Rückenlehnen im Flugzeug Kampf ums Kippen

Eine Spur zu nah? Das gilt an Bord nicht nur für den Sitznachbarn, sondern auch für die Rückenlehne des Vordermannes.

Viele Passagiere wollen verbieten lassen, dass Rückenlehnen im Flieger zurückgeklappt werden. Wenn sie selbst am längeren Hebel sitzen, ist ihnen das Leid des Hintermannes egal.

Von Carolin Gasteiger und Katja Schnitzler

Kippen oder nicht kippen, das ist eine Frage, über die im Flugzeug heftig gestritten wird. Mancher revanchiert sich für sein von der Rückenlehne des Vordermannes getroffenes Knie mit einer deftigen Schimpftirade. Ist die Lehne erst gekippt, wird Essen oder gar Entspannen für manche offenbar schwerer. Viele Economy-Class-Passagiere empfinden das Zurücksetzen der Lehne als Eindringen in den persönlichen Luftraum.

Also stellt sich die Frage: Wer darf wann und wie weit und überhaupt: Muss das sein? Eine Umfrage der Internetseite Skyscanner kommt zu dem Ergebnis: Die wenigsten Mitreisenden fragen den Hintermann höflich um Erlaubnis oder warnen ihn zumindest, bevor sie es sich selbst gemütlich und dem anderen ungemütlich machen. Wird nachgefragt, trauen sich andererseits die wenigsten, den Wunsch nach einer geneigten Lehne abzuweisen. Also ertragen sie ihre missliche Lage.

Aber was ist die Lösung? Für die überwältigende Mehrheit der Menschen, die bei der Skycanner-Umfrage mitgemacht haben, lautet sie: Die Lehnen nicht mehr zu verstellen, zumindest auf Kurzstrecken-Flügen. 90 Prozent verzichten lieber selbst auf den geringen Neige-Komfort, um das bisschen Beinfreiheit zu bewahren, das ihnen in der Economy Class bleibt.

Auf Langstreckenflügen wünschen sich immerhin 43 Prozent festgelegte Zeiten für das Verstellen der Lehne. Künftig könnte die Ansage der Stewardess also lauten: "In den folgenden 30 Minuten dürfen Sie Ihre Rückenlehne nach hinten klappen." Oder während der gesamten Nachtruhe - zum Frühstück ginge es dann sinnigerweise wieder in die Senkrechte, und zwar für alle.

"Schätzelein, sitzt du neben dat Scheich?"

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Die Umfrage offenbarte zudem, dass Reisende sehr egoistisch sein können, wenn es um ihre eigene Bequemlichkeit geht - sprich sie selbst am längeren Hebel sitzen: 70 Prozent der Befragten würden die Rückenlehne auch dann zurückklappen, wenn hinter ihnen eine schwangere Frau säße. Und 80 Prozent wäre es egal, ob hinter ihnen eine ältere Person unter Platznot leidet.

Da wäre es wohl tatsächlich sinnvoll, wenn das Personal offizielle "Zurücklehn-Zeiten" bestimmte, statt auf das Wohlverhalten und die gute Erziehung der Passagiere zu hoffen. Diese vergessen die Fluggäste schon mal, wenn sie sich in einen kaum mehr als 43 Zentimeter breiten Sitz quetschen müssen, und das stundenlang.

Von Lehne zu Lehne beträgt der Abstand im Durchschnitt knapp 80 Zentimeter. Erschwerend hinzu kommt der Nebenmann, mit dem man sich eine Armlehne teilen muss. Der psychologische Wohlfühlabstand zu einem Fremden beträgt übrigens mehr als 60 Zentimeter.

Kein Wunder, dass die grenzenlose Freiheit über den Wolken gerne vom Boden aus besungen wird. Oben in der Luft sind die Grenzen ganz nah.

Der Lohn für die Enge: Je mehr Passagiere ins Flugzeug passen, desto billiger wird es, belegt die Welt mit historischen Zahlenspielen. Ein Spaß ist das Reisen dicht an dicht trotzdem nicht.

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