Katalonien Die Touristen machen in Barcelona einfach weiter Party

Touristen fotografieren die Basilika Sagrada Familia in Barcelona, die am Dienstag wegen eines Generalstreiks geschlossen blieb.

(Foto: AFP)

Katalonien begehrt auf, die Bilder der Unruhen und Proteste gingen um die Welt. Die Urlauber kümmert das wenig.

Von Thomas Urban

Das Auswärtige Amt in Berlin warnt traditionsgemäß lieber einmal zu viel als einmal zu wenig vor Risiken und Gefahren bei Reisen von Bundesbürgern ins Ausland. So fand sich in diesen Tagen auch die nordostspanische Region Katalonien, liebstes Urlaubziel der Deutschen im gesamten Mittelmeerraum, auf der Liste. Der Grund: Mögliche Unruhen im Zuge des Referendums über die staatliche Unabhängigkeit der Region am 1. Oktober. Das Verfassungsgericht in Madrid hat es für illegal erklärt, der konservative Premierminister Mariano Rajoy "entschlossenes Handeln zur Verteidigung des Rechtsstaats" angekündigt, König Felipe nickt dazu.

Die Maßnahmen der Regierung gegen die Unabhängigkeitsbewegung wurden allerdings zum Desaster. Bilder von brutalen Polizeieinsätzen gingen um die Welt und beschädigten das Ansehen Spaniens. Doch waren die Polizeieinsätze weit von Straßenschlachten entfernt, denn die Ordnungskräfte trafen durchweg auf passiven Widerstand, als sie die Wahllokale besetzen wollten. Es gab zahlreiche Rangeleien. Ob brutale Übergriffe, wie sie die Fernsehsender zeigten, die Regel waren oder Einzelfälle, ist unklar und umstritten.

Es gibt keinerlei Informationen, weder von Seiten der nationalen Polizei, noch der sich Madrid widersetzenden Regionalregierung in Barcelona, dass Touristen zwischen die Fronten geraten oder gar verletzt worden seien. Wohl wurden viele von ihnen Zeugen der Aktionen, machten Fotos und filmten. An den Tagen danach blockierten Demonstranten zwar vorübergehend Kreuzungen und Fernstraßen, Metro und Busse in Barcelona fuhren nur zu den Stoßzeiten im Berufsverkehr mit verminderter Frequenz. Doch herrschte in der Innenstadt bei gutem Wetter Partystimmung, an allen Ecken und Enden wurde gesungen und getanzt. Aggressive Stimmung: Fehlanzeige, Gefahr für Touristen - ebenso. Von den Taschendieben abgesehen, die Menschenansammlungen lieben.

Nichts als Touristen

Barcelona hat 17 Millionen Besucher im Jahr. Die bringen Geld, aber es sind zu viele, sogar für das tolerante und anarchistische Barcelona. Über eine traumhafte Stadt in der Mangel: von Airbnb und katalanischen Separatisten. Von Sebastian Schoepp mehr ...

Auf die Hotelbuchungen hat die Zunahme der politischen Spannungen bislang keinen Einfluss. Die Stimmung kann allerdings jederzeit kippen, falls nämlich die Führung in Barcelona trotz aller Mahnungen auch aus Brüssel das unter irregulären Bedingungen durchgeführte Referendum zum Anlass zu einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung nehmen sollte. In diesem Fall wäre nicht auszuschließen, dass die Regierung in Madrid, die bislang durch bornierte Maßnahmen und wenig reflektierte Reden den Konflikt immer mehr angeheizt hat, die Polizeikräfte wieder mobilisiert, um die Regionalführung festzusetzen und das Regionalparlament aufzulösen. Dann könnte es zu massiven gewaltsamen Auseinandersetzungen kommen - und dann sollten die Touristen am besten einen weiten Bogen um die Altstadt Barcelonas machen, in dem sich der gotische Regierungspalast befindet.

An den liebsten Zielen der Urlauber, den Stränden und Badeorten an der Costa Brava und der Costa Dorada, dürfte von den Auseinandersetzungen nichts zu spüren sein. Allerdings könnten dann Solidaritätsstreiks für die katalanischen Politiker die Flughäfen lähmen. Und es wäre mit weiteren Straßenblockaden zu rechnen.

Ersticken Touristen die schönsten Städte?

Ausgerechnet an Sehnsuchtsorten wie Venedig oder Barcelona schlägt Urlaubern immer öfter Ablehnung entgegen. Was sich dort ändern muss. Von Irene Helmes mehr... Serie "Gute Reise"