Rio de Janeiro Der Strand, ein "Kriegsschauplatz"

Die Strände von Rio sind weltberühmt und für alle zugänglich - bisher. Neuerdings sind Badegäste aus den Armenvierteln höchst verdächtig. Und die Polizei rüstet auf.

Von Boris Herrmann, Rio de Janeiro

Operation Sommer, das klingt toll. Wie ein Werbespruch für Sonnencreme oder Erdbeereis. In Rio, wo die heiße Jahreszeit gerade die warme ablöst, ist es eine Form der Kriegsführung. Es war der Polizeichef der Stadt, der neulich öffentlich von einem "Kriegsschauplatz" sprach. Gemeint waren Rios Strände.

Operation Sommer (Operação Verão), das bedeutet: Hubschraubereinsätze und schwer bewaffnete Spezialeinheiten an den berühmten Promenaden von Copacabana und Ipanema. Tatsächlich wurden dort zuletzt wieder Badegäste von kriminellen Jugendbanden ausgeraubt. "Arrastoes", sagen die Brasilianer dazu. Über das Problem wird seit 25 Jahren diskutiert. Relativ neu sind: die Kriegsmetaphorik der Behörden, die Radikalität der Gegenmaßnahmen sowie eine ernst gemeinte Debatte über die Frage: Wer darf zum Stand? In Rio!

Es ist keineswegs nur ein Klischee, dass sich diese Stadt über ihre Strände definiert. Die Copacabana ist weit mehr als eine Badestelle, sie ist ein sozialer Mikrokosmos, einer der wenigen öffentlichen Orte, wo sich extremer Luxus und extreme Armut begegnen. Und zwar in den gleichen Badelatschen. Es heißt, die Strände seien demokratisch. Aber das bröckelt gerade.

An den Wochenenden werden jetzt öffentliche Buslinien, welche die Armenviertel im Norden mit der reichen Südzone verbinden, umgeleitet. Die Polizei errichtet Straßensperren, um "verdächtige Passagiere" aus dem Verkehr zu ziehen, bevor sie überhaupt in Strandnähe kommen. Verdächtig macht sich, wer männlich, jung und dunkelhäutig ist, wer keinen Ausweis, kein Geld, kein T-Shirt dabei hat. Kurzum: das typische Problem-Kid aus der Favela.

Viel besungen, viel besucht: Der Strand von Ipanema gehörte bisher allen, doch das könnte sich ändern: Die Polizei will mögliche Straftäter fernhalten.

(Foto: Ricardo Moraes/Reuters)

Armut ist kein Verbrechen

Es gehe um "präventive Maßnahmen zur Herstellung der öffentlichen Ordnung", sagt Rios Bürgermeister Eduardo Paes. Im Hinblick auf Olympia im kommenden Jahr will er sich keine weitere Sicherheitsdebatte leisten. Menschenrechtler kritisieren, dass die Politik von Paes vor allem darin besteht, die Armut zu kriminalisieren, anstatt ihre Ursachen zu bekämpfen. "Es geht hier weniger um Sicherheit als um Ausgrenzung", sagt Thainã de Medeiros, 32, wohnhaft im Complexo do Alemão, einer der großen Armensiedlungen Rios.

Thainã de Medeiros ist der Anführer der Bewegung "Coletivo Papo Reto", die sich für freien Strandzugang für alle einsetzt. Sie mobilisieren ihre Leute im Netz, organisieren Demos und Konzerte und rufen Parolen wie: "Ohne Hemd herumzulaufen, ist kein Verbrechen." Bei einer Veranstaltung am Wochenende in Ipanema kreiste ein Polizei-Hubschrauber um die Bühne, stets die Waffen auf den Sprecher gerichtet.

Die Polizei patroulliert, doch einigen Anwohnern geht das nicht weit genug. Sie versuchen, die Strände auf eigene Faust zu schützen.

(Foto: Leo Correa/AP)

Einigen Anwohnern gehen die Maßnahmen trotzdem nicht weit genug. Sie versuchen, die Strände auf eigene Faust zu schützen. Kampfsportler und Bodybuilder aus der weißen Mittel- und Oberschicht, sogenannte Justiceiros, jagten neulich dunkelhäutige Kinder durch die Straßen. Als diese in einem Linienbus Schutz suchten, zerschlugen die selbsternannten Ritter des Rechts die Scheiben.

Einem minderjährigen Taschendieb wurde ein Teil des Ohres abgeschnitten, bevor er mit einer Fahrradkette an einen Laternenmast gebunden wurde. Da war die Polizei nicht ganz so schnell zu Stelle.

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