Spanien Barcelona wehrt sich gegen die Touristenflut

Las Ramblas: Anzahl der Touristen in Barcelona hat sich seit 1990 verzehnfacht. Das führt auch zu steigenden Mieten und Immobilienpreisen.

(Foto: imago/Hoch Zwei Stock/Angerer)

"Wir wollen nicht wie Venedig werden": Die Metropole verbietet den Bau neuer Hotels und schränkt die private Vermietung ein. Doch das gibt Ärger.

Von Thomas Urban

Die Forderung war prägnant. "Wir wollen nicht wie Venedig werden!" Dank dieser Parole wurde die linksalternative Aktivistin Ada Colau im Mai 2015 zur Oberbürgermeisterin der katalanischen Metropole Barcelona gewählt, und seitdem versucht sie, ihr Wahlversprechen Schritt für Schritt umzusetzen. Venedig ist in den Augen der 42-Jährigen, die es aus der Hausbesetzerszene an die Spitze der 1,6 Millionen Einwohner zählenden Hafenstadt geschafft hat, ein Ort geworden, der für die Venezianer keine Lebensqualität mehr hat. Sie möchte Barcelona den "venezianischen Weg" ersparen, deshalb hat sie die Wohnungspolitik, die Regulierung des Immobiliensektors und Beschränkungen für die Touristikbranche in den Mittelpunkt der Kommunalpolitik gestellt.

Barcelona hat unter allen Metropolen der Welt in den vergangenen drei Jahrzehnten den größten Zuwachs im Tourismus verbuchen können: 1990 zählte die Stadt 118 Hotels, die den Behörden 1,7 Millionen Übernachtungen meldeten. Im vergangenen Jahr waren 426 Hotels sowie 430 Hostels und Pensionen registriert, die es zusammen auf knapp 17 Millionen Übernachtungen brachten. Damit ist die Stadt auf den vierten Platz weltweit vorgerückt, nach Paris, Rom und London. Hinzu kommen Tausende Privatwohnungen, die über das Internet vermittelt werden.

Damit aber ist die Statistik längst noch nicht geschlossen. Denn die Innenstadt muss alljährlich mehrere Millionen Tagestouristen aushalten. Allein in das Viertel um die Sagrada Familia, die immer noch nicht fertiggestellte Kathedrale des romantisch-modernistischen Architekten Antoni Gaudí, kommen nach den Zählungen des "Verbandes der Nachbarschaftsvereine" pro Jahr 50 000 Reisebusse, in der Hochsaison manchmal mehr als 500 am Tag.

Airbnb musste 600 000 Euro Strafe zahlen. "Ein Warnschuss", heißt es bei der Stadt

Die Touristenflut hat die Struktur einiger Stadtteile im Zentrum stark verändert: Alteingesessene Geschäfte haben geschlossen, um Souvenirläden, Bars und Schnellrestaurants zu weichen. Die Umsätze der Immobilienfirmen sind steil gestiegen, Experten warnen vor der Gefahr einer Spekulationsblase. Für die Bewohner der Innenstadt haben neben dem Lärm rund um die Uhr, den nicht nur Heerscharen von Rollkoffern, sondern auch grölende Touristen machen, eine empfindliche Erhöhung der Mieten und Nebenkosten zu verkraften. Die linksalternative Stadtregierung hat einen Katalog von Maßnahmen beschlossen, der diesen Strukturwandel zu Lasten der alteingesessenen Einwohner schrittweise rückgängig machen soll.

Als Erstes wurde die Vergabe von Lizenzen für den Bau neuer Hotels drastisch eingeschränkt, für die Innenstadt sogar ganz eingestellt. Die Investoren haben seitdem mindestens 30 fest geplante Projekte gestrichen, doch stehen dafür mehrere Prozesse um Entschädigung an. Das nächste Maßnahmenpaket nimmt die Apartmentvermittler im Internet ins Visier, an erster Stelle die Branchengröße Airbnb. Deren Angebot hatte sich in den vergangenen drei Jahren fast verdreifacht, auf etwa 30 000. Die Stadt verlangt nun nicht nur Umsatzsteuer von der Agentur, sondern auch die Beantragung von Lizenzen durch die Wohnungseigentümer. Als sich das Airbnb-Management dagegen sperrte, ließ Ada Colau im vergangenen November medienwirksam eine Konventionalstrafe von 600 000 Euro verhängen - "ein erster Warnschuss", wie ein Sprecher der Stadtverwaltung sagte.

Begründet wurde die Strafe damit, dass über Airbnb Verträge mit 3812 Eigentümern ohne städtische Lizenz abgeschlossen worden waren. Nicht anders erging es dem Konkurrenten Homeaway, dem die Zusammenarbeit mit 1744 Eigentümern ohne Lizenz nachgewiesen wurde. Die Stadt erlaubt nur noch ein Online-Angebot pro Wohnungseigentümer, überdies müssen die Agenturen bei Vertragsabschluss sofort die Kurtaxe für ihre Kunden einziehen und an die Stadt abführen. Eigentümer, die ohne Lizenz an Touristen vermieten, können mit bis zu 30 000 Euro zur Kasse gebeten werden.

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Die Internetagenturen werden für einen spürbaren Anstieg der Mieten und Immobilienpreise in der Innenstadt verantwortlich gemacht. Für die Eigentümer ist das Modell attraktiv, weil die Vermietungen an Touristen jährlich oft mehrere Tausend Euro mehr einbringen als langfristige Mietverträge. In einer Medienkampagne hat die Stadt auf das Problem der steigenden Kosten für die Einwohner hingewiesen, verbunden mit der Aufforderung an die Einwohner, den Behörden die Vermietung von Nachbarapartments an Touristen zu melden. Welches Echo diese "Aufforderung zur Denunziation", wie es der Vertreter eines Eigentümerverbandes nannte, findet, ist bislang nicht bekannt. Doch dass die Stimmung wegen "die Nächte durchfeiernder und in Hauseingänge urinierender Touristen" gereizt ist, bezeugen viele Leserbriefe in den Zeitungen und Fernsehreportagen aus den betroffenen Stadtvierteln. An manchen Balkonen hängen Spruchbänder mit der schlichten Aufforderung: "Tourist go home!"

Die Oberbürgermeisterin Colau strebt einen spürbaren Rückgang bei den Übernachtungen an. Doch soll dieser nicht zur Streichung von Arbeitsplätzen sowie zu Verlusten für Geschäftsleute in der Branche führen. Die Parole lautet: weg vom Billig-Party-, hin zum Qualitäts-Bildungs-Tourismus. Doch wird der Oberbürgermeisterin vorgeworfen, hierfür kein schlüssiges Konzept zu haben. Ihre Kritiker halten ihr vor, sie vermische zwei Dinge, die nicht zusammengehörten: das Fehlen von Sozialwohnungen und die Interessen der Geschäftswelt, die für Tausende Arbeitsplätze sorge.

Der Verband Apartur, der die Interessen von Eigentümern vertritt, argumentiert außerdem, dass der Kampf gegen private Vermietung einem Großteil der Anbieter die Möglichkeit nimmt, dringende Reparaturen und Modernisierungen zu finanzieren. Ein beträchtlicher Teil der Häuser in Barcelona ist von veraltetem Standard, teilweise heruntergekommen. Die Kommunalpolitiker aber verweisen darauf, dass sie gegenüber ihren Wählern in der Pflicht stünden. Regelmäßig finden nämlich in der Innenstadt Demonstrationen statt, auf Plakaten steht der Satz: "Gebt uns unsere Stadt zurück!"

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