmann wird weiter kämpfen, auch wenn er die Pläne nicht mehr verhindern kann. "Wenn Frankfurt wächst, muss auch das Grün wachsen", sagt er. Aber in der Not, das hat er fein säuberlich in einem dicken Ordner dokumentiert, frisst die Stadt eben auch ihr schönstes Grün.