Skigebiete in den Alpen Ein Tag im Schnee: Zermatt

Pause machen und Matterhorn gucken im Restaurant bei der Bergstation Trockener Steg.

(Foto: Christof Sonderegger/Schweiz Tourismus/swiss-image.ch)

Keine Pelzmäntel, Ferraris oder Snowboarder: Zermatt ist ein guter Ort für Skifahrer, die einfach nur Ski fahren wollen - wenn sie es sich leisten können.

Von Karoline Meta Beisel

Man sollte meinen, dass ein Spaziergang über die Zermatter Bahnhofstraße eine entspannende Angelegenheit sein müsste, wo doch auf der Bahnhofstraße keine Autos fahren. Das Gegenteil ist der Fall. Man spaziert so dahin, schaut sich hier eine teure Uhr im Schaufenster an oder dort die beeindruckende Auswahl an Schweizer Taschenmessern - und plötzlich hupt es von hinten derart laut und grell, dass man beinahe ausrutscht auf dem plattgetrampelten Schnee und dem vom Skitag ohnehin schon geschundenen Körper noch ein malerisches Hämatom hinzufügt.

Zermatt ist autofrei, oder besser: frei von Verbrennungsmotoren. Nur einige Elektrovehikel sind auf den Straßen zugelassen, und die haben nun mal die Eigenschaft, sich nahezu geräuschlos von hinten an unschuldige Spaziergänger heranzupirschen. Die Stadtoberen hatten 1961 bei ihrer Entscheidung, den Verkehr in Zermatt einzudämmen, vermutlich vor allem den Umweltschutz im Sinn und dachten noch nicht an den zweiten Effekt, der für die Stimmung im Ort heute fast genauso wichtig ist: Nach Zermatt kann man nicht mit dem Ferrari kommen, spätestens im Nachbarort Täsch muss der Privatwagen stehenbleiben. Dort hat auch die in anderen Orten gerne gepflegte Präsentation automobiler Statussymbole ein Ende. Zum Glück.

In der Serie "Ein Tag im Schnee" testet die SZ Skigebiete.

(Foto: SZ-Grafik)

Denn der Ort wäre dafür freilich prädestiniert. Zermatt ist teuer, selbst für schweizerische und erst recht für deutsche Verhältnisse. In einem eher ungemütlichen Restaurant zwischen der traditionellen Whymperstube in der Ortsmitte und dem Papperla Pub auf der anderen Seite des Bachs Matter Vispa, der schon in den Neunzigerjahren Zermatts beliebteste Après-Ski-Kneipe war, zahlt man für einen Teller Spaghetti mit Knoblauch und Olivenöl gern mal 23 Franken. Ein Tagespass für die Bergbahn kostet 79 Franken, die Skimiete um die 40 Franken, und auf dem Klein Matterhorn ist nicht einmal die Notdurft umsonst - zwei Franken bitte, danke.

Aber man sieht den Reichtum nicht, den man den Besuchern des Ortes schon der Wechselkurslogik wegen unterstellen muss, jedenfalls nicht, wenn man es nicht darauf anlegt. Kein Ferrari, kein Champagnerbrunnen. Die einzige Frau, die auf der Bahnhofstraße einen Pelzmantel spazieren führt, sieht so aus, als hätte sie diesen schon besessen, bevor die Tierschutzorganisation Peta überhaupt gegründet wurde. Als Normalverdiener muss man trotzdem eine Weile sparen, um sich eine Woche mit der Familie im höchsten Skigebiet Europas leisten zu können.

Was es dafür gibt? Allein auf der nördlichen, der Schweizer Seite sind 200 Pistenkilometer auf drei Skigebiete verteilt. Wer länger bleiben will, kann auch einen internationalen Skipass erwerben und das Revier mit dem italienischen Nachbargebiet Cervinia auf 360 Pistenkilometer erweitern. Der Grenzübertritt erfolgt über den Theodulpass auf etwa 3300 Metern, ganz bequem auf Skiern. Der höchste Punkt, von dem man hinunterfahren kann, ist das Klein Matterhorn, die Bergstation liegt auf 3820 Meter. Und seit 2008 die Gondelverbindung vom Furi auf den Riffelberg unterhalb des Gornergrats eröffnet wurde, kann man auch die drei Gebiete auf Schweizer Seite noch bequemer nacheinander abfahren, ohne zwischendurch ganz hinunter ins Tal zu müssen. Wer nicht will, muss keine einzige Abfahrt zweimal machen.

Die riesigen, kantinenartigen Verhaue, atmosphärisch irgendwo zwischen Autowerkstatt und Zirkuszelt, die man aus anderen Skigebieten kennt, fehlen hier - stattdessen sehen die meisten Hütten und Restaurants am Berg so aus, als hätten sie sich in den vergangenen 50 Jahren überhaupt nicht verändert - im positiven Sinne. Und über all dem thront wunderschön und noch viel kitschiger und malerischer, als man vermuten könnte, das Matterhorn, das die Schweizer in aller Bescheidenheit "den Berg der Berge" nennen.

Als sich dessen Erstbesteigung im vergangenen Jahr zum 150. Mal jährte, brachte das dem ohnehin weltbekannten Ort noch mehr Aufmerksamkeit. Das Matterhornmuseum, das die Geschichte des Aufstiegs - und vor allem des für vier der Erstbesteiger tödlichen Abstiegs - dokumentiert, verzeichnete 2015 so viele Besucher wie noch nie, etwas mehr als 50 000.

Auf den Pisten hingegen ist es leer, wenn man nicht gerade die Ferienzeit wählt für den Besuch. Sportliche Fahrer, denen es vor allem darum geht, möglichst viel Ski zu fahren, profitieren davon. Und noch etwas fällt auf: Snowboarder sieht man so gut wie gar nicht. Das liegt wohl am nachlassenden Interesse für die Sportart allgemein, aber auch an den Eigenarten des Skigebiets: Viele Pisten haben flachere Passagen, die sich nur mit viel Schwung oder Stockeinsatz überwinden lassen. Für manchen militanten Skifahrer ist dieser Mangel an Snowboardern fast so schön wie die autofreie Fußgängerzone.

Immer mit Aussicht

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