Sahara Weichen für ein hartes Land

Mit dieser Überzeugung feiern die Marokkaner den "Grünen Marsch" bis heute. Als eine Invasion des marokkanischen Militärs dagegen betrachtet die saharauische Freiheitsbewegung Frente Polisario die Eingliederung der Westsahara durch Marokko. Teile der Bevölkerung, die auf der Seite der Polisario kämpften, flohen ins Nachbarland Algerien, wo Zehntausende Saharauis bis heute in Flüchtlingslagern bei Tindouf leben und dort von Hilfslieferungen der EU und der Uno abhängig sind.

Das von den Vereinten Nationen zugesicherte Recht auf Selbstbestimmung der Saharauis und die Durchführung eines Referendums über die Zukunft des Landes lassen seit Jahren auf sich warten. Derweil hat Marokko ganze Städte aus dem Wüstensand gestampft und lockt mit Steuervorteilen und geringen Lebenshaltungskosten arme Berberfamilien aus dem Atlas in die Sahara.

In Dakhla, der letzten Siedlung vor der Grenze, endet die Fahrt mit dem alten Mercedes, es geht weiter mit einem mauretanischen Obsthändler in Richtung Süden. Ein kleiner Mann mit rundem Gesicht und spitzem Bart, der in einer arabischen Fallschirmhose steckt und sich Bari nennt.

Das Grenzland wird rigide überwacht. Am mauretanischen Grenzstreifen warnt ein windschiefes Schild vor Landminen und Skorpionen. Die Grenzstation ist eine Blechbaracke neben einem zusammengefallenen Wohnwagen. Der Zollbeamte freut sich über die wenigen Touristen, mit denen er französisch reden kann und setzt sich dazu deren Sonnenbrillen auf. Er will wissen, ob man etwas von senegalesischen Flüchtlingen gehört hätte.

Straße der Sehnsucht

Durchs marokkanisch-mauretanische Niemandsland führt die Straße der Sehnsucht Schwarzafrikas. Kaum einer südlich der Sahara, der nicht von Europa träumt. Und wer irgendwie kann, macht sich auf den gefährlichen Weg nach Norden, in der Hoffnung, irgendwann dort anzukommen, wo man glaubt, dass es kein Leiden mehr gibt.

Hauptsache entkommen, dem Teufelskreis aus Elend, Armut und Bürgerkrieg. Was kostet schon eine Reise von Brazzaville nach Paris, wenn die Alternative dazu lebenslange Aussichtslosigkeit ist? Niemand zählt die Sehnsüchtigen, die auf den Minenfeldern an unsichtbaren Grenzen entlang, im Treibsand der Sahara und auf dem Meeresboden vor Gibraltar und Lanzarote zurückbleiben.

Keine Grenze südlich der Sahara, die nicht vom Bakschisch der Durchreisenden zehrt: Bari besänftigt die Hüter der Nation mit Mandarinen und Karotten. Mekein mushkil. Alles kein Problem. Als er mit den Zöllnern und Passkontrolleuren, den Polizisten und Grenzsoldaten zum Gebet niederfällt, ist die Wüste blutrot. Abgang der Sonne.

Mauretanien gehört zu den ärmsten und lebensfeindlichsten Ländern der Erde. Eine Nation, die praktisch nur aus Wüste besteht und von Nomadenstämmen durchzogen wird, die heute noch Erbsklaven halten. Bis zur nächsten Siedlung sind es noch mindestens vierzig Kilometer. Die Dunkelheit bricht herein und die Asphaltstraße verliert sich nach dem letzten Polizeiposten in einer Reihe kaum sichtbarer Pisten, die irgendwann völlig verschwunden sind.

Man muss fürchten, dass der alternde Gemüsewagen irgendwann ganz in einem Sandloch versinkt. Mit der wachsenden Dunkelheit weicht die Hitze des Tages einer unerwarteten Kälte.

Verirrt in der Einsamkeit

Irgendwann taucht ein schwaches Leuchten in der Ferne auf. Der Motor verstummt. Die Scheinwerfer erlöschen. Stille über den Dünen. Die Sterne hängen so tief, dass man danach greifen möchte. Im Sternenschatten sind zwei Nomadenzelte zu erkennen.

Die Umrisse zweier Kinder werden im Eingang des Zelts sichtbar, aus dem schwaches Licht nach draußen dringt. Sie warten auf ihren Vater, der aus einem fernen Land zurückgekehrt ist. Als stolzer Mauretanier lädt Bari die fremden Anhalter ein, die Nacht bei seiner Familie zu verbringen. Sein Zuhause ist ein Zelt, das sich in der Einsamkeit der Wüste verirrt hat.

Hier sitzen die Gäste auf fetten Polstern und versuchen vergeblich, aus geflüstertem Hassaniya-Arabisch ein paar bekannte Wörter zu sieben. Hier ist Abrahams Zelt. Das ist Saras Lachen. Es klingt wie ungläubiges Staunen hinter vorgehaltener Hand. Zwei verhüllte Frauengestalten kochen in einer Ecke Tee. Ein alter Mann mit einem langen Bart raucht etwas, das nach Marihuana riecht. Sein kantiger Schatten flackert bläulich über die Zeltplane. In seinem Schoß liegt ein Kind.

Mit großen schwarzen Augen verfolgt es jede Bewegung der Fremden. Als sich das Loch in der Zeltwand noch einmal öffnet, tritt ein junger Mann in den Schein der Gasflamme. Die Gestalt im Engelskostüm ist ein Teenager, kaut auf einem Zahnstocher und lacht über das brockenhafte Arabisch der Gäste. Irgendwoher hat er ein Radio. Arabische Leidensgesänge und empfangsgeschädigte Bußpredigten. Plötzlich eine deutsche Nachrichtenstimme.