Spanien Barcelona geht gegen den Massentourismus an

Einwohner von Barcelona demonstrieren gegen den Ausverkauf ihrer Stadt.

(Foto: Josep Lago/AFP)

Und handelt sich damit Ärger mit der Regierung in Madrid ein. Warum es gar nicht so leicht ist, auf Qualität statt Quantität im Tourismus zu setzen.

Von Thomas Urban

Die Zahlen sind eindeutig: Im letzten Quartal des vergangenen Jahres ist der Umsatz aus dem Fremdenverkehr in der Mittelmeermetropole Barcelona um rund acht Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Für die spanische Zentralregierung im fernen und ungeliebten Madrid liegen die Dinge klar: Die Irrungen und Wirrungen um den gescheiterten Unabhängigkeitskurs der katalanischen Separatisten hätten viele Touristen abgeschreckt.

Doch Experten winken ab. Zum einen gab es im August den schlimmen Terroranschlag auf den Ramblas. Zum anderen sehen sie die Ursachen in den Maßnahmen der Stadt, den Massentourismus einzudämmen. Überdies gab es Aktionen radikaler politischer Gruppierungen, die "Touristen vergraulen" wollen. Zwei erzeugten weltweit ein Echo: Im Zentrum Barcelonas wurde ein Reisebus gestoppt, junge Männer, mit Halstüchern halb vermummt, sprühten "Tourismus zerstört die Stadtviertel" auf die Frontscheibe und zerstachen einen Reifen. Den Menschen in dem Bus fuhr der Schreck in die Glieder, die meisten dachten an einen Angriff von Terroristen. Am folgenden Tag nahm sich die Gruppe mehrere Mietwagen und Mietfahrräder vor, an denen sie ebenfalls die Reifen aufstachen. Die Bilder von dem Bus gingen um die Welt. International begannen Journalisten, sich Gedanken über die Auswüchse des Massentourismus zu machen. Aufsehen erregten auch Demonstrationen von Einwohnern mehrerer bei Touristen besonders beliebter Viertel. So blockierte eine Menschenkette aus mehreren Hundert Personen den Zutritt zum Mittelmeer vor dem ehemaligen Arbeiterviertel Barceloneta, in dem viele Wohnungen über das Internet vermietet werden und die Mieten nach oben geschossen sind.

"Die Stadt den Bürgern zurückgeben" - das ist das Motto der Bürgermeisterin

In Madrid beklagte der konservative Premierminister Mariano Rajoy den Rückgang der Besucherzahlen. Der Tourismus sei eine "Quelle des Reichtums", Aktionen dagegen seien eine "Torheit". Nach seinen Worten gibt die Branche 2,5 Millionen Menschen Arbeit, sie mache rund 13 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung aus.

Doch die Oberbürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, sieht dies völlig anders. Vor knapp drei Jahren kam sie überraschend in das Amt, einen Namen hatte sie sich zuvor in der linksalternativen Hausbesetzerszene gemacht. Ihre Parole lautet: "Die Stadt den Bürgern zurückgeben". Dies bedeutet konkret: Mieten müssen erträglich sein, Touristenmassen dürfen nicht den Alltag einzelner Stadtviertel dominieren.

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In den etablierten Parteien hatte man erwartet, dass die Frau aus dem Milieu der "Moralapostel und Weltverbesserer", wie ein Kommentator sie nannte, rasch in dem Amt scheitern würde. Doch Ada Colau erwies sich als zupackende Realpolitikerin, die überdies auch bei offiziellen Anlässen die Stadt angemessen repräsentiert. Allerdings musste sie Abstriche an ihrem ursprünglichen Programm für eine "lebenswerte Stadt" machen. Denn sie muss tagtäglich den Ausgleich finden zwischen den Interessen der Geschäftswelt und den Einwohnern, die nicht unmittelbar vom Tourismus leben. Immerhin sind vier Fünftel der Barceloner der Meinung, die Stadt profitiere sehr von dem Besucherstrom. Auch hat Ada Colau klargestellt: Aktionen wie die Sprayattacken auf Reisebusse und Reisebüros seien nicht akzeptabel. Sie hat die Stadtpolizei angewiesen, energisch nach den Tätern zu fahnden.