Von Titus Arnu

Mit Neigetechnik und Hochgeschwindigkeitsrhythmen nach Berlin: Brasilianische Fans reisen in einem Charter-ICE zum ersten Spiel ihrer Mannschaft.

Klack-klack, klack-klack, klack-klack! Damdam, dada-dadamdam! Selten gerät eine Zugfahrt durch Deutschland so musikalisch. Unter uns klackern die Schienen - klack-klack! - und um uns herum dröhnen die Congas - dada-dam! Dazu scheppern Tamburine. Trillerpfeifen trillern. Rasseln rasseln. Es ist eine extrem rhythmische Reise von Köln nach Berlin.

Brasilien-Fans reisen mit einem Charter-ICE zu den Spielen ihrer Mannschaft, dpa Bild vergrößern

(© Foto: dpa)

Anzeige

Der ICE 40858 ist ein außerplanmäßig lustiger Zug. Er ist bis auf den letzten Platz besetzt mit singenden und tanzenden Brasilianern. 2300 Fans des WM-Favoriten sind in zwei Zügen nach Berlin unterwegs, zum ersten Auftritt der Brasilianer in der Vorrunde.

Vier Stunden rattert und rasselt und trillert der Zug ohne Stopp quer durch Deutschland. Aussteigen geht nicht - wer einmal drin ist, muss mitfeiern. Der Samba-Sonderzug ist nur in zweiter Linie ein Transportmittel - der ICE dient vor allem als mobiler Partyraum. Das ist auch von außen zu sehen. Der Zugführer hat einen kleinen Deutschlandwimpel mit einem Saugnapf von innen an die windschnittige Scheibe des Cockpits befestigt, auf der rechten Seite prangt eine große Brasilienfahne.

Abfahrtssignal aus hunderten von Trillerpfeifen

Hunderte von Trillerpfeifen geben das Signal zur Abfahrt, und los geht's. Im Wagen hinter dem Bordbistro schnappt sich die Bordband gleich die zentralen Plätze und beginnt mit der Beschallung des Zuges.

Sieben Musiker haben sich auf dem Weg zum Zug zusammengefunden und spontan beschlossen, als Band nach Berlin zu reisen. Der gerade gegründeten Nachwuchs-Combo gehört ein 72-jähriger Trommler an, der Eintrittskarten vorweisen kann für alle Brasilien-Spiele - "inklusive Finale", wie er nur der Vollständigkeit halber bemerkt.

Sein Kumpel Lampiao da Bahia hat einen Schlapphut auf dem Kopf und bläst die Flöte. Wenn er die mal absetzt, kommen sofort heisere Rufe aus seinem Mund: "Brasil! Brasil! Brasil!" Robson Guiamares, ein Unternehmer aus Rio de Janeiro, trillert enthusiastisch auf seiner Pfeife mit. Zwischendurch staunt er über den modernen Zug: "Deutschland ist 50 Jahre weiter als Brasilien", sagt er, und sein Freund Roger de Lourenco ergänzt: "Beim Fußball ist das zum Glück anders."

Deutsche Transporttechnik und brasilianische Feierlaune ergänzen sich perfekt. Die Fans reisen in einem ICE-T, das ist ein Hochgeschwindigkeitszug mit Neigetechnik. Das bedeutet, um es brasilianisch auszudrücken, dass der Zug mit den Hüften wackeln kann. Der ICE-T legt sich in die Kurven wie ein Motorradfahrer. Dadurch ist er erstens schneller in Berlin und beweist zweitens, dass sogar ein dermaßen schweres, deutsches Ding wie ein ICE ein gewisses Gespür für Kurven und Rhythmus haben kann.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Der Zug, der mit den Hüften wackelt
  2. Der Zug, der mit den Hüften wackelt
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Wo die Deutschen wohnen

Die Nationalmannschaft logiert während der EM an einem exklusiven, schnörkeligen Ort. Reise-Beilage zur EM Jetzt lesen ...