Mallorca Wenn die Blüten verblassen

So sieht eine Mandelbaum-Plantage aus, wenn die Pflanzen noch gesund sind.

(Foto: Westend61/mauritius images)

Für viele Mallorquiner geht gerade eine scheinbar heile Welt zu Bruch: Ihre Mandelbäume sterben. Dabei gelten sie als Symbol der Insel und ziehen im Februar traditionell Tausende Touristen an. Was nun?

Von Brigitte Kramer

Deutet man die Landschaft als den Spiegel der menschlichen Seele, dann müssten auf Mallorca jetzt alle verzückt sein. Millionen Mandelbäume stehen Ende Januar, Anfang Februar in Blüte. In Weiß und Zartrosa verkünden sie das Ende des Winters. An den dunklen, rauen Ästen öffnen sich zuerst die Blüten. Sind sie verblüht, wachsen die Blätter.

Mit geradezu lasziver Üppigkeit überziehen die Blüten die Insel. Sie drängen in die Wahrnehmung, dominieren die Landschaft auf einer Fläche von 24 000 Hektar. Sie blühen auf den Plantagen in der ländlichen Inselmitte, im flachen Süden, an den Berghängen der Tramuntana. Weiße Schafe grasen unter den Bäumen. Einzelne, zufällig gewachsene Bäume blühen auch an unerwarteten Stellen, im Gewerbepark, an der Schnellstraße, neben einer Tankstelle. Überall scheinen sie zu sagen: "Vergiss nicht, das Leben ist wunderbar!"

Mallorcas erste Tourismus-Manager haben die Optimismus verbreitende Ausstrahlung der Bäume zu nutzen gewusst. Keine Sandstrände zierten damals die Werbeplakate, sondern blühende Mandelzweige. Nachgeholfen hatte das Fürstenpaar Gracia und Rainier von Monaco, das 1956 seine Flitterwochen auf der Insel verbrachte. Seit der 14. Februar als Tag der Verliebten vermarktet wird, gilt Mallorcas Mandelblüte als Sehnsuchtsort aller Romantiker.

Normalerweise blühen die Bäume Anfang Februar. Doch der Klimawandel bringt den Biorhythmus durcheinander.

(Foto: Alamy/mauritius images)

Mittlerweile passt das nicht mehr ganz. Der Klimawandel bringt schon seit einigen Jahren den Biorhythmus vieler Bäume durcheinander. Sie bekommen die Blüten mal bereits im Dezember, mal erst Ende März. Viele Reiseveranstalter haben Angst vor Klagen der Kunden und bieten das Blüten-Paket deshalb nicht mehr an.

In diesem Jahr nun scheint aus dem Lustspiel ein Drama zu werden: Ein Großteil der Mandelbäume ist so krank, dass die Bäume womöglich absterben; sie sind mit dem Bakterium Xylella fastidiosa infiziert. Die Symptome wurden schon 2010 auf Mallorca entdeckt. Zunächst dachte man, die Bäume, deren Blattränder braun wurden und an denen ganze Äste abstarben, litten unter Trockenheit. Einige Bauern versuchten, ihre Bäume mit Tröpfchenbewässerung zu retten - vergebens. Und dann schlugen immer mehr Bäume gar nicht erst aus.

Marzipan und Mandelmilch sind gefragt - die Marktpreise ziehen neuerdings wieder an

Seit Ende 2016 wissen die Mallorquiner: Es ist das Feuerbakterium, das die Bäume absterben lässt. Der Erreger verhindert, dass Wasser von den Wurzeln zu den Blättern transportiert wird. Ist der Baum dadurch schon mal geschwächt, wird er zudem noch für andere Krankheiten anfällig. Auf Mallorca wird der Erreger hauptsächlich von der Wiesenschaumzikade übertragen; er befällt hier vor allem die Mandelbäume. Aber auch 17 andere Pflanzenarten sind betroffen: Lavendel, Oleander, Rosmarin, Wein, Obst-, Olivenbäume.

Ein Heilmittel für befallene Pflanzen gibt es nicht. Einige Bauern versuchen, zumindest die Zikaden aus den Plantagen fernzuhalten, indem sie das Gras unter den Bäumen entfernen, von dem sich die Insekten ernähren. Seit bekannt ist, was Mallorcas Mandelbäumen zu schaffen macht, dürfen keine Pflanzen mehr ausgeführt werden. Jeder befallene Baum muss ausgerissen, alle Bäume im Umkreis von hundert Metern müssen zudem untersucht werden.

Diesen Winter erzählt die Landschaft erstmals vom Tod der Bäume. Der Blütenteppich hat Löcher. Viele Mandelbäume sind Ende Januar noch kahl. Noch weiß man nicht, ob sie nur zu den spät blühenden Sorten gehören - oder tatsächlich abgestorben sind. Das Mandelbaumsterben ist ein tief greifender Wandel für die Insel. Für viele Einheimische geht eine scheinbar heile Welt zu Bruch.

Sie malen sich eine Insel aus, auf der es nur noch dunkle Äste gibt und die mit den weißen Blüten auch ihre Unschuld verliert. Die Zukunft der Insel stehe auf dem Spiel, sagt Francisca Parets. Trotzdem kann sie der Situation auch etwas Positives abgewinnen. Parets, die dem Genossenschaftsverband der Balearen vorsteht, schätzt, dass mindestens 40 Prozent aller Mandelbäume befallen sind. 13 der 28 Kooperativen verkaufen Mandeln. Die meisten produzieren aber auch anderes, Johannisbrot, Wein, Olivenöl, Lammfleisch.