Schweiz: Skitour hochalpin Wahre Größen

Sechs Viertausender in fünf Tagen: Während im Tal schon T-Shirt-Wetter herrscht, stellen sich Bergsteiger auf einer Ski-Tour im Schweizer Wallis vor allem eine Frage: warum?

Von Titus Arnu

Morgens um halb fünf ist die Welt noch nicht in Ordnung. Schlaftrunkene Menschen tasten nach ihren Rucksäcken, Klettergurten, Stirnlampen, Handschuhen, Jacken. Vom Lager aus sieht man durch das Fenster die Sterne funkeln. Warum nicht einfach liegen bleiben? Wieso soll man eigentlich im Dunkeln auf Skiern mitten im Frühjahr durch eine Eiswüste marschieren, mit Lampen am Kopf, Latten an den Füßen und Gepäck auf dem Rücken? Unten im Tal frühstücken die Menschen später am Tag gemütlich im Garten, wir zwängen uns in Skistiefel und nagen an gefrorenen Müsliriegeln. Was soll das?

Bergführeraspirant Dave auf dem Adlerpass, im Hintergrund Matterhorn ganz rechts

(Foto: Enno Kapitza)

Vor dem Berggasthaus Längfluh, auf 2870 Metern Höhe über Saas Fee gelegen, herrscht allgemeine Hektik. Die Hütte ist voll bis in den letzten Winkel, alle Schlafplätze waren in der kurzen Nacht belegt. Und nun wollen alle gleichzeitig los, noch bevor die Sonne aufgeht. Mindestens fünf Stunden wird es schätzungsweise bis zum Gipfel des Alphubel dauern, einem 4206 Meter hohen Eisriesen zwischen Saas Fee und Zermatt.

Alle zwölf Teilnehmer haben ihre Stirnlampen eingeschaltet, da oben leuchten die Sterne, da unten leuchten wir. Das Kratzen der Harscheisen ist auf dem festgefrorenen, betonharten Schnee zu hören, ab und zu aufgelockert durch Husten, Schneuzen und leises Keuchen.

Als die Sonne aufgeht, färben sich die Spitzen der Viertausender rund um Saas Fee langsam rosa, der Himmel wechselt von dunkelschwarz auf hellblau, die Sterne verblassen. "Ich habe mein Leben lang davon geträumt", sagt Barbara aus Zürich und japst nach Luft, "einmal mit Skiern auf einen Viertausender zu gehen." Kurze Pause, japsen, weiter: "Jetzt frag' ich mich ernsthaft: warum?" Vor der Gruppe liegt ein steiles, verharschtes Stück, das viele Spitzkehren erfordert. Nach dem Steilstück kommt eine Zone mit Gletscherspalten und vereisten Engstellen, danach sind es immer noch 300 Höhenmeter bis zum Gipfel.

Die Frage ist berechtigt: Warum tut man sich das an? Wie soll man erklären, warum man fünf- bis achtstündige Aufstiege, kurze Nächte im Massenlager und Blasen an den Füßen auf sich nimmt, nur um einmal auf einem kalten Gipfel zu stehen, der höher als 4000 Meter ist, während unten im Tal schon T-Shirt-Wetter herrscht? "So ein Viertausender ist irgendwie majestätisch", sagt Sonja Liechti, eine der Teilnehmerinnen, "und im Winter wirkt er noch viel majestätischer."