Sightseeing kurios Auf die skurrile Tour

Die Schauspieler Jan Josef Liefers und Axel Prahl sind nur zu den Dreharbeiten in Münster. An ihrer Stelle können dort Touristen ermitteln.

(Foto: WDR/Stephan Rabold)

Klos in München, Korruption in Prag, Berlins Flughafen: In manchen Städten gibt es sehr kreative Rundgänge. Fünf Empfehlungen.

Von Ingrid Brunner, Hans Gasser und Melanie Staudinger

Schön schräg: Auf "Tatort"-Tour in Münster

Da auf dem Rad, war das nicht Kommissar Thiel? Das wäre schon ein großer Zufall, denn das so schräge wie kongeniale TV-Ermittlerduo Boerne/Thiel sucht man meist vergebens auf den Straßen von Münster. Es sei denn, es werden gerade die Außenaufnahmen für eine neue Folge gedreht. Wer sich auf die Schauplätze von Deutschlands beliebtestem "Tatort" begibt, sollte wissen, dass die Innenaufnahmen - etwa in der Pathologie oder im Kommissariat - in Köln im Studio entstehen. Doch das tut der Beliebtheit des Münsteraner "Tatorts" keinen Abbruch, im Gegenteil: "Jede neue Folge toppt die Einschaltquote der vorherigen", sagt Natalie Greiling vom Münsteraner Tour-Veranstalter K3 Stadtführungen, der auch "Tatort"-Krimitouren anbietet. Die Teilnehmer kommen aus ganz Deutschland. Sie schlüpfen dann für zwei Stunden in die Rolle des Ermittlers Thiel, der sich an die Spur seines entführten Kompagnons Professor Boerne heftet. Mit diesem Konzept lotst K3 die Teilnehmer durch die Altstadt. Ausgestattet mit Fotos aus alten Fällen und dirigiert von Anrufen und E-Mails beginnt die Suche. Sie führt über den Prinzipalmarkt, in den Rathausinnenhof, oder zum Domplatz - sprich zu den vom TV-Krimi bekannten Schauplätzen. Letzte Station ist nicht die Gerichtsmedizin, sondern das Café Aux Macarons in der Königsstraße: Kaffee und ein Stück Schaumgebäck sind im Ticketpreis enthalten. Ein bittersüßes Ende. Ingrid Brunner

Die "Tatort"-Touren finden am Wochenende statt, 14 Euro, www.stadtfuehrungen-in-muenster.de

Man muss - zu Münchens Toiletten

Barbara Reis zeigt Bilder von historischem Toilettenpapier.

(Foto: Stephan Rumpf)

Klein und günstig wird in München nicht gebaut. Das zeigt sich nicht nur im mondänen Schwabing oder im durchgentrifizierten Lehel, sondern auch am städtischen Toilettenwesen. Weil die stillen Örtchen in der bayerischen Landeshauptstadt immer etwas ganz Besonderes sein sollen, sind sie so selten, dass man lange nach ihnen suchen muss. Nur 100 öffentliche Toiletten gibt es in der Stadt mit ihren mehr als 1,5 Millionen Einwohnern und 14 Millionen Touristen jährlich. Das sind so wenige, dass nun selbst die Stadtführerinnen dagegen rebellieren und aus Protest gegen die vernachlässigte Toilettenkultur seit Kurzem eine eigene Führung mit dem bezeichnenden Namen "Shit happens - wohin, wenn es pressiert" anbieten. Barbara Reis und Diana Hipp vom Anbieter Stattreisen entführen eineinhalb Stunden lang in die Klogeschichte Münchens, ein weniger bekanntes Kapitel in der Historie der Stadt. Die beiden Frauen enttarnen einen Kiosk und ein Häuschen für Kunstausstellungen als einstige WCs. Sie berichten, warum der Münchner im Mittelalter gerne seinen Donnerbalken am jetzigen Altstadtring nutzte, sich heute aber lieber in den Untergrund begibt. Und sie erklären, welche Toilettentempel so prunkvoll aussehen, dass man sie von außen kaum erkennen kann. Stinkgefahr herrscht übrigens nicht, die Toiletten werden nicht von innen besichtigt. Melanie Staudinger

Nächste Toilettenführung: Samstag, 1. Juli, 12 Euro, www.stattreisen-muenchen.de

Brutal schiach: Eine Tour ins hässliche Wien

Marokkanisches Parkhaus oder Sitz des Bundespräsidenten? Nein, das Gebäude ist Österreichs Ministerium für Verkehr, Technologie und Innovation.

(Foto: Hans Gasser)

Vergessen Sie Sisi und Schönbrunn! So schön wie langweilig. Wer sich mit Eugene Quinn auf seinen "Vienna Ugly"-Spaziergang begibt, der lernt diese klischeebehaftete Stadt von einer anderen - der hässlichen Seite - kennen. Und das ist unterhaltsamer als das meiste, was in Wien an Stadtführungen angeboten wird. Quinn ist Brite und Wahlwiener, was in puncto Humor eine gute Mischung ergibt. Er zeigt den Teilnehmern eine Reihe von Architektursünden zwischen 1. und 2. Bezirk. Das reicht vom brutal in den barocken Augarten betonierten Flak-Turm über das österreichische Innovationsministerium (Quinn: "Sieht aus wie ein Parkhaus in Marrakesch") bis zum süßlich-kitschigen Johann-Strauss-Denkmal ("zu statisch und süßlich"). Quinn lässt die Teilnehmer seiner Tour abstimmen, ob sie die Gebäude eher hässlich oder attraktiv finden. Ihm geht es um Provokation und auch um eine Diskussion über eingespielte Sichtweisen und das gängige Wienbild. "Nirgends ist die Lücke zwischen Fantasie und Realität so groß wie in Wien", sagt Quinn. "Diese Lücke wollen wir erkunden." Mit seiner Denkfabrik "Space and Place" bietet Quinn neben anderen Führungen wie solchen zu Gerüchen oder ins "russische Wien" auch "Coffeehouse Conversations" an. Während eines Diners können Fremde und Wiener mithilfe von zu jedem Gang mitgereichten Fragen sich selbst und die Stadt besser kennenlernen. Hans Gasser

Nächste Vienna-Ugly-Führung: 13. Mai, 5 Euro, www.spaceandplace.at

Wien kann so hässlich sein

mehr...

Am Boden: Der BER als Sehenswürdigkeit

Noch nicht einmal in Betrieb und schon eine Sehenswürdigkeit: Ein Terminal des neuen Berliner Flughafens BER.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Bald elf Jahre liegt der Spatenstich für den BER zurück, die Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens war einmal für den Herbst 2011 geplant. Viel ist passiert seither, nur weniges davon ist erfreulich. Aktuell herrscht auf dem Berliner Flughafen Stillstand. Stillstand? Von wegen! Auch wenn der BER derzeit eine Planungsruine ist, regt sich dort Leben - am Boden: Jeden Donnerstag besteigen Besucher Busse und gehen auf Besichtigungstour. Seit fünf Jahren rollen sie über das Vorfeld des BER, umrunden den Tower, sogar aussteigen ist erlaubt - undenkbar, wenn erst der Flugbetrieb läuft. Eine Besonderheit, die Besucher gerne mit einem Selfie festhalten. Durch die Glaswand blicken sie hinein ins möblierte Terminal. Wenn nicht gerade Bauarbeiten im Gange sind, dürfen die Besucher den Check-in-Bereich sogar betreten. Sitzgruppen sind mit Planen abgedeckt. Alles scheint im Dornröschenschlaf zu liegen und auf den Kuss des Prinzen warten. Auch im Steigenberger Flughafenhotel wartet man auf den Tag X: täglich alle Wasserhähne auf- und zudrehen, lüften und Staub wischen. Keiner weiß, wie lange es noch dauert, bis die ersten Gäste einchecken. Derzeit ist der Herbst 2018 anvisiert. Bis es so weit ist, rollen weiter Touristen übers Vorfeld, treffen sich dort Läufer zum Airport-Run, und im Sommer erkunden samstags Radler den Flughafen, für 15 Euro inklusive Lunchpaket. Ingrid Brunner

BER-Besichtigungstouren finden donnerstags statt, 10 Euro, besucherdienst@berlin-airport.de

Bestechend: Ironisch durchs korrupte Prag

Bestechend und bestechlich: Petr Sourek führt Touristen und Einheimische an Prager Schauplätze der Korruption. Die Segway-Fahrer sind ein kurioser Hingucker am Rande.

(Foto: David W. Cerny/Reuters)

Eine ornithologische Tour mitten in Tschechiens Hauptstadt? Man solle Ferngläser und Wanderschuhe nicht vergessen, heißt es in der Beschreibung der Stadtführung durch Prag, denn man suche ja nach "diebischen Elstern". Ironiebegabt sollte jedenfalls sein, wer sich mit Petr Sourek oder seinen Mitstreitern auf die zweistündige Exkursion namens "Bestechendes Prag" begibt. Sourek ist Theaterautor in der freien Szene und ihm stinkt es, dass es in Prag und auch im "Wilden Nordwesten" des Landes so viele Korruptionsfälle gibt, die aber selten zu Verurteilungen führen. Deshalb bringt er nun Einheimische und Touristen (Führungen auch auf Deutsch) zu den Schauplätzen der Korruption. Da ist das Gebäude der Prager Stadtverwaltung, die freiwillig und auf 20 Jahre eine fünf mal höhere Miete bezahle als in diesem Stadtteil üblich, so Sourek: "Die wollen zeigen, dass sie reich sind." Man bekommt einen Radweg zu sehen, der 5,6 Millionen Euro gekostet hat, aber kaum genutzt wird, weil er oben an einer langen Treppe endet; oder die ins denkmalgeschützte Gründerzeitviertel geklotzten Beton-Villen von stadtbekannten Bonzen, mit der Einladung, die Klingelschilder zu fotografieren, um sich ihre Namen zu merken. Die Texte der Stadtführung hat Sourek geschrieben, manchmal wird auch, etwa zur Melodie von "Yesterday", ein Anti-Korruptionslied gesungen. Gute Unterhaltung ist das und zudem erfährt man viel über Tschechiens Gegenwart. Hans Gasser

Führung ab 27 Euro, www.corrupttour.com

Botschafter der anderen Art

Städte sind Mosaike aus vielen Tausend Geschichten. Um die passendsten zu erzählen, brauchen Stadtführer keine Ausbildung. Manche beklagen das, andere freuen sich über die Freiheit der Rede. Von Thomas Hahn mehr...