Spanien Fremdherrschaft

30 Millionen Besucher kommen jedes Jahr nach Barcelona. Zu viele, sagen die Bewohner. Nun sucht die Stadt nach einer Lösung.

Von Brigitte Kramer

Ginge es nach Joan Roca, wanderte der Besucher in Barcelona erst mal die Avinguda Diagonal entlang. Die elf Kilometer lange Straße durchschneidet die Stadt nicht nur, sie erkläre sie auch, sagt der Leiter des Historischen Museums - ihre Ambitionen, Widersprüche und Eigenarten. Die Avinguda Diagonal beginnt im Universitätsviertel, führt vorbei an Parks, Adelspalästen und Einkaufszentren, führt durch das bürgerliche Eixample-Viertel, kreuzt den Einkaufsboulevard Passeig de Gràcia mit Antoni Gaudís Jugendstilhäusern. Auf der Plaça Glòries präsentieren sich dann der imposante Agbar-Turm von 2005 und das neue Design-Museum. Direkt dahinter liegt das einstige Industrieviertel Poblenou, wo heute multinationale Unternehmen ihren Sitz haben und junge Firmen die digitale Revolution versuchen. Schließlich endet die große Straße am Fòrum, einer neuen Parkanlage und Kulturstätte am Meer. Die Diagonal bietet, was das Internet zu bieten nur verspricht: einen Überblick. Nur braucht man dafür nicht ein paar Minuten, sondern zwei Tage. Der Eindruck ist dafür tiefer.

Mehr als 50 solcher Spaziergänge hat das Museum auf Faltblätter gedruckt. Alle garantiert ohne Touri-Fallen. Sie führen kreuz und quer durch die Stadt und erzählen Geschichten: über die Gewerkschaftsbewegung, zu den besten Aussichtspunkten oder zum Einfluss des Nahen und Fernen Ostens auf die Architektur. Wer sie abgeht oder mit Tram und Bus abfährt, erkennt, dass auch eine so überlaufene und megavermarktete Stadt wie Barcelona noch ruhige Orte hat.

Aufmerksame Gäste, aufgebrachte Bewohner: Barcelona will weiterhin als gastfreundlich gelten, aber auch die Rechte seiner Bürger wahren. Ein Spagat.

(Foto: Getty Images)

Die Rundgänge sind für Joan Roca, der sie mit entwickelt hat, ein Aufbegehren gegen eine Tourismus-Industrie, die den Besucher instrumentalisiere. "Der Tourist wird nicht dazu ermuntert, die Stadt zu erobern", sagt Roca, "er soll nur noch sein Geld dalassen." Wolle er ausscheren, werde ihm Angst gemacht: "Geh' da nicht hin, da klauen sie dir die Tasche!"

Barcelona boomt seit 25 Jahren, seit den Olympischen Sommerspielen 1992. Damals begann die Stadt für sich zu werben. Sie hat das gut gemacht: Anfang der 1990er-Jahre kamen rund zwei Millionen Besucher jährlich, heute sind es 30 Millionen. Zu Stoßzeiten drängen 30 000 Kreuzfahrttouristen gleichzeitig in die Stadt. Aber die Tourismusbranche gibt auch Hunderttausenden Arbeit und macht mittlerweile 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Stadt aus.

Wer will dieses Geschäft schon ruinieren? Viele Einheimische wollen das mittlerweile tatsächlich. Sie haben die Schnauze voll von ewigen Staus, überhöhten Preisen, verstopften Gehwegen. Aus Wohnungen und Häusern werden Ferienapartments und Hotels, aus Kneipen und Geschäften Snackbars und Souvenirshops. Die Bewohner ziehen weg, das Viertel stirbt aus. Sind die Touristenhorden abends durchgezogen, ist es dort so leer wie in einem geschlossenen Museum. Das echte Leben spielt sich woanders ab. Touristifizierung heißt das Phänomen.

Wer auf die Rambla will, muss vielleicht bald Eintritt zahlen. Und Airbnb wurde abgestraft

Der Begriff ist in aller Munde, zum Beispiel auf den Demos mitten auf der Rambla, wo Bewohner "Barcelona steht nicht zum Verkauf" rufen und "Tourists go home"-Plakate hochhalten. Zuletzt haben linke Jugendliche Leihfahrräder, die von Touristen gern benutzt werden, demoliert und sogar einen vollen Touristenbus angehalten, die Reifen aufgestochen und den Bus mit Parolen wie "Der Tourismus tötet die Stadtviertel" besprüht. Mit den Nachbarschaftsvereinen sollte man es sich in Barcelona nicht verderben. Sie stehen in der Tradition der Arbeiterbewegung. Alejandro González vom Büro für nachhaltiges Reisen Eco-Unión freut sich über die aufmüpfigen Bürger. "Spanien hat sich viel zu lange als Land der Fiesta und Folklore verkauft", sagt er. "Bürgerbewegungen gab es in touristischen Gebieten bis jetzt kaum." González hat wie auch Joan Roca sein Büro im gotischen Viertel. Autos hört man hier keine, dafür viele Sprachen der Welt. "Wenn die Leute keinen Druck machen, reagieren die Politiker nie."

"Touristenwohnungen verdängen Familien": Bewohner Barcelonas prangern eine zunehmende Touristifizierung der Stadt an.

(Foto: AFP)

Die Verwaltung hat nun reagiert, schließlich steht ein Ruf auf dem Spiel: Barcelona will weiterhin als gastfreundlich gelten. Und auf das Geld der Touristen will die Stadt auch nicht verzichten. Die Tourismuskrise hat in Barcelona sogar bei der Wahl der Bürgermeisterin eine Rolle gespielt. Ada Colau ist seit 2015 im Amt. Sie kommt selbst aus der Protestszene, hat sich als Sprecherin einer Bürgerbewegung gegen Zwangsräumungen einen Namen gemacht. Heute steht sie vor einer großen Herausforderung: Sie will die Stadt den Bürgern zurückgeben, ohne dabei den Tourismus kaputt zu machen. Die Folgen des Massentourismus sind mittlerweile die Sorge Nummer eins unter Barcelonas Bürgern, noch vor Arbeitslosigkeit, Korruption oder Luftverschmutzung. Ada Colau hat erkannt: Tourismus ist nicht mehr nur ein wirtschaftliches, sondern ein politisches Thema.

Neuerdings gibt es ein Bettenmoratorium für Hotels, Internetplattformen werden wegen Bewerbung nicht zugelassener Ferienwohnungen abgestraft. Das Internetportal Airbnb beispielsweise muss 600 000 Euro zahlen, weil es illegale Angebote nicht von der Website nehmen wollte. Rund hundert Kontrolleure machen in der Stadt die Runde, 2000 Wohnungen mussten schon vom Markt genommen werden, weil sie keine Zulassung für Ferienvermietung hatten. Dazu sucht das Rathaus fieberhaft nach Lösungen, vor wenigen Wochen erst bei einem internationalen Kongress für nachhaltigen Tourismus. Ideen wurden viele ausgetauscht: Kreuzfahrtschiffe zu mehrtägigen Landgängen verpflichten und nur noch gestaffelt anlegen lassen; Barcelona-Vip-Karten vergeben an Gäste, die mehr als vier Nächte im Hotel verbringen; Eintritt für überlaufene Stadtteile kassieren. Und ja, warum nicht: Sich auch das Laufen über die Rambla bezahlen zu lassen, so wie man auch in Venedig über einen Eintritt für den Markusplatz nachdenkt. Zur Abschreckung der Massen.

All diese Ideen findet Joan Roca zu zaghaft. Er fordert eine Kulturrevolution. "Wenn wir den Tourismus nicht verändern, riskieren wir die Zukunft Europas", sagt er. Auf dem Spiel stünden das Erbe und die Identität der Städte. Amsterdam, Venedig, Dubrovnik, Prag, Barcelona: Alle haben dasselbe Problem. "Entweder geben wir den Orten ihre wahre Bedeutung zurück, oder sie werden alle zu einem Themenpark wie Disneyland."

Die Identität der Stadt - im Falle Barcelonas gehören die alten Fabriken dazu. Nicht nur Römersiedlungen, gotische Kirchen und Jugendstilvillen haben etwas zu erzählen, auch Backsteingebäude, davon ist Ariel Cavilli überzeugt. Er erklärt das bei Führungen durch Poblenou, wohin die Diagonal führt, bevor sie am Meer endet. Das Viertel war einmal der wichtigste Industriestandort des westlichsten Mittelmeers. Vom 18. Jahrhundert bis in die 1960er-Jahre rauchten hier die Schornsteine. "Ohne die Industrie, die Arbeiterschaft, das Unternehmertum von damals kann man das heutige Barcelona nicht verstehen", sagt der Architekt.

Die alte Metall- und Waffenfabrik Oliva Artés beherbergt zum Beispiel eine der dreizehn Filialen des Historischen Museums. Das derbe Gebäude wurde nur minimal verändert. Paneele, Schaukästen und Alltagsgegenstände sind in der entkernten Halle zu sehen. Ein alter Seat und eine ungeöffnete Bierdose symbolisieren den kleinen Luxus der Arbeiter. Und eine aus London importierte Kloschüssel steht für den Luxus der Unternehmer. Sie gehörte der Familie Güell, die bei Antoni Gaudí im Jahr 1900 den Parc Güell in Auftrag gab. Der Jugendstilpark hat mittlerweile eine Beschränkung von 800 Besuchern pro Stunde. Auch Gaudís Villen am Passeig de Gràcia entstanden Anfang des 20. Jahrhunderts im Auftrag von Industriellenfamilien. Auch sie gehören zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten. Man sieht: Ohne Industrie kein Tourismus hier.

Reiseinformationen

Alternative Stadtspaziergänge des Historischen Museums gibt es als Faltpläne im Museumsshop günstig zu kaufen. Das Museu d'Història de la Ciutat (Muhba) liegt am Plaça del Rei, ohne Hausnummer, Di. bis Sa. 10 bis 19 Uhr, So. 10 bis 20 Uhr, Mo. geschlossen, www.ajuntament.barcelona.cat/museuhistoria; Führungen von Architour (drei Stunden) kosten 42 Euro p. P., Gruppenpreise auf Anfrage, www.architour.es

Das Arbeitermuseum Oliva Artés liegt im Viertel Poblenou, C. Espronceda, 142 - 146, geöffnet mittwochs 16.30 bis 20 Uhr, samstags und sonntags 11 bis 15 und 16 bis 20 Uhr, Eintritt frei, www.ajuntament.barcelona.cat/museuhistoria/es/muhba-oliva-artes Brauerei Moritz: www.moritz.com

Übernachtung: Condado Hotel, C. Aribau 201, DZ mit F. ab 115 Euro, www.condadohotel.com

Weitere Auskünfte: www.barcelonaturisme.com

Dank der vielen Aufträge konnte Gaudí schließlich sein Hauptwerk beginnen, die Sagrada Familia. Wer dort zur Stunde des Sonnenuntergangs steht, wenn das monumental große Kirchenschiff in orangefarbenes Licht getaucht ist, der fühlt sich tatsächlich etwas erhaben. Nur leider laufen überall Touristengruppen ihren Reiseleitern hinterher. Die meisten Besucher schauen nach oben, machen Videos, Fotos, Selfies. Da stehen sie in dieser riesigen Kirche und sehen sie sich durch den Minibildschirm des Handys an. "Wenn Sie eine Stadt kennenlernen wollen, dann halten Sie sich von den Wahrzeichen fern. Da sind Sie ja nur unter Touristen", empfiehlt der Touristikfachmann Alejandro González.

Garantiert unter Einheimischen ist man in der Brauerei Moritz. Sie steht an der Ronda Sant Antoni, nahe der überlaufenen Altstadt. Eröffnet hat sie im Jahr 1856 der Elsässer Louis Moritz. Jede Flasche trägt den Namen Barcelona auf dem Etikett. Den Einheimischen schmeckt es hier. Wo früher Bräurösser warteten, während die Kutschen mit Fässern beladen wurden, sitzt man heute an einem Terrassentisch. Oder man trinkt drinnen, zwischen Kupferkesseln und Stahltanks. Nach einem Stadtspaziergang kann man hier dieses typisch katalanische Lebensgefühl spüren, eine Mischung aus Arbeitseifer, Fortschrittsdenken und Genussfreude. Und man kann nachdenken, über die Ambitionen, Widersprüche und Eigenarten dieser Stadt.

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.