Reisepionierin Amelia Stewart Knight "Ich war froh, von so einem gesetzlosen Volk wegzukommen"

Einige Flüsse können die Siedler mit ihren riesigen Viehherden nur deshalb überwinden, weil Männer der Stämme entlang der Route sich ein wenig Geld verdienen und mit den Pferden und Ochsen am Halfter durch die Stromschnellen schwimmen, "von frühmorgens bis spät in die Nacht". Jedes Mal in der Hoffnung, dass der Herdentrieb stark genug ist, dass die anderen Tiere folgen. Und nicht in der Mitte des Flusses voller Angst umkehren und dabei die Planwagen zum Kentern bringen. "Drei Pferde und einige Rinder ertranken hier allein gestern."

Konflikte gibt es seltener mit indigenen Stämmen, dafür aber mit anderen Siedlern auf dem überfüllten Weg gen Westen, der nur bewältigt werden kann, solange wenig Schnee auf den Bergpässen liegt:

"Als wir heute losfuhren, waren vor uns zwei große Viehherden und etwa 50 Wagen. Wir hätten entweder in der Staubwolke dahinter bleiben müssen oder uns beeilen und sie überholen. Es war eine Mordsarbeit, zwischen hunderten Rindern auf nur einer Straße zu steuern. Und die Fahrer davor drohten, dass ihre Herden uns niedertrampeln, wenn wir überholten. Sie zückten sogar ihre Pistolen. 'Der Mann' überriss die Situation und führte unsere Gruppe ganz weg von dem Pfad. Auch unser Vieh schien zu verstehen, worum es ging, es trabte schnell hinterher. Ich hatte eine harte Fahrt, aber war froh, von so einem gesetzlosen Volk wegzukommen. Mittags hatten wir sie überholt, egal wie sehr sie ihr eigenes Vieh antrieben, und ließen fluchende Männer hinter uns."

Ein Wettrennen bei über 30 Grad Celsius. Doch auch wenn die Pioniere zäh sein müssen, sind nicht alle knallharte Kerle und Frauen: Sowohl "der Mann" (sie schreibt über Joel Knight konsequent als "husband") als auch die älteren Söhne reiten nach gewaltigen Tagesmärschen nochmals zurück, um den erschöpften Familienhund zu suchen. Und auch wenn Amelia Stewart Knight ihren Ehemann im Tagebuch niemals beim Namen nennt, ist das kein Zeichen für eine schlechte Beziehung: Er kümmert sich doch aufmerksam um sie. Als sie an heiße Quellen kommen, sucht er mit ihr nach einer erträglich warmen Stelle, an der seine schwangere Frau ein Bad nehmen kann.

Fürs Foto nachgestellt: ein Planwagen auf dem Oregon Trail

(Foto: Quelle: Wikimedia commons)

Je mühsamer das Gelände, je weniger Futter und trinkbares Wasser, desto mehr Kadaver säumen den Weg: "Nichts als sandige Wüste so weit das Auge reicht, die Straße ist übersät mit totem Vieh, der Gestank ist furchtbar. Trotzdem frühstücken hier manche Leute." Immer wieder erwähnt Amelia Stewart Knight, wie leid ihr die Tiere tun: "Heute fiel einer unserer Ochsen tot im Joch um. (...) Schande über denjenigen, der diese armen Kreaturen nicht bedauert, die Monat um Monat auf dieser wüsten Straße reisen müssen. Ich konnte kaum die Tränen zurückhalten, als wir um unseren armen Ochsen herumfuhren, der uns half, so weit zu kommen und seinen letzten Schritt im Leben für uns machte." Sie sind gezwungen, eine Kuh und ihr Kalb einzutauschen, um sich einen jungen Ochsen als Ersatz für das Zugtier leisten zu können. "Nach einem halben Tag stellten wir fest, dass wir betrogen worden sind. Der Ochse kann Reisen nicht ausstehen."

In einem Tal ist sie beeindruckt von gut aussehenden Cayuse-Indianern "auf ihren schönen Ponies", sie kaufen ihnen frischen Lachs ab. Zugleich muss sie sich in den Blue Mountains wegen der Scharlach-Erkrankung eines Sohnes sorgen, die Beine ihrer Töchter versorgen, die in giftigen Efeu geraten sind. Und an den steilsten Passagen steigt sie nicht nur aus dem Wagen, sondern trägt auch ihren jüngsten Sohn. Den stets wachsenden Bauch erwähnt sie nicht.

Nach den Blue Mountains zieht der Treck durch eine staubige Prärie, die den Tieren kaum Futter bietet. Die Freude über ein schönes, fruchtbares Tal mit einem kleinen Fluss als Lager währt nicht lang. Ein nächtlicher Sturm verwüstet das Lager; Töpfe und Eimer, die ungesichert unter den Planwagen lagen, verweht der Wind. Während am nächsten Tag die Männer und Jungen versuchen, Ochsen und Pferde wieder einzufangen, wartet Knight mit den Kindern zitternd vor Kälte im Wagen. Wieder in der Prärie zerbrechen sie ein paar Holzbretter des Wagens, um überhaupt Feuer machen zu können. Weil das Geld ausgegangen ist, muss "der Mann" seine Fuchsstute für 125 Dollar verkaufen.

Vor den Cascade Mountains werden die Wagen nochmal so leicht wie möglich für die Überquerung gemacht. Amelia Stewart Knight ist die ganze Nacht übel, weil das Waschen und Arbeiten zu anstrengend war - auch diese Information am Rande setzt sie noch bescheiden in Klammern, sich selbst stellt sie in ihrem Tagebuch nicht in den Mittelpunkt. Trotzdem wird die Mühsal immer deutlicher: "Wir mussten einen steilen Hügel bewältigen, was sehr schwer für das Vieh war - und für mich selbst. Ich dachte, ich erreiche den Gipfel nie, obwohl ich zwei oder dreimal Pause machte."

Durch die Berge führt "der schlechteste Weg, den wir je hatten", durch Matschlöcher, jeder Stoß rüttelt alles im Wagen durch; an umgestürzten Bäumen vorbei und an zurückgelassenen Wagen sowie toten Pferden, Ochsen, Mulis, die nicht alle vor Erschöpfung gestorben sind: Die hungrigen Tiere haben giftigen Lorbeer gefressen. Der dichte Wald aus Kiefern, Tannen, weißen Zedern und Redwood "ist bis zu 300 Fuß hoch und schließt fast das Licht des Himmels aus und ich wage kaum, zu ihren Wipfel zu blicken aus Furcht, mir das Genick zu brechen".

Blick durch den Pass Scotts Bluff, Nebraska, Juli 1858

(Foto: Quelle: Wikimedia commons)

Einer der schlimmsten Wegabschnitte kommt aber erst noch: "Stellen wir uns einen Wagenzug mit Vieh vor, der durch einen krummen Kamin muss, und wir haben Big Laurel Hill." In dem Hohlweg ist gerade so Platz für die Wagen, die Tiere rutschen aus, da ein Bach hier hinabrinnt. Und die Ungeduld der anderen macht es nicht besser: Ihr Wagenzug musst immer wieder halten, weil der davor alle paar Minuten stoppt - und dahinter wird schon von den nächsten Kutschböcken herab geflucht, dass es endlich weitergehen solle. Während die Männer und Jungen die Tiere vorantreiben, muss Amelia Stewart Knight für sich und die Jüngsten einen Weg durch das Chaos finden, über und unter Baumstämmen durchklettern, den kleinen Chatfield auf dem einen Arm. Mit der anderen Hand hält sie sich die Nase zu. Auch diesen Weg säumen verwesende Kadaver. Es sind nur noch wenige Tage bis zur Geburt ihres achten Kindes.

Kein Wunder, dass ihr am nächsten Tag die Prärie umso schöner vorkommt. Nun ist es nicht mehr weit bis zur ersten Ranch im Oregon Country, doch dort wartet eine Enttäuschung: Wucherpreise. Ein Dollar für ein Dutzend Eier, ebenso für Butter, ein paar Zwiebeln für fünf Dollar - sie müssen sich auf Rüben beschränken. Nun kostet sie die Erschöpfung doch die Euphorie, "und hier sind wir also in Oregon, schlagen unser Camp in einer hässlichen Talsohle auf, mit keinem Heim außer unseren Wagen und dem Zelt." Sieben Meilen vor Milwaukie gebiert Amelia Stewart Knight ihr achtes Kind. "Danach packten wir und setzen mit Kanus und Ruderbooten über den Columbia River. Das dauerte drei Tage."

So lakonisch, wie sie ihr Tagebuch geführt hat, beendet sie es im September im Clark County nach mehr als fünf Monaten auf dem Oregon Trail: "Hier tauscht 'der Mann' zwei Ochsenjoche für ein wenig Land mit einer kleinen Blockhütte mit Pultdach ohne Fenster. Das ist das Ende der Reise."

Sie war nicht die erste, die diese beschwerliche Reise auf dem Oregon Trail machte, und bei weitem nicht die einzige. Aber Amelia Stewart Knight steht für die vielen, für die nicht der Weg das Ziel war. Sondern die erst den Weg mit all seinen Widrigkeiten überstehen mussten, um anzukommen.

Das detaillierte Tagebuch von Amelia Stewart Knight finden Sie hier. Die Pionierin starb am 25. Januar 1896 und überlebte "den Mann" um fast drei Jahrzehnte. Über ihre Zeit im Westen hat sie keine Tagebücher geführt oder diese sind nicht erhalten.