Serie "Mythos New York" In New York ist es okay, ein modischer Nerd zu sein

Mode in New York: Nur die Dame auf dem Plakat staunt da.

(Foto: Carlo Allegri/Reuters/Bearbeitung SZ)

Als Sonderlinge outen sich nur Besucher, denen beim Anblick grüner Haare und roter Männerlippen der Mund offen stehen bleibt.

Von Johanna Bruckner

Wer wissen will, was es mit der Modestadt New York wirklich auf sich hat, fragt am besten eine echte New Yorkerin. Iris Apfel sagte einmal in einem Interview: "Ich bin kein Pastell-Typ! Pastellfarben machen mich nervös." Man würde Apfel wohl als Fashionista bezeichnen, würde dieser Begriff nicht nach 16-jährigen Bloggerinnen mit labelverzierten Designer-Täschchen klingen. Apfel ist 95 Jahre alt, geboren in Queens, und eine Stilikone - offenkundig nicht von der Twinset-tragenden Sorte. Vor einigen Jahren widmete ihr das Metropolitan Museum of Art eine eigene Ausstellung und 2014 erschien "Iris", eine Dokumentation über die Frau mit dem grauen Pixie-Schnitt und den übergroßen, bunten Brillen.

Apfel symbolisiert jenen Modestil, der mit New York assoziiert wird und im Prinzip selbsterklärend ist. Wenn Berlin die Stadt der alternativen Coolness ist, Mailand und Paris für die modischen Grundtugenden stehen (Glamour, Eleganz, Exklusivität), ist New York: in your face. Zumindest auf den ersten Blick.

Iris Apfel, Stilikone, prägend.

(Foto: AP)

Hier trägt die nette Barista im Lieblingscafé ihre langen Haare giftgrün gefärbt und in der U-Bahn sitzt ein junger Mann mit rotem Lippenstift und schwarzem Glitzernagellack. Doch was der staunende Tourist möglicherweise übersieht: Er ist vermutlich der Einzige, der angestrengt versucht, hinzugucken, ohne beim Glotzen ertappt zu werden. (Von anderen Urlaubern einmal abgesehen.) Denn tatsächlich ist New York vor allem eine Stadt, die modisch aufgeschlossen ist - nicht nur für das Extreme.

Ein Freund erzählte neulich beim Lunch: In New York fühle er sich zum ersten Mal modisch akzeptiert.

Er trägt oft Jeans und Karohemden aus Flanell, allerdings schreit die Kombination bei ihm nicht "Williamsburg-Hipster!", sondern sagt schlicht: "Cincinnati, Ohio" Als er noch nicht in New York lebte, habe er häufig das Gefühl gehabt, sich nicht cool genug zu kleiden, erklärte der Freund. Hier sei es vollkommen okay, ein Nerd zu sein.

Bei aller Diversität gibt es etwas, das jeder New Yorker im Schrank hat, häufig sogar mehrfach: Turnschuhe. Die sind in einer Stadt unabdingbar, in der die U-Bahn in etwa so zuverlässig ist wie das Wetter im April. Wer mit dem Sex-and-the-City-Klischee im Kopf nach New York kommt, dass die Frauen hier grundsätzlich in Manolo-Blahnik-Sandalen durch die Stadt stöckeln und mit einer strassbesetzten Clutch nach dem Taxi winken, wird enttäuscht. Wenn die New Yorkerin mehr als zwei Blocks laufen muss, schlüpft sie in die flachen Schuhe, die sie in ihrer geräumigen Handtasche immer griffbereit hat.

Ist New York also eine Stadt, in der alles kann, aber nichts muss?

Mythos New York - eine Serie

"Die Stadt, die niemals schläft", "Metropole der Singles", "unbezahlbar" - Reisende haben viele Bilder im Kopf, wenn sie New York City besuchen. Aber was ist dran an den Klischees? In der Serie "Mythos New York" macht unsere neu angekommene Korrespondentin den - ganz subjektiven - Realitätscheck.