Checkpoint Charlie "Die meisten Besucher haben keine Ahnung von Geschichte"

"Die Berliner nennen das Saufstraße": Szenerie am Checkpoint Charlie, einer der Hauptattraktionen Berlins.

(Foto: AberYoko Aziz/Avenue Images)

Verbuddelt, verscherbelt, vergessen: Mitten in Berlin wird um den Umgang mit der deutsch-deutschen Geschichte gerungen. Ein Tag am Checkpoint Charlie.

Reportage von Verena Mayer

Ein amerikanischer Soldat schlägt mitten in Berlin die Hacken zusammen und plärrt eine japanische Reisegruppe mit "Sayonara" an. Er deutet mit einer Handbewegung an, dass er ihre Pässe sehen will, bevor sie weitergehen, aber ein bisschen plötzlich! Die Japaner kommen näher und kramen gehorsam in ihren Taschen. Es ist ein kalter Wintermorgen im Jahr 2016, und am Checkpoint Charlie in Berlin herrscht noch immer Kalter Krieg.

Na ja, fast. Der Soldat ist Schauspieler und posiert für die Touristen. Hand an die Mütze, Foto, zwei Euro, thank you und Sayonara. Auch sonst ist nicht viel echt am früheren Grenzübergang. Das weiße Kontrollhäuschen der Alliierten samt Sandsäcken ist eine Kopie, ebenso das Schild mit dem berühmten Satz "You are leaving the American Sector". Und überall Fastfood-Restaurants, Souvenirläden, Currywurstbuden, fliegende Händler mit Russenmützen. Wäre es wärmer, würde noch der Caipirinha fließen, und die Traveller aus den Hostels würden Party machen. Ein Reiseführer lotst eine Gruppe Lehrer aus dem Schwäbischen durch das Gewusel. "Die Berliner nennen das Saufstraße", sagt er.

Ein ganz normaler Tag an einem der wichtigsten Orte deutsch-deutscher Geschichte.

Jedes deutsche Schulkind auf Klassenfahrt kommt hier irgendwann vorbei

Der Checkpoint Charlie, mitten in der Hauptstadt. Auf der ganzen Welt kennt man den früheren Grenzübergang, der seinen klingenden Namen dem Buchstabier-Alphabet der Nato verdankt: C wie Charlie war nach dem Checkpoint Alpha (bei Helmstedt-Marienborn) und dem Checkpoint Bravo (Dreilinden-Drewitz) der dritte alliierte Kontrollpunkt, ein Ort von strategischer Bedeutung und mit höchster Symbolkraft.

Das Foto, auf dem sich kurz nach dem Mauerbau sowjetische und amerikanische Panzer gegenüberstehen, ist in unzähligen Geschichtsbüchern abgedruckt, Filme und Romane spielen hier. Jeder Reisebus und jedes deutsche Schulkind auf Klassenfahrt kommen irgendwann vorbei, mehr als vier Millionen Leute im Jahr. Michelle Obama war auch schon da.

4,1 Millionen

Besucher kommen jedes Jahr zum Checkpoint Charlie, wo die erste Ausstellung über die Mauer bereits im Jahr 1963 eröffnete. Es ist nicht der einzige Publikumsmagnet: 1,2 Millionen besuchten 2015 die "Topographie des Terrors", in der Berlin als Machtzentrale der Nationalsozialisten beleuchtet wird. 950 000 Besucher kamen 2015 zur Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Das frühere Stasi-Gefängnis in Berlin- Hohenschönhausen lockte 444 000 Besucher an. 584 000 Leute gingen ins DDR-Museum, und seit dem Jahr 2005 haben mehr als fünf Millionen Menschen die Ausstellung des Holocaust-Mahnmals in Berlin besucht.

"Entschuldigen Sie bitte, wo ist die Mauer?"

Der Checkpoint Charlie - das ist eine Straßenkreuzung, die von Bürobauten mit gesichtslosen Glasfassaden eingerahmt wird. Der Wind pfeift durch die Häuserschluchten, dazwischen Brachland und ein Sammelsurium aus Schautafeln, Infowänden, Kunstinstallationen, privaten und öffentlichen Museumsräumen. Der Berliner Verkehr verkeilt sich mit hupenden Touristenbussen, es ist laut, riecht nach Abgasen. Immer wieder stolpert ein Tourist mit seinem Lonely Planet vorbei und sagt: "Entschuldigen Sie bitte, wo ist die Mauer?" Auf den ersten Blick ist dies der geschichtsloseste Ort der Welt.

Tom Luszeit hat aus dem Mythos ein Geschäft gemacht. Der 43-Jährige steht am Straßenrand und guckt den verkleideten Soldaten zu, wie sie zwei aufgetakelten Italienerinnen Uniformkappen aufsetzen. Daumen hoch, Foto, zwei Euro, grazie. Luszeit ist gelernter Schauspieler, er gab selbst jahrelang den Soldaten, mal den Amerikaner, mal den Russen.

Irgendwann kam er auf die Idee, sich in einer alten Uniform an den Checkpoint Charlie zu stellen. Er habe provozieren wollen, sagt er, den Leuten zeigen, was hier passiert ist. Heute ist er Chef einer ganzen Soldatentruppe. In Rom stehen die Gladiatoren-Darsteller vor dem Kolosseum, mit denen man ein Selfie machen kann, in Berlin gibt es die Kalten Krieger vor dem Mauermuseum.